Gejagte Jäger


Es gibt wieder Luchse in Deutschland - doch das freut nicht alle: Im Bayrischen Wald töten Unbekannte die Tiere. Warum? Eine Multimedia-Reportage auf der Spur der Luchsmörder.

Von Ferdinand Kuchlmayr


Die besten SPIEGEL-ONLINE-Geschichten des Jahres: Dieser Artikel erschien erstmals am 26. Oktober 2016.

Er ist zurück. Der Luchs erobert langsam wieder den Bayerischen Wald, nachdem er hier wie überall in Deutschland vor knapp hundert Jahren ausgerottet worden war. Etwa 20 der stillen Jäger, nach Braunbär und Wolf das drittgrößte europäische Raubtier, ziehen hier nun nachts durch ihre Reviere oder lauern versteckt in Gebüschen auf Beute.

Markus Schwaiger kennt sie alle. Er ist Biologe im Luchsprojekt Bayerischer Wald. Mit Wollmütze und Hund ist er schon früh am Morgen unterwegs, um die Fotofallen auszuwerten, mit denen das Luchsprojekt die Übersicht behalten will: Welche Luchse leben wo? Wie viele genau? Und wo kommen sie her? Auf dem Weg erklärt er, was er und seine Kollegen noch tun, um dem Luchs zu helfen:

Effizient auf der Jagd

Nicht nur Veit ist in dieser Nacht in die Fotofalle getappt: Die Aufnahmen der insgesamt etwa 45 versteckten Kameras sind ein wertvoller Datenschatz für die Mitarbeiter beim Luchsprojekt.

Auf einer interaktiven Karte sind die Standorte der Kameras und die aktuellen Aufnahmen der Pinselohr-Jäger zu sehen:

Mit weniger Aufwand als in freier Wildbahn kann man die Kleinkatze im Gehege beobachten. So auch Luchs Lenny, der in dieser Geschichte zu sehen ist. Er stammt ursprünglich aus dem Nationalpark Sumava, der sich direkt hinter der tschechischen Grenze an den Bayerischen Wald anschließt. Seit einiger Zeit wohnt er im Wildpark Schwarze Berge im Süden Hamburgs.

Als Jäger sind Luchse äußerst effizient - oder faul, je nach Sichtweise. Er versteckt sich im Unterholz und wartet auf seine Beute. Ist sie nahe genug, springt er sie an und versucht, sie niederzureißen. Scheitert er, verzichtet er auf die Verfolgung. Seine Lieblingsspeise: Rehe oder Gemsen. Ein Reh pro Woche braucht ein durchschnittlich großer Luchs, um satt zu werden - was er nicht sofort schafft, verdeckt er unter Laub oder Schnee und kommt wieder.

Markus Schwaiger vom Luchsprojekt Bayern verbringt einen großen Teil seines Alltags auf den Spuren des Luchses im Bayerischen Wald. Stets dabei ist sein vierbeiniger Begleiter Emil.

Aber es sind eben nicht nur Rehe - wo er nahe an Weideflächen lebt, reißt der Luchs auch immer wieder Schafe. Das schafft nicht nur Freunde hier im Bayerischen Wald. Dabei ist er ein scheues Tier. Spaziergänger hört er weit bevor sie in Sichtweite sind. Wenn er sie nicht längst gewittert hat. Er weicht aus.

Die Luchs-Akte

Bei ihren Streifzügen halten sich die Raubkatzen natürlich nicht an Ländergrenzen. Und auch nicht an Jagdreviere. Über bis zu 30 davon kann sich ein Luchsrevier erstrecken. Die meisten Jäger, sagt Markus Schwaiger, haben kein Problem mit dem Raubtier. Im Gegenteil: Viele unterstützen das Luchsprojekt sogar. Aber eben nicht alle.

Haben Luchse erstmal ein Revier erobert, bleiben sie dort, ein Leben lang. Doch im Bayerischen Wald verschwinden immer wieder Tiere. Und nur bei wenigen Tieren lässt sich später rekonstruieren, was ihnen passiert ist. Die Akte der Luchs-Morde wird immer länger:


Der Luchs ist also schon wieder in Gefahr: Seit 2012 wurden mehrere Tiere auf grausame Art und Weise getötet. Mindestens 14 weitere Tiere verschwanden im gleichen Zeitraum spurlos. Wer könnte dahinter stecken? Der Bayerische Jagdverband will sich nicht zum Luchs äußern. Der Verband der Bauern fürchtet um die Weidetiere und fordert eine Grundsatzdiskussion über die Rückkehr des Luchses. Nur ist er ja längst wieder da.

In Bodenmais im Landkreis Regen ist man auf den Luchs nicht gut zu sprechen. Ein Bauernhof an der Landstraße, der Landwirt ist gerade mit dem Traktor auf den Hof gerollt. Er winkt ab, aber einen Satz möchte er dann doch noch loswerden über den Luchs: "Eigentlich gehört der weg."

Ein Nachbar wird etwas konkreter: Der Luchs hätte keinen Platz in der dicht besiedelten Kulturlandschaft um den Nationalpark Bayerischer Wald: "Der Konflikt liegt doch auf der Hand, der Luchs macht ja vor Nutztieren nicht halt." Und auch die Jäger hätten allen Grund zur Klage: Verfügt man als Jäger nicht über eigenen Grund, pachtet man. Eine Jagdpacht allerdings kostet Geld, und diese muss der Jäger etwa durch den Verkauf des Wildes wieder erwirtschaften. "Da wird der Luchs zum Konkurrenten."

Zwar stellt der Ehrenkodex der Jägerschaft Jagd und Hege nebeneinander. Aber ist das auch die Praxis?

Ist das Kapitel der Luchse im Bayerischen Wald damit zu Ende, bevor es richtig begonnen hat? Lohnen sich all die Mühen, Fotofallen, Lobbyarbeit, Infoabende, wenn doch immer Feinde bleiben werden? Und neue Morde geschehen?

Markus Schwaiger hat die letzte Fotofalle für heute ausgewertet. Er kann sie ja verstehen, die Jäger, die Bauern. Für ihn geht es aber nicht um die Frage, wer den Luchs mag oder nicht, ob er stört oder nützt. Für Schwaiger geht es um mehr:


Impressum

Forum: Der Luchs ist zurück - eine gute Nachricht? Diskutieren Sie mit.

Autor und Videos: Ferdinand Kuchlmayr

Fotos:Ferdinand Kuchlmayr, Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald, Wolfgang Maria Weber

Redaktion: Jens Radü

Schlussredaktion: Hannah Panten

Programmierung und Grafiken: Chris Kurt und Philipp Seibt

Koordination: Philipp Seibt und Christina Elmer

Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.