Flugzeugtechnik Wie die Blackbox besser werden könnte

Einer der beiden Egypt-Air-Flugschreiber ist endlich gefunden, doch vom Meeresboden geborgen ist er noch nicht. Dabei sind bessere Technologien längst verfügbar - schwimmende Flugschreiber zum Beispiel.

Bergung eines Flugschreibers vom Meeresgrund
AFP/ BEA

Bergung eines Flugschreibers vom Meeresgrund

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Zwei orange gestrichene Stahlkästen, etwas größer als ein Schuhkarton, jeweils vier bis fünf Kilogramm schwer - sie liefern nach einem Flugzeugabsturz die entscheidenden Daten für die Ermittler: Der Flugdatenschreiber (Flight Data Recorder) und der Stimmenrekorder (Voice Recorder) zeichnen auf, was in der Unglücksmaschine los war.

Doch wenn die Boxen nach einem Absturz nicht aufzufinden sind, ist das Schicksal des jeweiligen Jets nicht einfach zu klären. Das französische Spezialschiff "Laplace" hat nun zumindest eines dieser Geräte aus dem im Mittelmeer abgestürzten Egypt-Air-Flug 804 geortet, in bis zu 3000 Meter Wassertiefe. Die Fundstelle auf dem Meeresboden ist inzwischen auf einen zwei Kilometer großen Bereich eingegrenzt. Geborgen ist die Box aber noch nicht - und von dem anderen Datenrekorder fehlt weiter jede Spur.

Abwurf vor Aufprall aufs Wasser

Es ist nicht das erste Mal, dass die Suche nach den sogenannten Blackboxes frustrierend lange dauert: Im Fall des im Juni 2009 abgestürzten Air-France-Fluges 447 von Rio nach Paris fahndeten Spezialisten fast zwei Jahre. Und die Flugschreiber des Malaysia-Airlines-Fluges 370 von Kuala Lumpur nach Peking, der im März 2014 von den Radarschirmen verschwand, sind bis heute nicht gefunden. Der Absturz ist deshalb bis heute nicht aufgeklärt.

Dabei arbeiten Flugzeugtechniker bereits seit einiger Zeit an Lösungen für das Problem. So denkt man etwa bei Airbus daran, auswerfbare Flugschreiber einzuführen. Diese wären im Heck des Jets angebracht, im Höhen oder Seitenleitwerk zum Beispiel. Im Fall eines Unglücks würden sie abgeworfen werden - um anschließend besser auffindbar zu sein.

Zum Beispiel sollten die Datenrekorder im Fall eines Absturzes im Meer auf dem Wasser schwimmen. Sie müssten dann nur von Rettungskräften eingesammelt werden. Solche Geräte sind bereits kommerziell erhältlich, etwa vom Unternehmen DRS Technologies, einer Tochter des italienischen Leonardo-Finmeccanica-Konzerns.

Sprengstoff an Bord?

Denn im militärischen Bereich wird die Technik bereits seit längerer Zeit genutzt. In der Zivilluftfahrt kam sie vor allem deswegen lange nicht zum Zug, weil Unglücke vor allem bei Start oder Landung passierten - und die Flugschreiber in diesen Fällen einfach zu lokalisieren waren. Und natürlich, weil niemand Lust auf zusätzliche Kosten hatte.

Nun könnte die Technik trotzdem in Passagiermaschinen Einzug halten - wenn mögliche praktische Schwierigkeiten gelöst werden. So sind kleine Sprengladungen nötig, um die Flugschreiber im Fall eines Unfalls abzutrennen. Die Pyrotechnik muss immer mitgeführt werden - und darf nicht selbst zum Sicherheitsrisiko werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass sich die Flugschreiber nicht zufällig lösen, sondern tatsächlich nur bei einem Unglück.

Geborgene Rettungsweste des abgestürzten Flugzeugs von Egypt Air
REUTERS/Egyptian Military

Geborgene Rettungsweste des abgestürzten Flugzeugs von Egypt Air

"Wir sind zuversichtlich, dass sich die technischen Herausforderungen lösen lassen und dass ein solches System noch vor Ende des Jahrzehnts technisch umsetzbar sein kann", sagt ein Airbus-Sprecher auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin.

Als Erstes würden wohl die Langstreckenjets der Airbus-Flotte mit der neuen Technik ausgerüstet werden, der A380, der A350 und der A330 - weil sie es vor allem sind, die über den Weltmeeren unterwegs sind. Boeing, der andere große Flugzeugbauer der Welt, hat sich bisher eher skeptisch zu auswerfbaren Flugschreibern geäußert - und auf das Risiko eines unabsichtlichen Verlusts verwiesen.

Daten werden immer noch überschrieben

Die Uno-Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) hat jahrelang über das Thema beraten. Eine Verpflichtung, die neuen Flugschreiber einzuführen, gibt es bis heute nicht. Allerdings hat die ICAO ihre Mitglieder im März dazu aufgefordert, dass wichtige Flugdaten in Zukunft "zeitnah" nach einem Unglück zur Verfügung stehen müssen.

Dazu soll die genaue Position des Flugzeugs in problematischen Situationen mindestens einmal in der Minute übertragen werden. Außerdem soll die Aufzeichnungsdauer des Stimmenrekorders von um die zwei auf 25 Stunden erhöht werden. Bei den technischen Flugdaten, die ebenfalls auf dem Flugschreiber gespeichert werden, ist dieser Zeitraum bereits üblich. Es geht darum, dass auf jeden Fall der gesamte Flug erfasst ist - und die Daten nicht schon wieder überschrieben werden.

Fahndung nach Wrackteilen im Mittelmeer (22. Mai 2016)
AP

Fahndung nach Wrackteilen im Mittelmeer (22. Mai 2016)

Allerdings gelten die Regeln erst einmal nur für Flugzeuge, die nach 2021 ausgeliefert werden. Außerdem ist nicht festgelegt, welche Technologie Fluglinien und Hersteller verwenden sollen.

Nach 30 Tagen verstummt

Neben den auswerfbaren Flugschreibern kämen mindestens zwei weitere Ansätze in Betracht: Zum einen könnten die existierenden Flugschreiber mit kraftvolleren Notfallsendern ausgestattet werden. Aktuell haben die Sender der Blackboxes für rund einen Monat Strom. Ein Mal pro Sekunde pingen sie unter Wasser einen Ton der Frequenz 37,5 Kilohertz, weit jenseits des für Menschen Hörbaren. Wird das Wrack innerhalb der 30 Tage nicht gefunden, verstummen die Signale. Wer die Datenspeicher dann noch finden will, braucht viel Glück. In Zukunft könnte der Zeitraum auf - zum Beispiel - 90 Tage wachsen.

Eine dritte Möglichkeit wäre es, viel mehr Daten als bisher zu übermitteln, während sich das Flugzeug in der Luft befindet. Das wird zwar heute schon gemacht - allerdings nur für eine überschaubare Menge an Wartungsinformationen. Das Problem: Ein Flugschreiber würde dagegen zum Teil mehr als hundert Parameter mehrere Male pro Sekunde aufzeichnen - und diese alle über Satellit weiterzuleiten wäre nicht eben billig für die Fluggesellschaften.

Denn das ist eines der entscheidenden Probleme: Nach jedem spektakulären Flugzeugunglück über offenem Wasser ist zuletzt über Technik zur Ablösung der klassischen Black Boxes diskutiert worden. Passiert ist auch deswegen nicht viel, weil niemand Druck macht. Flugzeugbauer haben sich schon vor Jahren beklagt, dass Fluggesellschaften lieber neue Entertainment-Technologien ordern, als bessere Notfalltechnik einzubauen.

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