WikiLeaks-Enthüllungen USA und Deutschland planen Späher im All

Die USA und Deutschland denken gemeinsam über die Entwicklung von neuen Satelliten nach, die auch für Spionage genutzt werden könnten. Das geht aus Depeschen der US-Botschaft in Berlin hervor. Laut den WikiLeaks-Dokumenten gibt es dabei Widerstand aus Frankreich.

Von und

Deutsches Raumfahrt-Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen: Präzise Bilder für die Dienste
REUTERS

Deutsches Raumfahrt-Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen: Präzise Bilder für die Dienste


Hamburg/Berlin - Die USA und Deutschland beraten laut WikiLeaks-Enthüllungen über die Entwicklung von neuen Spionagesatelliten. Das geht nach SPIEGEL-Informationen aus Depeschen der US-Botschaft in Berlin aus der Zeit zwischen Februar 2009 und Februar 2010 hervor.

Das Projekt namens HiROS (High Resolution Optical System) sieht den Bau von sechs Satelliten vor, die ab 2014 hoch auflösende Bilder zur Verfügung stellen sollen. Die Fotos sollen noch Objekte von 50 Zentimeter Größe erkennbar machen und in wesentlich kürzerer Zeit zur Verfügung stehen als bisher üblich. Auch sollen die Satelliten dank Infrarottechnik nachts einsetzbar sein. Die Kosten für HiROS werden laut den Depeschen auf mehrere hundert Millionen Euro veranschlagt.

Offiziell werde das Projekt als zivil deklariert, es solle Umweltzwecken dienen, heißt es in den Berichten. Vor allem sollen Teile von HiROS laut den Depeschen aber unter Kontrolle des Bundesnachrichtendienstes (BND) stehen. Eine Zusammenarbeit mit Frankreich oder einem anderen EU-Staat sei nicht vorgesehen - im Gegensatz zum Programm "Multinational Space-based Imaging System" (Musis) unter Beteiligung Deutschlands, Frankreichs, Belgiens, Griechenlands, Italiens und Spaniens.

Deutschland glaube, dass HiROS ein "logischer, mit niedrigem Risiko behafteter nächster Schritt ist, seine nationale Weltraum-Aufklärungsarchitektur auszubauen", heißt es in einer Depesche der US-Botschaft in Berlin vom 12. Februar 2009. Die Deutschen hätten zuletzt "beeindruckende Fortschritte" bei der Sammlung von Radar-Satellitendaten gemacht, insbesondere dank des "SAR-Lupe"-Systems. Bei der Erweiterung seiner Fähigkeiten in diesem Bereich wolle sich Berlin aber "nicht mehr auf andere EU-Mitglieder wie etwa Frankreich verlassen". Die Pläne "fordern die Dominanz Frankreichs bei der elektro-optischen Datensammlung Europas heraus", heißt es in einer weiteren Depesche der US-Botschaft vom 20. Mai 2009.

Hauptauftragnehmer bei dem Projekt könnte die Bremer Firma OHB System werden. Das habe politische Gründe, wie es in einer Depesche vom 20. November 2009 heißt: "Zumindest auf dem Papier soll eine rein deutsche Firma die Projektentwicklung führen." Zwar sollten zunächst nur EADS-Astrium und das DLR für die Entwicklung verantwortlich sein. Dann aber sei deutlich geworden, dass Frankreich über seine Beteiligung an EADS das Projekt torpedieren wolle - um das Geschäft mit seinen eigenen kommerziellen Satelliten zu protegieren. Deshalb sei die Entscheidung gefallen, OHB mit an Bord zu nehmen.

OHB-Sprecher Steffen Leuthold erklärte auf Anfrage, dass bislang keine Entscheidung zugunsten von OHB gefallen sei. "Das 'HiROS'-Projekt befinde sich derzeit in der Angebotsphase", sagte Leuthold. "Wir schreiben Angebote wie die anderen Raumfahrtunternehmen auch. Am Ende wird das Beste gewinnen."

Derzeit sei noch unklar, wie die Satelliten finanziert werden - und damit auch, ob sie überhaupt je gebaut werden. "Es sind schon viele solche Projekte gescheitert, weil die vorliegenden Angebote das Budget gesprengt haben", sagt Leuthold. Dennoch sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass "HiROS" komme, da mit den USA ein finanzstarker Partner beteiligt sei.

Ob OHB - wie es in den Botschaftsdepeschen heißt - vor allem aus politischen Gründen an Bord geholt wurde, wollte Leuthold nicht weiter kommentieren. Er wies allerdings darauf hin, dass auch ein rein nationales Projekt in die europäischen Strukturen einbezogen werden könne. Das habe etwa das "SAR-Lupe"-System bewiesen, das ebenfalls als deutsches Projekt gestartet ist, ehe im Juli 2002 ein Kooperationsvertrag mit Frankreich geschlossen wurde.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt reagierte zurückhaltend auf die Depeschen: "Seit etwa zwei Jahren werde ein Projektvorschlag für einen hochauflösenden, optischen Satelliten diskutiert", erklärte DLR-Sprecher Andreas Schütz in einer schriftlichen Antwort. Ziel des Projekts HiROS sei die Bereitstellung hoch aufgelöster Bilder für "staatliche Nutzungsbereiche", etwa das Krisenmanagement bei Naturkatastrophen oder wissenschaftliche Anwendungen. "HiROS ist kein Spionagesatellit, ebenso kein geheimes Projekt." Der Zeitpunkt der Umsetzung sei unklar.

Vizeregierungssprecher Christoph Steegmanns erklärte am Montag auf Anfrage, die Bundesregierung gebe grundsätzlich keine Stellungnahme zu den WikiLeaks-Veröffentlichungen ab und kommentiere auch grundsätzlich nicht die Tätigkeit der Geheimdienste.

Auch vom BND hieß es: "Kein Kommentar".

Mit Material von AFP



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 132 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
unente, 03.01.2011
1. Stasi im All
Bloß gut, dass man auch erfährt, dass es noch Gegner solcher Allüberwachungsmacht-Phantasien gibt.
julian0922 03.01.2011
2. Das gefaehrliche
an der ganzen Spionage Geschichte wird ja eigentlich kaum erwaehnt, denn in der heutigen Zeit wird der Geheimdienst mehr zum ausspionieren der eigenen Bevoelkerung genutzt. Somit ist diese Planung bloss ein weiterer Schritt zur glaeseren Gesellschaft die gelenkt werden kann wie man es auf anderen Ebenen fuer richtig haelt! Da die meisten Menschen schleichende Veraenderungen eh nicht mitbekommen ist es ein leichtes dies abzustreiten.
frank_lloyd_right 03.01.2011
3. Ja DAS kann ich mir denken -
die USA sind heute kein Partner mehr, dem man traut - die Interessen decken sich fast gar nicht mehr mit denen anderer Länder, und militärgeheimnismäßig mogeln sie gern und völlig unverkrampft. Die Franzosen trauen den Amerikanern seit langem nicht, und die Deutschen sollten lieber versuchen, sowas in Europa zu entwickeln - und bitte auch die Briten außen vor lassen.
DerÜblicheVerdächtige 03.01.2011
4. wow....
wofür so alles geld da is... und nein, die amis haben keins. das haben, wenn dann die chinesen. Die Amis bedrucken nur buntes Papier ;) Aber im Ernst. Wer braucht's? Glauben sie, sie können Osama damit fangen oder wollen sie dem S21 Demonstranten die Uhrzeit von der Uhr ablesen?
abc² 03.01.2011
5. Endlich!
Endlich beginnen wir die Welt zu unterwerfen, und das mit den Vereinigten Staaten zusammen! Was ein Ereignis.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.