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Nachhaltiger Konsum: Lieber regional als bio?

Massenproduktion, Transporte um die halbe Welt, Betrugsskandale: Der Ruf von Biolebensmitteln ist ramponiert, regional heißt der neue Trend. Aber ist das nachhaltiger? Ein Besuch bei Biobauern am Rande Europas.

Dieser Text ist eine Kurzzusammenfassung der Multimedia-Reportage "Die Bio-Industrie" von Nicolai Kwasniewski.

Darf man Bio überhaupt beim Discounter kaufen? Muss so billiges Gemüse nicht unter ähnlich industriellen Bedingungen erzeugt werden wie konventionelle Massenware? Und: Ist es nachhaltig, Biotomaten zu kaufen, die in Plastikboxen verpackt sind?

Seit Jahren stagniert die ökologische Anbaufläche in Deutschland trotz boomender Nachfrage nach Bio-Obst und -Gemüse. Deshalb steigen die Importe, auch von Riesenhöfen in Osteuropa mit großem Maschinenpark und kleinem Team.

Immer häufiger kommt das Gemüse auch aus Weltregionen, in denen es natürlicherweise gar nicht wächst: Kartoffeln aus Wüstenländern wie Ägypten oder Israel, Gurken vom Rand der Sahara, Tomaten aus Gewächshäusern an der trockenen Südküste Spaniens. Der kleinbäuerliche Biohof, der nicht nur auf Agrarchemie verzichtet, sondern verantwortungsvoll mit Mitarbeitern und Umwelt umgeht, existiert dort nur noch selten. Bio, das kann auch heißen: enormer Wasserverbrauch und Dumpinglöhne.

Gerade die Glaubwürdigkeit von Bioware aus Italien hat in den vergangenen Jahren unter zahlreichen Betrugsskandalen gelitten. Kann man Bio-Gemüse und -Obst von dort also überhaupt noch guten Gewissens kaufen?

Die 200-Hektar-Farm Campisi Italia im Südwesten Siziliens, die viele ihrer Biozitronen nach Deutschland liefert, ist ein Vorzeigebetrieb: Die Arbeiter werden gut bezahlt und sie sind sozialversichert. Die Kontrollen sind gründlich, die Großkunden in Österreich, Dänemark, der Schweiz und in Deutschland anspruchsvoll. Der Betrieb trägt mittlerweile das EU-Bio-Siegel, den Sozialstandard Grasp und seit acht Jahren das strengere Siegel des deutschen Anbauverbands Naturland.

Die italienischen Biobauern leiden darunter, dass die Großkunden ihnen nur niedrige Preise zahlen wollen. "Aldi will für Biokarotten Preise zahlen, für die ich kaum produzieren kann. Gleichzeitig sollen sie kerzengerade sein", sagt Roberto Giadone, der den Biobetrieb Natura Iblea im Süden Siziliens leitet.

Das Dilemma der Biobranche

Noch kann Giadone seine Arbeiter sozialversichern und ihnen den ortsüblichen Lohn zahlen. Doch für Zehntausende Arbeiter auf Sizilien und in anderen Obst- und Gemüseanbaugebieten gelten wesentlich schlechtere Bedingungen. 25.000 Arbeiter schuften allein in der Provinz Ragusa unter den Plastikplanen, für Tageslöhne von um die 20 Euro. Es sind vor allem Rumänen, die seit dem EU-Beitritt des Landes im Jahr 2007 nach Italien kommen. "Sie leben in totaler Abhängigkeit von ihrem Chef, auf dem Betriebsgelände und zahlen Wucherpreise für Unterkunft und Essen" sagt Giuseppo Scifo vom italienischen Gewerkschaftsbund CGIL.

Giovanni Favacchio hat seinen Betrieb L'Orto Biologico Cucco ganz bewusst weit entfernt von den Massen-Betrieben aufgebaut. Bei Vittoria stehen konventionelle und Biofarmen direkt nebeneinander - die Pestizide sickern in Erde und Wasser. Favacchio will damit nichts zu tun haben. Der kleine Betrieb im sizilianischen Süden liefert an alle bekannten Namen der Branche: An Netto, Edeka, Rewe oder Aldi in Deutschland, in Frankreich an Carrefour - traditionell bäuerliche Landwirtschaft im Gewand der Massenproduktion.

Auf Sizilien zeigt sich das ganze Dilemma, in dem die Biobranche und damit auch der deutsche Verbraucher steckt: Einerseits gibt es auch bäuerliche Kleinbetriebe, die ihre Arbeiter ausbeuten - egal ob Bio oder konventionell. Und in den Gewächshäusern, die ganze Regionen mit Plastik überdachen, werden neben konventionellen auch Biotomaten geerntet.

Andererseits folgen auch dort junge und alte Bauern ihren Idealen von ökologischer Landwirtschaft, hegen ihre Ernte, behandeln ihre Arbeiter verantwortungsvoll und unterwerfen sich strengen Qualitätskriterien. Sie verkaufen ihre streng zertifizierte Ware auch an Discounter und leiden unter dem Vertrauensverlust für "Bio". Sie verpacken ihr Gemüse kopfschüttelnd in Plastikboxen, weil es die EU-Öko-Verordnung so vorschreibt - damit im Laden nichts vermischt wird.

Lesen Sie die ganze Reportage.

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