Walschützer Paul Watson 007 der Meere

Er gehörte zu den Greenpeace-Mitgliedern der ersten Stunde - und fand die Organisation schon bald nicht mehr radikal genug: Der Kanadier Paul Watson kämpft militant für den Schutz der Wale. Nun gab es einen dramatischen Zwischenfall in der Antarktis, sein Hightech-Boot "Ady Gil" wurde gerammt.

Von

AP

Irgendwann sind ihm seine einstigen Kollegen zu lasch geworden. Seit 1977 arbeitet Paul Watson, 59, Greenpeace-Mitglied der frühen Stunde mit Karteinummer 007, auf eigene Faust. "Ich bin nicht da, um zuzuschauen, wie sie Wale töten. Ich bin da, um sie zu stoppen", lautet das Credo des wuchtigen, weißhaarigen Kanadiers. Seine Umweltschutzorganisation Sea Shepherd ist für ihre rüden Methoden bekannt - allerdings bestreitet Watson, dass bei den Einsätzen seiner Aktivisten jemals Menschen mutwillig verletzt wurden.

"Waltzing Mathilda" nennt Sea Shepherd die aktuelle Aktion gegen die japanische Walfangflotte in der Antarktis. Nun hat der schon in der Vergangenheit mit harten Bandagen geführte Kampf zwischen Watsons Mannen und den Fangschiffen aus Fernost einen neuen Höhepunkt erreicht: Das japanische Walfangschiff "Shonan Maru 2" rammte ein schnittiges Hightech-Schiff der Umweltschützer. Von dem biodieselbetriebenen Hightech-Flitzer "Ady Gil", der angeblich zwei Millionen Euro kostete und einst unter dem Namen "Earthrace" so schnell wie kein anderes Wasserfahrzeug die Erde umrundete, ist kaum mehr als Schrott übrig. Die sechs Besatzungsmitglieder konnten gerettet werden - und Watson konnte sich zumindest der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sicher sein.

Auch in diesem Südsommer ist Japans Walfangflotte wieder auf der Jagd, unter dem Vorwand der Forschung sollen in den eiskalten Wassern des Südozeans mehr als 900 Zwerg-, bis zu 50 Finn- und 50 Buckelwale getötet werden. Und wieder, wie in den vergangenen Jahren, will Watson Tokios Walfängern mit beinahe allen Mitteln die Stirn bieten. Mehr als 30 Jahre lang kämpft er schon gegen die Tötung der Meeressäuger. Obwohl ein internationales Moratorium seit 1986 dies de facto verbietet, töten außer den Japanern auch Grönländer, Norweger und Isländer die Tiere weiterhin.

"Aggressive Nichtgewalt" nennt der rauschebärtige Watson die nicht unumstrittene Strategie von Sea Shepherd: Die Aktivisten werfen unter anderem von ihren Schiffen - die Organisation spricht gern von "Neptuns Marine" - Flaschen stinkender Buttersäure auf die Walfänger. Die Japaner sprechen hingegen von "terroristischen Angriffen" und wehren sich unter anderem mit Wasserstrahlrohren, Leuchtmunition und Schallkanonen. Watson behauptete im Jahr 2008 sogar, von einem japanischen Walfänger beschossen worden zu sein. Einen definitiven Beweis dafür gibt es allerdings nicht. Im gleichen Jahr enterten zwei seiner Mitstreiter den japanischen Walfänger "Yushin Maru 2" - und wurden dort prompt festgesetzt.

"Wenn Leute uns Terroristen nennen, dann ist das eine Beschimpfung"

"Wir sind keine Terroristen und keine Kriminellen. Wir haben nie jemanden verletzt, wir haben nie jemanden getötet. Wenn Leute uns Terroristen nennen, dann ist das eine Beschimpfung", sagte Watson dem Magazin "Neon". Trotzdem spielt er gern den Martialischen, lässt seine Schiffe wie die "Steve Irvin" komplett schwarz anstreichen und hisst darauf die Piratenflagge.

Aktivisten der Organisation rühmen sich damit, über die Jahre zahlreiche Schiffe versenkt zu haben - so unter anderem in Island (1986) und Norwegen (1992). Für letztere Aktion wurde Watson von einem Gericht auf den Lofoten in Abwesenheit verurteilt. Er musste seine 120-tägige Gefängnisstrafe aber nicht vor Ort absitzen. Die Niederlande weigerten sich, Watson auszuliefern - und behielten ihn gleichzeitig insgesamt 80 Tage in Gewahrsam.

Im Gebiet der Grand Banks vor der kanadischen Küste gingen Watson und seine Mannen rüde gegen spanische und kubanische Schleppnetzfischer vor. Die Umweltschützer protestierten auch gegen die aus ihrer Sicht problematische Robbenjagd in Kanada. Im April 2008 beschlagnahmten Polizei und Küstenwache Kanadas ein Schiff von Sea Shepherd in der Cabot Strait zwischen Cape-Breton-Halbinsel und Neufundland. Der Vorwurf: Die "Farley Mowat" habe sich den Robbenjägern unerlaubt genähert. Die Umweltschützer konterten, das Schiff habe sich in internationalen Gewässern befunden, hätte also gar nicht geentert werden dürfen.

Für manche ist Watson ein Held - zu seinen Unterstützern zählen unter anderem Hollywood-Stars wie Pierce Brosnan und Daryl Hannah -, für manche ist er ein rücksichtsloser Egozentriker. Aus der Greenpeace-Führung wurde er 1977 mit elf zu einer - seiner eigenen - Stimme ausgeschlossen. Seitdem liegt man im Clinch. Im Jahr 1991 soll Watson eine Art Stillhaltepakt mit den früheren Kollegen geschlossen haben. Niemand, so stellt es jedenfalls Greenpeace dar, werde in Zukunft schlecht über den anderen sprechen.

"Wir unterscheiden uns von Paul Watson im Bezug auf die Gewalt"

Genützt hat der Deal freilich nicht viel. Wo überhaupt der Unterschied liege zwischen dem Ölkonzern Exxon und Greenpeace, stichelte Watson bereits im Jahr 1996: "Die verkaufen den Menschen Öl, um Geld zu machen. Greenpeace verkauft ihnen ein gutes Gewissen gegen Spendenbescheinigung. Das ist reiner Ablasshandel." Die derart gescholtenen kommentieren die Mehrzahl der Aktionen Watsons bewusst nicht, stellen in einem eigens angefertigten Statement jedoch eines klar: "Wir unterscheiden uns von Paul Watson im Bezug auf die Gewalt."

Nach dem folgenschweren "Ady Gil"-Crash spricht der inzwischen sogar von einem "echten Walkrieg". Und setzt dann trotzig nach: "Die Wale sind uns mehr wert als Schiffe, wir machen deshalb weiter."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
Ursprung 06.01.2010
1. Terror fuer Tierschutz?
Um es vorweg klarzustellen: die Japaner verstossen bewust und betruegerisch gegen internationale Abmachungen mit der verbotenen Toetung der Wale. Das wiegt auch ethisch schwer, denn den Walen wird von manchen Biologen ein weiter entwickeltes Gehirn als bei Menschen zugeschrieben und ein hoeher entwickeltes Bewusstsein als das der Menschen nicht ausgeschlossen. Alles dies duerfte den "forschenden" Stellen in Japan bekannt sein und das Verhalten ist deshalb umso perfider und kriminell. Doch es geht nicht, dass selbsternannte Weltwasserpolizisten mit Mitteln einen "Krieg" anzetteln, die nach internationalem Seerecht ebenfalls kriminell sind. Wie z. B. absichtlich mit Stahltrossen irgendein Schiff manoevrierunfaehig zu machen. Das sind Mitteln der Piraterie. Und ist ebenso seerechtsillegal wie der auf den Bildern ziemlich offensichtliche Absichts-Rammstoss. Mit "nicht gesehen", einzige Verteidigungsmoeglichkeit, kann der Rammer nicht argumentieren, da seine Wasserwerfer sehr gezielt vor und nach dem Rammstoss auf den Gegner gerichtet bleiben, die Photos zeigen das. Beider Verhalten gehoert vor ein Seegericht. Leider haelt der Artikel die wichtige Frage zurueck, WER denn eigentlich die Rettung der Besatzungsmitglieder des gerammten Bootes organisiert hat. Wieso ist denn auf hoher See ploetzlich ein Schlauchboot mit kostruktiv nur kurzer Aktionsreichweite vorhanden zur Rettung? Kam das etwa von dem rammenden Schiff oder war es das der Tierschuetzer? Gingen die Geretteten an Bord ihres Feindes oder fanden sie ein anderes Schiff zu ihrer Aufnahme? Was hat der Rammer pflichtgemaess unternommen, um die Menschenleben zu retten? Es fehlt 50 % eines einigermassen informierenden Artikels durch den Berichterstatter!
descartes101, 06.01.2010
2. .
Zitat von sysopEr gehörte zu den Greenpeace-Mitgliedern der ersten Stunde - und fand die Organisation schon bald nicht mehr radikal genug: Der Kanadier Paul Watson kämpft mit militanten Mitteln für den Schutz der Wale. Nun muss seine Organisation einen dramatischen Zwischenfall in der Antarktis verkraften. http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/0,1518,670480,00.html
Wenn Sea Shepherd verspricht, in Zukunft bewaffnete Unterseeboote zur Bekämpfung des Walfangs einzusetzen, bin ich der erste, der spendet. Anders als militant ist diesen Leuten nicht beizukommen. Ein Wal ist jedenfalls meiner Meinung nach mehr wert als ein Walfangschiff.
Steff-for 06.01.2010
3. Sehr gut!
Zitat von descartes101Wenn Sea Shepherd verspricht, in Zukunft bewaffnete Unterseeboote zur Bekämpfung des Walfangs einzusetzen, bin ich der erste, der spendet. Anders als militant ist diesen Leuten nicht beizukommen. Ein Wal ist jedenfalls meiner Meinung nach mehr wert als ein Walfangschiff.
Thats it !!! Bin ich auch dabei! Steff
puter70 06.01.2010
4. Dank an den Meeres- 007
Alle Meere sind durch Verschmutzung und rücksichtslose Überfischung in einem katastrophalen Zustand. Wir haben es geschafft, dass dieses wunderbare, auch für uns lebensnotwendige Ökosystem vor dem Kollaps steht. Wenn nicht sofort mit weltweiten, drastischen Schutzmaßnahmen begonnen wird, ist es für eine Rettung zu spät.-- Menschen wie Paul Watson versuchen mit ihren zwar spektakulären aber bescheidenen und im Grunde relativ wirkungslosen Kräften und Mitteln auf den kriminellen, verantwortungslosen, schädlichen und dummen Umgang mit der Meeresfauna hinzuweisen und tun dies in besonders anerkennenden Weise für die vom Aussterben bedrohten Wale. Sie verdienen unseren Respekt, Dank und Anerkennung für ihren beispielgebenden Einsatz!!
Osis, 06.01.2010
5. blub
Zitat von descartes101Wenn Sea Shepherd verspricht, in Zukunft bewaffnete Unterseeboote zur Bekämpfung des Walfangs einzusetzen, bin ich der erste, der spendet. Anders als militant ist diesen Leuten nicht beizukommen. Ein Wal ist jedenfalls meiner Meinung nach mehr wert als ein Walfangschiff.
Jop. Das Vorgehen der Fänger ist kriminell. Und die Politik schweigt. Ein versenktes boot lässt sich verschmerzen, der Verlust für den Genpool der Wale nicht.
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