Widerstand gegen Schulcomputer Nicht hören, nicht sehen, nicht digitalisieren

Die Bundesbildungsministerin will Milliarden in Computer für Schulen investieren - und wird dafür heftig kritisiert. Die Argumente der Kritiker illustrieren, was in Deutschland schiefläuft in Sachen Digitalisierung.

Schülergruppe an Laptops
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Schülergruppe an Laptops

Eine Kolumne von


Der zu früh verstorbene Frank Schirrmacher hat einmal geschrieben, er sei nicht gegen das Internet, er sei ja auch nicht gegen das Wetter. Der Satz stammt aus dem Jahr 2007, dem Jahr, in dem mit dem ersten iPhone das mobile Internet in unseren Alltag Einzug hielt. Selbst Schirrmacher hätte wohl kaum vorhergesehen, wie schnell Smartphones diesen Alltag umkrempeln würden.

Heute wirkt der Vergleich mit dem Wetter passender denn je, weil die Digitalisierung tatsächlich so mächtig und unausweichlich scheint wie ein Naturereignis. Mit einem wichtigen Unterschied: Regen fällt nicht, weil die Leute ihn zu sich einladen, der Wind weht nicht, weil die Menschen das so wollen. Bei der Digitalisierung ist es anders: Niemand hat all die Menschen, die heute in U-Bahnen auf Bildschirme starren, gezwungen, sich Smartphones zu kaufen. Sie haben das selbst entschieden, weil Smartphones so nützlich sind. Das blenden die gerade hierzulande zahlreichen Digitalisierungskritiker von Hans Magnus Enzensberger bis Harald Welzer gerne aus.

Finger in die Ohren stecken, "lalalala" rufen

All das ist eben nicht wie ein Naturereignis über uns hereingebrochen, wir alle sorgen permanent mit lauter individuellen und manchmal auch kollektiven Entscheidungen dafür, dass die Digitalisierung weiter voranschreitet. Manchmal möglicherweise ein bisschen schneller, als die Gesellschaft das verdauen kann, aber so ist das nun mal mit fundamentalen Umwälzungen.

Was die Gesellschaft deshalb dringend braucht, ist Hilfe beim Verdauen, und zwar in Form von Bildung. Wer nicht versteht, wie Software funktioniert, wer den ersten Google-Treffer prinzipiell für die richtige Antwort hält, wer nur noch "Call of Duty" und gar nicht mehr Fußball spielt, für den hat die Digitalisierung vermutlich mittelfristig tatsächlich negative Auswirkungen. Wer ihr aber begegnen möchte, in dem er die Zeigefinger fest in beide Ohren steckt und laut "lalalalala" ruft, den wird sie überrollen und zurücklassen.

Womit wir bei Manfred Spitzer und dem Präsidenten des Lehrerverbands, Josef Kraus, wären. Kraus ist 67 Jahre alt und als Schulleiter seit 2015 im Ruhestand, für die Lehrerschaft spricht er aber trotzdem noch. Er ist ein Pädagoge der ganz alten Schule, hat Bücher mit Titeln wie "Ist die Bildung noch zu retten?" und "Bildung geht nur mit Anstrengung" geschrieben. In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident hat er diese Woche nun in diversen Interviews die Pläne von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) kritisiert, deutschen Schulen bis 2021 fünf Milliarden Euro für Computer und WLAN zur Verfügung zu stellen.

Gefahr für den zwischenmenschlichen Diskurs?

Schon bevor die Pläne überhaupt offiziell vorgestellt worden waren, warnte Kraus im Radio vor "Kollateralschäden". Schüler würden durch Rechner im Unterricht bestimmt dazu verführt, sich "nur noch Häppchen-Informationen und Häppchen-Wissen anzueignen", außerdem werde der zwischenmenschliche Diskurs unter der Totaldigitalisierung des Unterrichts leiden.

Der Anti-Digitalisierungsprediger Manfred Spitzer ("Digitale Demenz") stieß erwartungsgemäß ins selbe Horn. Der schönste Satz, den er dabei sagte, war dieser: "Wenn ich Informationsverarbeitung nicht im Gehirn, sondern im Computer betreibe, hat das Gehirn nichts gelernt." Nach dieser Logik wären auch handschriftliche Notizen besser zu vermeiden, weil man lieber alles auswendig lernen sollte, oder Stift und Karopapier im Mathematikunterricht von übel, weil nur wirklich lernt, wer alle Gleichungen im Kopf löst.

Wir machen alle freiwillig mit

Der Satz soll, so ist es bei Spitzer immer, so klingen, als gäbe es handfeste neurophysiologische Belege dafür, dass das Internet und Computer dumm machen. Das ist aber nicht so. Im Übrigen tut es hier auch gar nichts zur Sache. Es geht auch nicht um die Frage, ob Kinder mithilfe von Computern besser rechnen, schreiben und lesen lernen können. Es geht darum, dass sie in eine Welt hineinwachsen, in der Computer nun einmal zum Alltag gehören.

Die Digitalisierung ist da, sie geht weiter, sie ist nicht aufzuhalten. Weil, noch mal: Weil wir alle freiwillig mitmachen, aus guten Gründen. Weil es nützlich ist, das Wissen der Welt immerzu in der Hosentasche zu haben, immer zu wissen, wo genau man gerade ist, sich jederzeit mit Freunden und Familie austauschen zu können (Stichwort "zwischenmenschlicher Diskurs") und so weiter.

Wenn wir, wie Kraus das formuliert, "Kollateralschäden" all dessen vermeiden wollen, dann geht das nicht, indem wir uns die Finger in die Ohren stecken und "lalalala" singen. Es funktioniert nur, indem wir die rasante Entwicklung aktiv begleiten und in sinnvolle Bahnen lenken. Das muss maßgeblich in der Schule passieren, weil die Entwicklung auch vielen Eltern einfach zu schnell geht und sie deshalb allzu oft schlechte Vorbilder für ihre Kinder abgeben.

Wer Schülern nicht beibringt, dassein Wikipedia-Eintrag womöglich nicht der Weisheit letzter Schluss zu einem Thema ist, wer Angst vor all den "Informationshäppchen" da draußen hat, aber keine Alternativen anbietet, wer Schülern nicht beibringt, was ein Algorithmus ist und wie er womöglich schon jetzt ihre Informationsdiät bestimmt, der lässt sie im Stich. Und, das nebenbei, wer kommende Generationen nicht frühzeitig mit einem Basiswissen in Informatik ausstattet, der versündigt sich auch an der deutschen Volkswirtschaft.

Wanka weiß das, aber sie darf sich in die Lehrpläne deutscher Schulen nicht einmischen, die sind ja nun mal Ländersache. Also versucht sie, die Länder mit Geld und guten Worten dazu zu bringen, sich der Herkules-Aufgabe Digitalisierung zu stellen. Das mag unbeholfen wirken, aber es ist ohne Zweifel ein Schritt in die richtige Richtung.

Kraus, Spitzer und die übrigen Kritiker fordern im Grunde, dass sich das Bildungssystem aus dieser Herkules-Aufgabe heraushalten soll. Das ist ein bisschen so, als hofften sie, dass man schon nicht nass werden wird, wenn man den Regen nur tatkräftig ignoriert.

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Seite 1
fördeanwohner 16.10.2016
1. -
Man kann das mit der Digitalisierung der Schule und dem Zwangsgebrauch von Tablets &Co und dem Internet dort vielleicht auch anders sehen. Die Kids finden ja Dinge, die sie in der Schule machen MÜSSEN, meistens per se doof. Meine Erfahrung: Lernsoftware für Englisch, die wirklich nett aufbereitet ist, wird natürlich nicht zuhause verwendet, da das ja "Schule ist". Vielleicht nehmen die Kids dann privat auch weniger ihre Smartphones usw. in die Hand, wenn sie ständig in der Schule damit arbeiten müssen.
wpkatz 16.10.2016
2. nützlich?
Die unbewiesene Behauptung, dass ständiges Verbundensein mit der Welt auch in der U-Bahn ungeheuer nützlich sei, zweifle ich stark an.
langenscheidt 16.10.2016
3. Digitalisierung des Alltag
Ist doch in Ordnung, wenn es Gegner gibt. Man nimmt deren Kritik zur Kenntnis und vearbeitet diese mit eigenem Wissen und Erkenntnissen. Ist es nicht das, was "Alt-Pädagogen" wünschen? Übrigens: mittlerweile sollten beim Thema Digitalisierung des Alltags nicht allein die Schulen lehren sondern auch die Eltern. Die heutigen Eltern sind allgemein alt genug für das Thema Digitalisierung des Alltags. Und das man nicht jeden derzeitigen Schüler wegen Dummheit der eigenen Eltern über Digitalisierung des Alltags aufklären kann ist kein Weltuntergang.
Alice D. 16.10.2016
4. das bringt das Problem auf den Punkt.
hatte der werte Herr Präsident des Lehrer Verbandes nicht gefordert, das ganze Geld statt in Digitalisierung in Schulbibliotheken zu stecken? Da es grade ärmere Kinder nötig hätten, Zugang zu Büchern zu kriegen. Nun ist diesem Herrn anscheinend nicht bewusst, dass die größte Menge an Informationen in Netz erreichbar ist, und dies zudem in Textform. Da kann keine Bibliothek der Welt mehr mithalten. Um dafür Sorge zu tragen, dass künftige Generationen nicht so inkompetent und abhängt von Fortschritt sind, ist diese keine ?Digitalisierung der Schule? weniger als ausreichend, es bedarf viel mehr. da s Problem ist, das die meisten Personen, welche hier Entscheidungsgewalten haben, leider aus einer Generation kommen, wo Digitalisierung keine Rolle gespielt hat. Es bedarf eines Aufstandes der Jugend, denn alle vor 1980 geborenen sind leider grade dabei heutigen und künftigen Generationen ein Digitalisierungsdefizit (Internet, Bildung, Aufklärung, Sicherheit) einzubrocken, was ist auf eine persönliche Ablehnung oder Furcht vor dem Thema, oftmals auch einfache Unwissenheit zurückzuführen ist.
Orgelprof 16.10.2016
5. Computer sind Arbeitsmittel,
sind Werkzeuge wie Tafeln, Kreide, Stifte, Lexika und, und, und. Sie ersetzen auf keinen Fall die pädagogische Interaktion zwischen Lehrern und Schülern, können diese aber vielfältig unterstützen. Sie sind einfach Teil der Infrastruktur, die ja überall in Deutschland verbessert werden muß. Investitionen in Lehrer und Lehrerstellen, intakte und "schöne" Gebäude, Verwaltungspersonal usw. dürfen keinesfalls mit Kosten für Digitalisierung verrechnet werden. Mehr strukturelle Investitionen täten Not. Das ist vermutlich auch die Kernkompetenz des Staates; ewig neue pädagogische Konzepte sind es nicht.
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