Beobachtung aus dem All Mit den Vögeln in den Süden ziehen

1,6 Milliarden Singvögel gibt es in Europa - und die Hälfte von ihnen fliegt jeden Winter in den Süden. Forscher wollen ihre Reise aus dem All verfolgen. Doch ihnen auf der Spur zu bleiben, ist extrem schwierig.

Stare sammeln sich zum Flug in das Winterquartier
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Stare sammeln sich zum Flug in das Winterquartier

Aus Radolfzell berichtet


Martin Wikelski ist spät dran, als er auf den Flugplatz Radolfzell kommt. Schuld ist ein Luchs. Die Katze lebt auf der Schwäbischen Alb und trägt einen Funksender. Doch schon seit elf Tagen waren die Empfänger zuletzt stumm geblieben. Irgendwann wandten sich die Forstmitarbeiter an Wikelski.

Als Chef des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell verfügt der Forscher nicht nur über das nötige Flugzeug und mehr als tausend Stunden Pilotenpraxis. Er hat an Bord seiner Cessna 172 auch die nötige Spezialtechnik, die man für die Fahndung nach besenderten Tieren braucht.

Wikelski in der Cessna
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Wikelski in der Cessna

Im engen Cockpit balanciert der Forscher das Empfangsmodul auf den Knien, unter den Flügeln sitzen Antennen. Wikelski interessiert sich normalerweise eher für Zugvögel oder Fledermäuse. Aber ab und zu spürt er eben als Freundschaftsdienst auch mal eine vermisste Raubkatze auf. Als das erledigt ist, kann sich der Vogelkundler endlich seinem eigenen Job zuwenden: Er soll zur Abwechslung nicht nach Tieren suchen. Stattdessen soll er sie imitieren.

Und zwar eine Amsel.

MPI f. Ornithology/ MaxCine

Dafür befestigt Wikelski mit schnellen Griffen einen kleinen, mit zwei Batterien versehenen Sender unter dem linken Flügel der Cessna und hebt wieder ab. Am Boden lauschen seine Mitarbeiter in zwei grauen VW-Bussen nach den Signalen von oben.

Auf den Autos haben die Forscher beeindruckende Antennenmasten montiert, die sich bis in sechs Meter Höhe ausfahren lassen. Doch schon nach wenigen Minuten textet Wikelskis Mitarbeiter Jesko Partecke ins Cockpit: "Wir haben euch verloren." Der Forscher verzieht genervt das Gesicht.

VW-Bus mit ausgefahrener Antenne
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VW-Bus mit ausgefahrener Antenne

Es sollte eigentlich die Generalprobe für die Technik sein, der schon wenige Stunden später der Ernstfall folgen könnte. Wikelskis Leute haben am Bodanrück, einem Waldgebiet am malerischen Westende des Bodensees, 24 Amselweibchen mit Radiosendern versehen. Jeder von ihnen wiegt nur zwei Gramm und soll dabei helfen, die Tiere bei ihrem Flug nach Süden zu orten. Weil dabei auch der Luftdruck aufgezeichnet wird, können die Forscher neben dem Kurs auch die Flughöhe der Tiere ablesen, ein Novum.

1,6 Milliarden Singvögel gibt es in Europa - und die Hälfte von ihnen zieht jeden Winter in den Süden. "Das passiert nur an vielleicht zehn Nächten im Herbst", sagt Wikelski. "In der Luft geht es dann richtig ab. Das ist dann alles so voll wie die Autobahn nach Südtirol am Osterwochenende." Von der Amselpopulation vom Bodanrück hat etwa ein Drittel Sehnsucht nach der Ferne, Weibchen gehen dabei eher auf Reisen als Männchen.

Die Landschaft aus Amselperspektive
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Die Landschaft aus Amselperspektive

In sternklaren Nächten prägen sich die Tiere an ihrem Startort zunächst den Himmel ein, dann geht es los. Mal schon zur Dämmerung, mal erst nach Mitternacht. "Wenn die Tiere ihre Flugrichtung mal eingestellt haben, versuchen sie, möglichst geradlinig zu fliegen", so hatte es Forscher Jesko Partecke am Nachmittag erklärt. Die Tiere fliegen entweder über den Bodensee und die Schweiz ab, oder in Richtung Schwarzwald und dann weiter nach Frankreich. Unterwegs sind die Vögel, je nach Windstärke und -richtung, mit etwa 30 bis 40 Kilometern in der Stunde.

Weil die Forscher in der Vergangenheit schon Amseln mit Ringen markiert haben, ist zumindest klar, dass die meisten von ihnen bis kurz vor die Pyrenäen reisen und dort überwintern. Einige Tiere ziehen aber auch aufs spanische Festland oder die Balearen weiter.

Doch entscheidende Fragen sind noch immer ungeklärt: Wie etwa entscheidet eine Amsel, dass sie sich auf die jährliche Wanderung macht, dass sie ihren Körper von einem Moment auf den anderen von Tag- auf Nachtaktivität umstellt, dass sie die Strapazen der Reise wie etwa ein geschwächtes Immunsystem auf sich nimmt?

"Wir wollen wissen, wie sehr die Genetik und wie sehr die Umweltbedingungen die Frage beeinflussen, ob ein Vogel zieht oder nicht", hatte Pertecke erklärt. Um Antworten zu bekommen, zapfen die Forscher den Tieren, die sie mit Sendern ausstatten, auch Blut für Genanalysen ab.

Klar scheint: Schon heute Abend könnten die ersten Amseln in diesem Jahr abheben. Dann wollen die Forscher mit den Autos hinterher. "Das ist so eine Art Schnitzeljagd", so Partecke. "Man muss aber immer relativ nah bei dem Vogel sein, um ihn nicht zu verlieren." Das setzt voraus, dass die Sender der Tiere auch senden. Doch genau danach sieht es nicht so richtig aus, als die Wissenschaftler das Equipment mithilfe von Wikelskis Flugzeug testen.

Mini-Sender für Amseln
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Mini-Sender für Amseln

Amseln ziehen einzeln, das vermuten die Vogelkundler jedenfalls. Doch so ganz sicher sind sie sich selbst da nicht - weil sie bisher verblüffend wenig Daten haben. Größere Vögel wie etwa Albatrosse oder Gänse lassen sich recht einfach mit GPS-Sendern ausstatten. Die nur etwa 100 Gramm schweren Amseln dagegen können keinen schweren Technikrucksack herumschleppen. Deswegen kommen an diesem Abend die leichten Radiosender und - wenn die Tiere tatsächlich fliegen sollten -, die Verfolgungsfahrzeuge zum Einsatz.

Nächstes, spätestens übernächstes Jahr soll das dann deutlich einfacher gehen. Dafür soll ein internationales Projekt sorgen, das Institutschef Wikelski seit 15 Jahren vorantreibt. "Icraus" heißt das ganze - und es geht darum, neben Amseln auch zahlreiche andere Tierarten auf der ganzen Erde mit solarbetriebenen Sendern auszustatten. Deren Signale sollen dann von einem hochsensiblen Empfänger auf der Internationalen Raumstation ausgelesen werden - und zwar nicht nur die Position, sondern auch weitere Werte wie etwa Beschleunigung oder Körpertemperatur.

Wikelski und seine Mitstreiter wollen nicht weniger als ein globales Netz von lebenden Sensoren aufbauen, ein Internet der Tiere. Sie wollen die Wanderung von Vögeln, Fischen oder Säugetieren beobachten, wollen Unwetter und Klimaveränderungen ebenso vorhersagen wie drohende Vulkanausbrüche, Erdbeben oder Tsunamis. Aus dem All wollen sie die Ausbreitung von Krankheiten wie der Vogelgrippe verfolgen, den Schmuggel mit Tropenholz unterbinden und den Schutz von gefährdeten Tierarten wie etwa dem Nashorn verbessern.

Martin Wikelski
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Martin Wikelski

Tiere aus dem All verfolgen - man könnte einwenden, dass das nichts Neues ist. So gibt es seit Ende der Siebziger das Argos-System. Doch dessen Frequenzen sind voll, sodass es etwa in Europa kaum praktisch nutzbar ist. Bei "Icarus" soll das Problem nicht auftreten, außerdem sollen viel mehr und kleinere Tiere mit den Mini-Sendern versehen werden.

Im kommenden Sommer soll dazu ein "Sojus"-Raumschiff die von der deutschen Firma SpaceTech gebaute Spezialantenne ins All bringen. Sie wird dann an einem russischen Modul der Internationalen Raumstation befestigt. Aus rund 400 Kilometer Höhe wird anschließend jeweils ein vergleichsweise kleiner Teil der Erdoberfläche erfasst. So soll es gelingen, das schwache Signal aufzufangen.

Mit gerade einmal fünf Milliwatt Sendeleistung - bei WLANs wird das Zwanzigfache genutzt- funken die Sender der Tiere auf der eigens dafür weltweit reservierten Frequenz von 401 Megahertz ins All. Dank der Solarzellen sollen die Tiere mehrere Jahre auf Sendung bleiben, sollen sich ganze Lebensgeschichten erzählen lassen.

Wenn sich die Tiere einfangen lassen, und bei Amseln stehen die Chancen nach Auskunft der Forscher ganz gut, können die Sender theoretisch aber auch wieder abgenommen werden. Nicht in allen Fällen wird das freilich möglich sein. Doch wegen der geringen Masse soll die Technik kaum stören, so die Wissenschaftler.

Zugvögel aus dem Orbit beobachten, das ist eine Sache. Aber Wikelski und seine Leute wollen viel mehr als das. Und das ist vielleicht der Pferdefuß an "Icarus". Womöglich verspricht das System in manchen Anwendungsbereichen einfach zu viel - und riskiert einen Teil der Nutzer zu enttäuschen.

An "Icarus" hängt Wikelskis wissenschaftliche Karriere

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Vorhersage von Naturkatastrophen. Kann man sich an so einem Mega-Thema nicht nur verheben? Wikelski verweist voll Euphorie darauf, dass sich indonesische Elefanten im Jahr 2004 vor dem Tsunami im Indischen Ozean in Sicherheit gebracht hätten, dass Bewegungsmuster von Ziegen am Ätna auf Sizilien belegten, wann ein Ausbruch bevorstehe: "Wir haben seit dem Altertum Hinweise darauf, dass so etwas funktionieren kann. Selbst wenn so eine Vorhersage nur in einem Bruchteil der Fälle klappen würde, wäre das ein Riesending."

Menschen, sagt der Forscher, vertrauten auf Lawinenhunde in den Bergen oder Drogenspürhunde beim Zoll. "Nur bei Wildtieren fangen wir an zu zweifeln, weil wir sie nicht verstehen." Das soll "Icarus" grundlegend ändern. "Einiges wird sich als Anekdote herausstellen, anderes als sehr wertvoll", gibt sich Wikelski sicher.

Der Institutschef weiß, dass er mit dem Projekt ein Wagnis eingeht. Sein wissenschaftliches Renommee steht auf dem Spiel, wenn es nichts wird. Wenn "Icarus" aber tatsächlich seine Versprechen hält, dann können Forscher in Zukunft die Welt durch die Augen der Tiere verstehen - vom heimischen Computer aus.

Von solchem Luxus sind die Vogelforscher bei ihren Amseln einstweilen noch weit entfernt. Sie müssen mit ihren Antennenwagen auf die Vögel lauschen, wenn sie deren Abflug nicht verpassen wollen. Und sie müssen hoffen, dass die Sender doch irgendwie funktionieren, dass der einigermaßen misslungene Testlauf mit dem Flugzeug eben auch nur das war: ein Testlauf.

Amsel beim Bad (Archivbild)
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Amsel beim Bad (Archivbild)

Also bauen sie nach Wikelskis Landung ihre Technik für den Abend auf. Am Rand eines Maisfelds hoch über dem Örtchen Stahringen stehen sie, drei, vier Kilometer von den Bäumen entfernt, in denen die Amseln leben. Mittlerweile wölbt sich über den Männern der nächtliche Herbsthimmel mit beeindruckend vielen Sternen.

Eigentlich wäre es ein perfekter Tag zum Fliegen. Eigentlich. Denn, obwohl erst eine Stunde vergeht, dann zwei, macht sich keiner der Vögel mit einem Sender auf den Weg. Die Forscher brauchen Geduld. Und warme Kleidung. Das Thermometer am Auto zeigt acht Grad, doch danach fühlt es sich dank eisigen Windes beileibe nicht an.

Regelmäßig schnarren verschieden hohe Töne aus Lautsprechern der Funkempfänger. So muss es in der Chiffrierzentrale eine sowjetischen Atom-U-Boots geklungen haben. Wikelski, Partecke und ihre Kollegen können an der Lautstärke der Signale aber ablesen, dass sich noch keiner der Vögel auf den Weg gemacht hat. Irgendwann packen sie durchgefroren ihre Technik ein und machen sich auf den Heimweg.

Forscher Wikelski (li.) und Partecke (re.) bei der nächtlichen Vogelsuche
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Forscher Wikelski (li.) und Partecke (re.) bei der nächtlichen Vogelsuche

Am nächsten Morgen zeigt sich, dass sie nur noch ein bisschen länger hätten ausharren müssen. Um genau drei Minuten nach Mitternacht hat die automatische Aufzeichungsstation der Vogelforscher eine Beobachtung gemacht: Die erste Amsel vom Bodanrück hat sich auf den Weg gemacht.

In der nächsten klaren Herbstnacht werden die Wissenschaftler wiederkommen - in der Hoffnung, dann doch noch die Verfolgung aufnehmen zu können

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Amseln auf der Spur: Bei denen piept's wohl

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