• Drucken
  • Senden
  • Feedback
26.11.2002
 

Seltsame Satelliten

Möchtegern-Monde umkreisen die Erde

Von Thorsten Dambeck

Nicht nur der Mond leistet der Erde im All Gesellschaft. Forscher haben durchreisende Kleinplaneten entdeckt, die sich auf bizarren Bahnen in der Nähe des Planeten einnisten - und diesen scheinbar umrunden.



Erdnaher Asteroid 433 Eros: Kilometergroßer Irrläufer
Zur Großansicht
NASA

Erdnaher Asteroid 433 Eros: Kilometergroßer Irrläufer

Gleich hinter dem Mars, kurz vor dem Riesenplaneten Jupiter, befinden sich die Schutthalden des Sonnensystems: Millionen von Felsbrocken schwirren dort durchs All, vom Hunderte Kilometer messenden Beinahe-Planeten bis zum mickrigen Steinchen. In der Gründerzeit des Sonnensystems konnte sich das kreisende Geröll nicht zu einem großen Körper zusammenfügen - die Schuld dafür geben Astronomen dem Jupiter mit seiner Anziehungskraft.

Doch immer wieder gelingt es einzelnen Brocken, der Tristesse dieser Müllhalde zu entkommen. Aus ihrer ursprünglichen Bahn geworfen, begeben sich die Irrläufer auf Erdkurs. Seit einigen Jahren durchforsten Forscher den Himmel systematisch nach solchen "Near Earth Asteroids" (NEAs). Etwa 1600 haben sie bisher aufgespürt, darunter kilometergroße Vertreter wie 433 Eros. Die Zahl der unentdeckten steinernen Besucher geht vermutlich in die Zehntausende.

Auf eine besondere Klasse von NEAs sind Asteroidenjäger erst in den letzten Jahren gestoßen: Felsbrocken, welche die Sonne - genau wie die Erde - in einem Jahr umkreisen. Weil sie aber nicht auf kreisrunden, sondern unregelmäßigen Bahnen laufen, scheinen sie aus irdischer Sicht um den Blauen Planeten zu kurven. Als ersten Vertreter dieser Gruppe identifizierten Forscher 1997 den Kleinplaneten 3753 Cruithne. Einige weitere bekannte Himmelskörper könnten Prognosen zufolge in den nächsten Jahrhunderten eine ähnlich innige Beziehung, genannt "1:1-Resonanz", mit der Erde eingehen.

Die Bewegungen der Scheinmonde haben jetzt Helena Morais von der Universität Lissabon und Alessandro Morbidelli vom Observatorium in Nizza mit einem Computermodell simuliert. Wie die Forscher im Fachblatt "Icarus" berichten, ist die Liaison der Sonderlinge mit der Erde nicht von Dauer: "Ihre Bahnen sind chaotisch", erklärt Morais. "Nach durchschnittlich 25.000 Jahren verlassen sie die 1:1-Resonanz und gehen in andere Bahnen über." Später können sie wieder für einige Zeit eingefangen werden, langfristig ist ihr Schicksal jedoch vorbestimmt. Morais: "Die meisten scheinen in Kollisionen mit der Venus zu enden."

Da jedoch ständig Nachschub aus dem Asteroidengürtel eintrifft, gehen Morais und Morbidelli von einer konstanten Population solcher Besucher aus. Allerdings dürften diese Vagabunden, wie die Berechnungen zeigen, nur selten hell genug für irdische Teleskope sein. Die Dunkelziffer ist vermutlich hoch: "Man könnte von einem Ring aus temporären Begleitern sprechen", sagt Paul Wiegert von der kanadischen Queen's University. "Allerdings ist es ein spärlicher Ring, selbst wenn kleinere Brocken mitgezählt werden".

Zusammen mit einem internationalen Forscherteam konnte Wiegert zeigen, dass sich der im Januar entdeckte Asteroid 2002 AA29 in rund 600 Jahren in einen so genannten Quasi-Satelliten des Blauen Planeten verwandeln wird. Im Gegensatz zu Cruithne bewegt sich dieser Gefährte auf einer kreisförmigen, aber leicht gekippten Bahn um die Sonne. Für irdische Beobachter sieht es so aus, als würde der Fels jährliche Schlenker um die Erdbahn beschreiben. Alle paar Jahrhunderte wird er für rund 50 Jahre auf einem Kurs gefangen, der direkt um den Planeten zu führen scheint.

Die bizarre Bahn des Kleinplaneten verhindert zum Glück allzu große Nähe: Eine Kollision mit 2002 AA29 scheint, so Wiegert, in absehbarer Zeit ausgeschlossen. Derartige Scheintrabanten könnten aber ideale Studienobjekte für irdische Spähtrupps abgeben. Bei möglichen Missionen ließe sich ihr Aufbau untersuchen - derartige Daten sind möglicherweise wichtig, falls irgendwann einmal ein kosmisches Geschoss, das auf die Erde zurast, abgelenkt werden muss. Wiegert: "Solche NEAs sind gute Ziele für Sonden, da relativ wenig Energie gebraucht wird, um sie zu erreichen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Weltall

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP