Tropenmücken in Deutschland Hartnäckig, aggressiv, tagaktiv

Immer mehr Mückenarten aus den Tropen schaffen es nach Deutschland, besonders die Asiatische Tigermücke gilt als Virenträger. Forscher sagen: Noch kann sie gestoppt werden.

Weibliche Asiatische Tigermücke
DPA/ James Gathany/ CDC

Weibliche Asiatische Tigermücke

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Als der Inder zu seinen Verwandten in Norditalien reiste, ahnte er nicht, dass infolge seines Besuchs ein Mensch sterben würde. Der Mann trug das Chikungunya-Virus in seinem Körper, einen in Italien eigentlich fremden Krankheitserreger. Er wurde von einer Asiatischen Tigermücke gestochen, eine in Italien eigentlich fremde Mücke. Sie trug das Virus weiter.

Innerhalb kurzer Zeit erkrankten 2007 in Norditalien 200 Menschen am Chikungunya-Fieber, einer starb an den Folgen der Infektion. Mediziner rekonstruierten anschließend, dass der ganze Ausbruch auf diesen einen Besucher zurückzuführen war, in Kombination mit der Asiatischen Tigermücke, die sich mittlerweile fest in dem Mittelmeerland angesiedelt hat.

Auch im kühleren Deutschland finden Forscher immer häufiger Exemplare von Aedes Albopictus, so der wissenschaftliche Name der Tropenmücke. Sie sind Warnzeichen einer Entwicklung, die Wissenschaftler mit wachsender Sorge betrachten: Immer mehr Mückenarten gelangen von Asien nach Europa. Viele von ihnen sind effiziente Überträger gefährlicher Viren. Oft reicht es dann, wie in Italien, wenn sie einen infizierten Menschen stechen, um die Krankheiten in einer Region zu verbreiten, in der es sie vorher gar nicht gab.

Reisewege: Autoreifen und Glücksbambus

Hauptgrund der Mückenwanderung ist, anders als viele denken, nicht der Klimawandel, sondern die Globalisierung. Um zu reisen, sind Mücken auf den Menschen angewiesen. Innerhalb ihres oft nur wenige Wochen dauernden Lebens bleibt ihnen selbst kaum Zeit, weite Distanzen zurückzulegen. Oft sterben sie nur wenige Kilometer von dem Ort entfernt, an dem sie geschlüpft sind. Die Eier jedoch können ganze Kontinente überwinden.

"Mit das größte Problem ist der weltweite Handel mit Gebrauchtreifen", sagt Helge Kampen, Mückenexperte am Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems. "Asien ist ein großer Reifenexporteur." Vor dem Verschiffen lagern die Reifen oft im Freien. Sobald es regnet und sich etwas Wasser sammelt, bietet das Gummi perfekte Bedingungen für die Eiablage der Aedes-Weibchen.

"Die Insekten haben die Angewohnheit, ihre Eier kurz über der Oberfläche einer Wasseransammlung anzuhaften", sagt Kampen. Dort können sie Monate oder gar Jahre überdauern, bis der Wasserspiegel das nächste Mal steigt und sie umspült. Genug Zeit, um die Reifen mit den Eiern nach Afrika, Amerika oder Europa zu verschiffen, wo sie oft erst einmal wieder auf Wiesen gelagert werden. Regnet es, erwachen die Larven fernab der Heimat zum Leben.

Ein weiterer, noch einfacherer Weg der Mücken ist der Transport von Zierpflanzen in Wasser. Auch hier legen die Weibchen - nicht ahnend, dass ihr Nachwuchs eine lange Reise antreten wird - ihre Eier kurz über der Wasseroberfläche ab. "Da finden wir bei der Ankunft dann oft schon Larven", sagt Kampen. Als besonders kritisch haben die Forscher den Glücksbambus ausgemacht, gekringelte Bambusstäbe, die millionenfach in kleinen Röhrchen oder Wasserschalen exportiert werden.

Fünf Einwanderer in Europa

Verbreitung invasiver Mückenarten in Europa

Mittlerweile leben vier Mückenarten in Europa, die ursprünglich auf anderen Kontinenten vorkamen. Sorgen bereitet dabei auch die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti), die das in Brasilien grassierende Zika-Virus überträgt. Sie breitet sich aktuell von der Ostküste des Schwarzen Meeres Richtung Westen aus. "Das ist aber eine extrem wärmeliebende Mücke", sagt Kampen. "Die Deutschen werden mit ihr in den nächsten Jahrzehnten keine Probleme haben."

Eine weitere Moskitoart, die Japanische Buschmücke, hat sich bereits in Deutschland angesiedelt. Sie gilt allerdings nicht als besonders effizienter Krankheitsüberträger.

Japanische Buschmücke: In Deutschland schon heimisch
DPA / James Gathany / Centers for Disease Control

Japanische Buschmücke: In Deutschland schon heimisch

Die größte Gefahr sehen Forscher stattdessen auch hierzulande in der Asiatischen Tigermücke, die über einen Umweg nach Europa gelangte. 1985 entdeckten Forscher die eigentlich wärmeliebenden Mücken samt Eiern und Larven zuerst in den USA, wo sie sich wohl an das Leben in der Kälte anpassten.

Ausgerüstet mit Eiern, die sogar Minusgrade überstehen können, ging die Reise schließlich weiter nach Europa. Anfang der Neunzigerjahre tauchten die Fremdlinge erstmals in Norditalien auf. Mittlerweile wurden sie in 29 Ländern nachgewiesen, in 19 konnten sie sich fest ansiedeln. "Wenn eine Mücke ein, zwei Winter überstanden hat, kann man davon ausgehen, dass sie bleibt", sagt Kampen. "Bei so großen Populationen gibt es immer einige wenige, die auch extreme Bedingungen überstehen und sich anschließend wieder vermehren".

In Deutschland sind Asiatische Tigermücken noch eine Ausnahme, die aber immer häufiger wird. Oft profitieren sie vom Urlaubsverkehr aus Italien, Spanien oder Südfrankreich, wo sie sich fest angesiedelt haben. "Tigermücken sind sehr hartnäckig und aggressiv", sagt Kampen. Folgen sie ihrem Wirt, dem Menschen, ins Auto, können sie Hunderte Kilometer in den Norden reisen. Gelangen sie dort wieder ins Freie und haben unterwegs Blut gezapft, sind sie bereit zur Eiablage.

"Es gibt bereits deutliche Hinweise darauf, dass die Mücke in Deutschland auch schon überwintert hat", sagt Kampen. Die Forscher entdeckten die Insekten 2014 auf einem Friedhof im Osten von Freiburg. 2015 waren die Insekten wieder da, obwohl sich keine Autobahnraststätte in direkter Nähe befindet. "Das war jedoch ein milder Winter. Es ist unklar, ob sie bei einem harten Winter wieder verschwinden würden", sagt Kampen.

Zusätzlich zu den auf der Karte eingezeichneten Fundorten hat die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) die Asiatische Tigermücke an folgenden Orten beobachtet: in Baden-Württemberg entlang der A5 und an einem Rastplatz an der A81, sowie entlang der A93 in Südbayern. (Zum Vergrößern klicken)
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Zusätzlich zu den auf der Karte eingezeichneten Fundorten hat die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) die Asiatische Tigermücke an folgenden Orten beobachtet: in Baden-Württemberg entlang der A5 und an einem Rastplatz an der A81, sowie entlang der A93 in Südbayern. (Zum Vergrößern klicken)

Den Forscher stimmen Beobachtungen wie diese nachdenklich. Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern hat er Anfang des Jahres die deutsche Expertenkommission Stechmücken als Überträger von Krankheitserregern gegründet. In einem ersten Positionspapier appellieren die Wissenschaftler, im Hinblick auf die Asiatische Tigermücke zu handeln:

"Auch wenn derzeit keine flächendeckende Besiedlung mit der Asiatischen Tigermücke in Deutschland gegeben ist, so können im Sommer entstehende lokale oder regionale Populationen wie in Freiburg oder Heidelberg für den Ausbruch kleinräumiger Epidemien durchaus ausreichend sein", heißt es darin. "Insofern muss bereits jetzt die Anwesenheit der Asiatischen Tigermücke als ein Risiko für die öffentliche Gesundheit gesehen werden."

Noch haben die gefundenen Mücken zwar keine Krankheitserreger in sich. Sie können allerdings mehr als 20 Viren übertragen, darunter auch das Dengue-Virus, das laut Robert Koch-Institut 2015 mehr als 700 Reisende nach Deutschland brachten. Beim Chikungunya-Virus meldeten deutsche Ärzte immerhin mehr als Hundert eingeschleppte Fälle. "Wir sind der Meinung, dass man unbedingt verhindern sollte, dass sich die Mücke auch hier ansiedelt", sagt Kampen. Dafür setzt er vor allem auf Aufklärung.

In ihrem Positionspapier schlagen die Forscher vor, geschultes Personal bei Hinweisen auf eine Ansiedlung der Tigermücke von Haus zu Haus zu schicken, nach Brutstätten zu suchen, diese zu beseitigen und aufzuklären: Den Mücken reicht schon ein Zentimeter Wasser in einem alten Blumentopf, um sich zu vermehren. Mückenlarven können außerdem mit einem Bakteriengift im Brutgewässer abgetötet werden.

Maßnahmen wie diese kosten jedoch Geld. "Solange nur die Mücken da sind und nicht die Erreger, schreibt das Gesetz nicht vor, dass die Länder etwas unternehmen müssen", sagt Kampen. Trotzdem hat der Experte das Gefühl, dass langsam ein Problembewusstsein einsetzt - vor allem im am stärksten betroffenen Baden-Württemberg.


Der Mückenatlas: Jeder kann seinen Beitrag zum Kampf gegen die Mücken leisten. Neben dem Versuch, die Brutstätten einzudämmen, können Sie auch helfen, eingeschleppte Mücken zu erkennen. Wer ein ungewöhnliches Exemplar entdeckt, kann es über den Mückenatlas direkt an das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg schicken. Wie das geht, erfahren Sie hier.

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
tmhamacher1 02.05.2016
1. Lächerlich
Es ist vollkommen lächerlich, die Ausbreitung der Mücke verhindern zu wollen, indem man Brutmöglichkeiten bekämpft! In Südfrankreich gehört sie schon zum täglichen Leben, und so wird es auch hier kommen, wenn es ihnen warm genug ist! Schade, aber unvermeidlich!
mapcollect 02.05.2016
2. Wieso lächerlich ?
Zitat von tmhamacher1Es ist vollkommen lächerlich, die Ausbreitung der Mücke verhindern zu wollen, indem man Brutmöglichkeiten bekämpft! In Südfrankreich gehört sie schon zum täglichen Leben, und so wird es auch hier kommen, wenn es ihnen warm genug ist! Schade, aber unvermeidlich!
Mit Gentechnik und erheblichem finanziellem Aufwand wäre es wahrscheinlich in naher Zukunft möglich, Parasiten wie z.B. die Tigermücke auszurotten.
Don-Lucio 02.05.2016
3. Faule Ausrede
@tmhamacher: "In Südfrankreich gehört sie schon zum täglichen Leben, und so wird es auch hier kommen... Schade, aber unvermeidlich!" - Die Klassifizierung einer Gefahr als "unvermeidlich" ist immer wieder eine gern genommene Begründung für die eigene Faulheit, für die bequeme Flucht aus der Verantwortung, selbst etwas tun zu müssen. Schade, offenbar aber auch unvermeidlich...?
bronck 02.05.2016
4. Tigermücke
Ich habe die Mücke auf dem ersten Bild im Artikel schon in Düsseldorf gesehen meine ich. Da habe ich mich noch gefragt was das für eine seltsame Mücke sei.
Celegorm 02.05.2016
5.
Zitat von tmhamacher1Es ist vollkommen lächerlich, die Ausbreitung der Mücke verhindern zu wollen, indem man Brutmöglichkeiten bekämpft! In Südfrankreich gehört sie schon zum täglichen Leben, und so wird es auch hier kommen, wenn es ihnen warm genug ist! Schade, aber unvermeidlich!
Wieso? Das ist eine in vielen Städten in subtropischen und tropischen Gebieten eine bewährte Methode, um die Verbreitung von Mücken und übertragener Krankheiten einzudämmen. Daraus ergibt sich natürlich kein absoluter Schutz und eine Ausrottung ist kaum wahrscheinlich, aber immerhin ist es eine einfache Methode, um die Risiken zu senken. Wer das einfach als sinnlos abtut, der ist wohl primär zu bequem, sich um einfachste Massnahmen zu kümmern..
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