Von Tim Schröder
Als der Himmelskörper 1661 kaum beachtet an der Erde vorbeiraste, arbeitete der englische Gelehrte Robert Hooke gerade an einem bahnbrechenden Werk, das in eine ganz andere Richtung wies: der "Micrographia". Das mit Zeichnungen von Schneeflocken, Insekten und Pflanzengewebe illustrierte Buch, das wenige Jahre später erscheinen sollte, war die erste große Veröffentlichung über die Mikroskopie und begeisterte die Zeitgenossen für den Mikrokosmos.
Diesmal schauen die Experten gebannt in den Makrokosmos: Der Komet, den vor 341 Jahren der Danziger Astronom Johannes Hevelius beobachtet hatte, kommt wieder in die Nähe der Sonne. Vom lang vergessenen Schweifstern, der derzeit auch mit dem Feldstecher knapp über dem nordwestlichen Horizont zu sehen ist, erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse über den Aufbau von Kometen.
Ende April soll der europäische Satellit "XMM-Newton" den rasenden Eisbrocken genau untersuchen. Mit dem fliegenden Röntgenteleskop wollen die Forscher ergründen, warum die verhältnismäßig kleinen Kometen überhaupt Röntgenstrahlung abgeben.
Der zurückkehrende Komet war am 1. Februar von Hobby-Astronomen in Japan und China gesichtet worden. Zunächst war unklar, welchen Himmelskörper sie entdeckt hatten. Und so wurde das Objekt, wie die Fachzeitschrift "Sky & Telescope" kürzlich berichtete, nach den beiden Laien "Ikeya-Zhang" benannt. Mittlerweile haben jedoch Bahnberechnungen ergeben, dass Ikeya-Zhang mit dem Hevelius-Kometen identisch ist.
Für die Forscher ist der Komet vor allem deshalb interessant, weil er bei seinem Vorbeiflug an der Sonne durch die starke Hitze zerplatzen könnte. "Das würde uns erlauben, das Innere des Kometenkerns genauer zu inspizieren", sagt Rita Schulz von der Europäischen Weltraumbehörde Esa im niederländischen Noordwijk. Ob Ikeya-Zhang tatsächlich zerbricht, steht allerdings noch in den Sternen. Schulz, stellvertretende Projektwissenschaftlerin der "Rosetta"-Kometenmission, verlässt sich deshalb lieber auf die Röntgenmessungen mit "XMM-Newton".
Durch Beobachtungen des Kometen Hyakutake hatten Astronomen 1996 erstmals festgestellt, dass Kometen überhaupt Röntgenstrahlung abgeben. "Das war eine große Überraschung", erinnert sich Schulz. Seither diskutieren Experten zwei unterschiedliche Erklärungsmodelle: Demnach entsteht die Röntgenstrahlung entweder durch die Wechselwirkung von schweren geladenen Teilchen des Sonnenwinds, den Ionen, mit Partikeln in der Staub- und Gashülle des Kometen. Oder sie bildet sich durch die Reflexion der solaren Röntgenstrahlung in dieser Koma genannten Hülle.
"Die erste Theorie wird von vielen Kometenforschern bevorzugt", sagt Schulz. "Die zweite wird aber durch Beobachtungen des berühmten Kometen Hale-Bopp gestützt." Die Röntgenmessungen von "XMM-Newton" sollen das Rätsel jetzt lösen. Sollte die Röntgenstrahlung tatsächlich von angeregten Gasteilchen ausgehen, wird ein so genanntes Linienspektrum zu sehen sein. Dabei geben einzelne angeregte Partikel, etwa Sauerstoffionen, Röntgenstrahlung ab. Im Röntgenspektrum wird die Strahlung der Teilchen in Form zarter Linien sichtbar.
Handelt es sich bei der Röntgenstrahlung des Kometen hingegen um reflektiertes Röntgenlicht der Sonne, wird ein kontinuierliches Spektrum mit allen Wellenlängen zu sehen sein, da die unterschiedlich großen Staubteilchen alle Wellenlängen streuen und zurückwerfen. Forscher vermuten, dass insbesondere winzige Partikel aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff - der so genannte Attostaub - zur Reflexion beitragen. Solche Teilchen sind verschwindend klein, ihre Masse beträgt gerade einmal einige Trillionstel Gramm, auch Attogramm genannt.
"Sollte sich herausstellen, dass die Kometenkoma tatsächlich größere Attostaubmengen enthält", so Schulz, "müsste die Entstehungstheorie der Kometen noch einmal überdacht werden." Gängige Modelle gehen nämlich davon aus, dass Kometen durch Kollisionen entstehen - dabei müssten allerdings eher größere Teilchen und sehr viel weniger Attostaub-Partikel frei werden.
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