Bisher galt die Venus nicht gerade als erste Adresse für Aliens, seien sie auch noch so klein und hart im Nehmen. Die 250 Kilometer dicke, extrem saure und giftige Atomsphäre sorgt für einen starken Treibhauseffekt, auf der Oberfläche des Planeten herrschen Temperaturen von bis zu 400 Grad Celsius und ein Druck von 90 Atmosphären.
In 50 Kilometern Höhe aber geht es weit behaglicher zu: Hier ist es im Schnitt nur noch 70 Grad warm, der Druck beträgt etwa eine Erdatmosphäre. Zwar sind die Wolken auch an dieser Stelle noch sauer, doch zugleich gibt es hier auch die höchste Konzentration von Wasser in der Venus-Atmosphäre. "Vom astrobiologischen Standpunkt aus ist die Venus nicht hoffnungslos", sagt Dirk Schulze-Makuch von der University of Texas in El Paso. Zudem würde die Anwesenheit von Mikroben eine Erklärung für einige bisher ungeklärte Rätsel der Venus bieten.
Schulze-Makuch und sein Kollege Louis Irwin werteten Daten der russischen Venera-Missionen sowie der amerikanischen Pioneer Venus und Magellan-Sonden aus - und entdeckten einige Ungereimtheiten in der chemischen Zusammensetzung der Venus-Atmosphäre. Sonnenstrahlung und Bitzschlag etwa, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin "New Scientist", sollten eigentlich große Mengen von Kohlenmonoxid produzieren. Allerdings komme die Verbindung nur spärlich vor - als ob etwas sie verbrauchen würde. Schulze-Makuch und Irwin fanden außerdem Schwefeldioxid und Schwefelwasserstoff. Die beiden Gase reagieren miteinander und kommen deshalb normalerweise nicht gemeinsam vor - es sei denn, etwas produziert sie.
Noch geheimnisvoller aber finden die Forscher die Carbonylsulfid-Vorkommen in der Venus-Atmosphäre. Das Gas sei auf anorganische Weise dermaßen schwer herzustellen, dass es oft als sicheres Zeichen für biologische Aktivität gelte. "Es könnte nicht-biologische Arten der Produktion von Schwefelwasserstoff und Carbonylsulfid geben, die wir bisher nicht kennen", sagt Schulze-Makuch. "Aber beide Reaktionen brauchen Katalysatoren, um effektiv zu funktionieren. Auf der Erde sind Mikroben die effektivsten Katalysatoren."
Schulze-Makuch, der seine wissenschaftliche Laufbahn an der Gießener Justus-Liebig-Universität begann, vermutet Mikroben hinter den seltsamen chemischen Vorgängen in der Venus-Atmosphäre. Die Lebewesen, so seine Theorie, könnten Schwefeldioxid mit Kohlenmonoxid oder Wasserstoff reagieren lassen. Ähnlich dem Metabolismus früher Erdmikroben würden die Venus-Wesen auf diese Weise entweder Schwefelwasserstoff oder Carbonylsulfid produzieren. Als Nahrung könnte ihnen ultraviolettes Sonnenlicht dienen. Sollten die Mikroben UV-Strahlung absorbieren, würde das zugleich die mysteriösen dunklen Flecken erklären, die auf UV-Bildern der Venus zu sehen sind.
Andere Wissenschaftler reagieren skeptisch auf Schulze-Makuchs und Irwins Theorie. "Für Leben braucht man eine große Menge Wasser, nicht nur winzige Tropfen", sagte André Brack vom französischen Zentrum für molekulare Biophysik in Orléans gegenüber "New Scientist". Schulze-Makuch aber hält dem entgegen, dass es chemische Beweise für eine kühlere Vergangenheit der Venus gebe, in der auch Ozeane existiert hätten. "Das Leben könnte in ihnen begonnen und sich in stabile Nischen zurückgezogen haben, als der Treibhauseffekt einsetzte."
Eine schlüssige Antwort könnte es schon sehr bald geben: Die "Venus Express"-Mission der Esa soll ab 2005 die Atmosphäre des Planeten erkunden. Die Schwedische Raumfahrt-Agentur plant gar eine Venus-Mission, die eine Probe der Atmosphäre auf die Erde zurückbringen soll. Bis dahin aber dürften die Venus-Wesen, sollte es sie geben, noch eine Weile von Erdlingen unbehelligt bleiben: Das ehrgeizige schwedische Projekt wird nicht vor 2010 beginnen.
Markus Becker
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