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Wormser Dom: Historiker entreißen den Steinen ihr Geheimnis

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900 Jahre nach seiner Entstehung enthüllt der Wormser Dom seine Geheimnis: Anhand der Baustruktur konnten Wissenschaftler nun seine Entstehungsgeschichte rekonstruieren. Offenbar wurde das imposante mittelalterliche Bauwerk aufgrund eines Vater-Sohn-Konfliktes gebaut.

Wormser Dom: Architektur als Ausdruck eines Vater-Sohn-Konflikts
Wilfried E.Keil

Wormser Dom: Architektur als Ausdruck eines Vater-Sohn-Konflikts

Seltsam ruhig ist es hier oben. Nur ab und zu streift ein Windhauch an den Plastikplanen entlang und lässt dabei das Geräusch flatternder Folie ertönen. Worms' dumpf brummender Verkehr scheint meilenweit weg. Kein Arbeitslärm, kein lautes Rufen, auch die Sanierungstrupps haben heute frei.

Nur drei Männer klettern heute auf dem verhangenen Gerüst herum. Sie fotografieren, machen Notizen und lassen ihre Hände über knapp 900 Jahre Geschichte gleiten. Im von der Folie gefilterten Licht wirkt der Buntsandstein der Domfassade allerdings alltäglich, die Größe des Ganzen ist in dieser abgeschotteten Lage nicht mehr erahnbar. Taubendreck und glitzernder Glasstaub von den Sandstrahlern liegen verteilt auf Simsen und Aluminiumstegen. Dennoch: "Das hier ist schon eine Luxus-Baustelle", sagt Matthias Untermann lächelnd. "Wir sind anderes gewöhnt."

Untermann, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg, ist einer der wenigen Experten für einen ungewöhnlichen Zweig seines Faches, der schlicht "Bauforschung" genannt wird. Man untersucht die alte Bausubstanz von Kirchen und Klöstern, Schlössern und Häusern und sucht nach Hinweisen, die einem deren Geschichte verraten. Ob Hiebtechnik oder Unterschiede im Mauermuster: Alles wird vor Ort penibel dokumentiert und später am Rechner ausgewertet.

Zu verdanken ist das den umfassenden Restaurierungsarbeiten, die eine Einrüstung des Doms erfordern. Eine einmalige Gelegenheit für die Wissenschaftler, meint Untermann. So könnten er und seine Leute an Stellen gelangen, an die sonst niemand käme. Bei der früheren Sanierung in den Sechzigern habe man diese Chance schlichtweg verschlafen.

Warum ist der Baustil des Querschiffs eher schlicht und kantig?

Ein wachsames Auge ist dennoch gefragt: "Nur wenn man bereits während der Arbeit am Gebäude beobachtet und sich Gedanken macht, ergeben die gesammelten Daten nachher im Büro einen Sinn", erklärt Aquilante De Filippo, einer von Untermanns Assistenten.

Bauforschung, betont der gebürtige Mailänder, sei echte Grundlagenforschung. Die Methoden erinnerten stark an die der Archäologie und der Geowissenschaften. So kommen historische Einzelheiten ans Licht, über die kein Schriftstück berichtet. Und manchmal ermöglichen sie sogar einen neuen Blick auf die Geschichte.

So am Wormser Dom: Seit 2005 nehmen ihn Untermann und Filippo genau unter die Lupe. Es gebe kaum ein so großes Gebäude aus dem Mittelalter, so Untermann, über dessen Ursprünge so wenig bekannt sei wie dieses monumentale Gotteshaus.

Bisher zumindest. Jahrzehntelang stritten Fachleute über die zeitliche Abfolge der Bauabschnitte und widersprüchliche Weihedaten, Belege hatten sie aber kaum.

Die Debatte könnte nun neu angeheizt werden. Die erstaunlichsten Ergebnisse der laufenden Untersuchungen stammen aus dem Querschiff und der Ostfassade. Bislang ging man davon aus, dass Letztere wie im Mittelalter meist üblich als erste errichtet wurde und der Bau von da an westwärts fortschritt. Der heutige Dom nahm übrigens den Platz einer wohl ähnlich großen Vorgängerkirche ein, des "spätottonischen Doms" von Bischof Burchard I., der im Jahre 1018 geweiht wurde. Der Neubau fand irgendwann ab 1120 statt.

So heißt es nach jedenfalls in der Fachliteratur - aber war es wirklich so?

Warum ist der Baustil des Querschiffs eher schlicht und kantig, während an der Ostfassade und der westlichen Kirchenhälfte elegantere Formen auftreten? Die waren nämlich erst ab Mitte des 12. Jahrhundert gebräuchlich.

Weshalb ein solcher Stilbruch mitten im Bauprozess?

Untermann hat hierfür eine einfache Erklärung: Die Dombauer fingen gar nicht mit der heutigen Ostfassade an. Stattdessen errichteten sie zuerst das Querschiff plus Sanktuarium mit dem Hochaltar und überdeckten es dann mit einem provisorischen Dach. So konnte man darin bereits die ersten Messen feiern. `

Gebaut wegen eines Vater-Sohn-Konflikts?

Die imposante Ostseite mit ihren hohen Türmen entstand erst später, wahrscheinlich ab 1140. Als Beleg für diese Hypothese fanden die Heidelberger Kunsthistoriker im oberen Bereich tatsächlich eine klare Trennung zwischen dem Sanktuarium einerseits und den Türmen und der Ostfassade andererseits. Letztere wirken so, als wären sie von außen angebracht. Es gibt keine Verzahnung des Mauerwerks, und die Steinbearbeitung ist ganz anders. Untermanns genaue Befunde werden demnächst in einer Fachzeitschrift publiziert.

Die Diskussion erscheint einem normalen Menschen reichlich akademisch - gesamthistorisch gesehen hat sie aber Konsequenzen. Wenn der Dombau schon 1105 mit Sanktuarium und Querschiff begann, erscheint nämlich ein schriftlich überliefertes, aber umstrittenes Weihefest, welches 1110 stattgefunden haben soll, durchaus plausibel. Und das wiederum würde bedeuten, dass der letzte Salierkaiser Heinrich V. der Bauherr war. Dieser Monarch, der sich mit seinem Vater überworfen hatte, hätte den Bau des Wormser Doms dann wohl als trotziges Konkurrenzprojekt zu den älteren Großkirchen seiner Familie in Speyer und Mainz initiiert. Architektur als Werkzeug der Abgrenzung in einem klassischen Vater-Sohn-Konflikt, sozusagen.

Gleichzeitig fanden die Ränkespiele des Investiturstreits zwischen Klerus und weltlichen Machthabern statt. "Nach 1112 war hier politisch der Teufel los", erklärt Untermann. Der Dombau blieb dadurch mittendrin stecken, glaubt er, und wurde erst nach dem Tod Heinrichs V. im Jahr 1125 wieder aufgenommen.

Natürlich weist nicht alles, was Untermann und seine Mitarbeiter entdecken, auf große historische Ereignisse hin. Zahlreiche Details zeugen von der alltäglichen Arbeit der Handwerker, ihrem Können und ihrer Liebe zum Detail. Die Säulen der Zwerggalerie an der Ostfassade zum Beispiel wurden mitsamt Kapitellen und Verzierungsringen aus einem Stück gehauen. Dafür war Worms im Mittelalter berühmt, berichtet Assistent Wilfried Keil. Sogar aus Frankreich kamen Bestellungen für Säulen. Das Qualitätsbewusstsein der "Wormser Bauschule" war sehr hoch, ergänzt Untermann. Die Dombaustelle bot Generationen von Handwerkslehrlingen einen hervorragenden Ausbildungsplatz. Wer es hier geschafft hatte, der fand praktisch überall Arbeit.

"Man findet jeden Tag eine neue Frage"

Beim Gang über die Zwerggalerie zeigt Matthias Untermann auf einige Schriftzüge in roter Farbe. Es sind Graffiti, "Schmierereien aus der Barockzeit". Doch dann bemerken die Experten an der frisch gereinigten "Baumeistersäule" etwas. Auf der Rückseite des Kapitells sind flache Dekorationen sichtbar. Sie müssen aus der Bauzeit des Domes stammen. Wahrscheinlich ein Versuch, meint Untermann, und man habe sich dagegen entschieden, auch die anderen Säulen so zu verzieren.

Die steinerne Baumeister-Figur blickt derweil starr durch die sie umhüllende Plastikplane. Über ihr sitzt ein Affe, seit Jahrhunderten im Begriff den armen Mann zu beißen. Offenbar hatte der Baumeister nicht immer nur Freude an seiner Arbeit.

Und was bedeuten diese eingeritzten Muster dort unten? "Das sind einfach nur zwei Mühlespiele. Jetzt können wir über den Ursprung der Kaffeepause sinnieren", scherzt der Professor. Aber vielleicht stammen sie auch aus dem Dreißigjährigen Krieg, als hier oben Soldaten Wache schoben und sich gewiss langweilten. Die Fülle an Einzelheiten mache den Reiz dieser Arbeit aus, schwärmt Aquilante De Filipo. "Man findet jeden Tag eine neue Frage."

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Worms: Ein Dom enthüllt seine Vergangenheit


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