Von Markus Becker
Die Zukunft der Nasa begann mit einer Tragödie: Als im Februar das Space Shuttle "Columbia" beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte, markierte es zugleich das Ende einer ernüchternden Ära der bemannten Raumfahrt. Nach der geglückten Landung auf dem Mond waren der US-Weltraumbehörde zuerst die Visionen, dann das Publikumsinteresse und schließlich die Gelder abhanden gekommen. Roboter auf fernen Planeten, wie etwa der Mars-Rover "Sojourner" im Jahr 1997, mögen wissenschaftlich wertvoller sein als Menschen im All - spannender sind sie aber nicht.
George W. Bush könnte dies angesichts sinkender Umfragewerte und eines drohenden Zermürbungskrieges im Irak zu seinen Gunsten nutzen - und ein neues nationales Großprojekt zur Eroberung des Weltraums verkünden, medienwirksam inszeniert bei seiner Rede zum 100. Jahrestag des ersten Motorflugs der Gebrüder Wright am heutigen Mittwoch in Kitty Hawk. Das zumindest hoffen zahlreiche Forscher und Raumfahrt-Enthusiasten.
Träume von einer Mondbasis
Die in US-Medien genannten möglichen Ziele - die Einrichtung einer permanenten Basis auf dem Mond oder gar ein bemannter Flug zum Mars - ließen Wissenschaftler sogleich von Riesenteleskopen auf der erdabgewandten Seite des Mondes und der Förderung von Helium-3 für irdische Fusionsreaktoren träumen.
Das Weiße Haus tat wenig, die Gerüchte verstummen zu lassen. Ein Sprecher erklärte lediglich, dass für die "nahe Zukunft" keine größeren Vorhaben geplant seien - ohne freilich zu präzisieren, was sich hinter dieser Zeitangabe verbirgt. Nasa-Chef Sean O'Keefe erklärte dagegen jüngst in einer Anhörung des US-Kongresses, dass die Regierung Bush sehr wohl an einem Plan für die Zukunft der Raumfahrt arbeite, inklusive eines neuen Raumschiffs als Ersatz für die mehr als zwanzig Jahre alte Space-Shuttle-Flotte. O'Keefe ließ zugleich durchblicken, dass die Pläne des Weißen Hauses über den den Erdorbit hinausreichten.
Der republikanische Abgeordnete Bart Gordon, ranghohes Mitglied des für die Nasa zuständigen Wissenschaftsausschusses des Repräsentantenhauses, befürwortete in den Medien lautstark eine Rückkehr zum Mond. Seine Meinung, sagte Gordon, habe er im Übrigen auch seinem Parteifreund, dem einflussreichen Vizepräsidenten Dick Cheney, verdeutlicht. Cheney wiederum leitet eine "Task Force", in der Vertreter der Nasa und mehrerer Ministerien die Zukunft der Raumfahrt entwerfen sollen.
Kein Geld für Großprojekte im All
Völlig offen ist, was Bush in seiner Rede in Kitty Hawk verkünden wird - zumal Insider es auch für möglich halten, dass er erst bei seiner Rede zur Lage der Nation Ende Januar aus der Deckung kommt. Denn abgesehen von den politischen Problemen plagen den Präsidenten finanzielle Engpässe. Der Nasa stehen jährlich ganze 6,1 Milliarden Dollar für die bemannte Raumfahrt zur Verfügung, Bush dagegen sieht im kommenden Jahr ein Haushaltsdefizit von 500 Milliarden Dollar auf sich zurollen.
Paradiesische Zustände wie in den sechziger Jahren, als die Nasa über vier Prozent des US-Etats gebieten und für die erste Mondlandung nach heutigem Wert rund hundert Milliarden Dollar ausgeben konnte, dürften kaum wiederkehren. Vor diesem Hintergrund ist auch die Forderung nach einer Rückkehr zum Mond zu sehen, wie der Republikaner Gordon freimütig einräumte: Eine Mars-Mission würde angesichts der Finanzlage schlicht zu lang dauern. "Man kann die Aufmerksamkeit der Amerikaner nicht aufrechterhalten, wenn das Ziel zwanzig Jahre entfernt ist", sagte der Abgeordnete.
Zudem hat die Familie Bush keine guten Erfahrungen mit dem Mars als nationales Reiseziel gemacht. Als Präsident George Bush, der Vater des jetzigen Amtsinhabers, 1989 anlässlich des 20. Jahrestags der Mondlandung einen Flug zum Mars ankündigte, entwarf die Nasa prompt eine 400 Milliarden Dollar teure, niemals finanzierbare Mission.
Angst vor der Aufholjagd der Chinesen
Eine Rückkehr zum Mond sei dagegen "in einem vernünftigen Zeitrahmen" realisierbar, erklärte Gordon - und wohl auch bezahlbar, denn ein solcher Trip könnte sich politischer Unterstützung gewiss sein. Nicht zufällig betonte der Abgeordnete, dass auch andere Länder den Mond im Visier hätten - wie etwa China, das seine "Taikonauten" bis 2020 auf den Erdtrabanten schicken will. "Wir wollen nicht, dass wir dann nicht dort sind", sagte der Republikaner - und sprach damit aus, was viele seiner Parteigänger denken.
Kaum hatte Peking Mitte Oktober die erste bemannte Raumkapsel in den Orbit geschossen, argwöhnten US-Kommentatoren, dass die Chinesen nicht nur zu Forschungszwecken ins All vordrängen. Was bestenfalls am Rande erwähnt wurde, war die Rolle der Amerikaner bei den militärischen Ambitionen Chinas.
Seit Ronald Reagan betrieb keine US-Regierung die Militarisierung des Weltraums derart aggressiv wie die Mannschaft von George W. Bush. Erst im vergangenen August hatte Peking den USA erneut ein Abkommen zur Verhinderung eines Rüstungswettlaufs im All vorgeschlagen, ohne dass Washington auf das Angebot reagiert hätte.
Militärische Pläne für den Weltraum
Das einzige internationale Abkommen zur Rüstung im All ist der "Outer Space Treaty". Der Vertrag, der 1967 von den USA, Großbritannien und der Sowjetunion ausgehandelt und seitdem von 98 Staaten ratifiziert wurde, verbietet unter anderem die Stationierung von Atomsprengköpfen und anderen Massenvernichtungswaffen im Erdorbit, im Weltall oder auf dem Mond. China argumentiert allerdings, dass US-Planungen wie die Nationale Raketenabwehr den Vertrag unterlaufen und neue Verhandlungen nötig machen.
Schon 1998, als noch Bill Clinton im Weißen Haus saß, veröffentlichte das damalige United States Space Command ein Dokument, das langfristig die Kombination von globaler Satelliten-Überwachung, Raketenabwehr und offensiven Waffensystemen im Orbit skizzierte. Mit der Amtsübernahme durch George W. Bush aber sind die Phantasien der "full-spectrum dominance" zur offiziellen Außenpolitik der USA avanciert.
Sollte Bush die technischen Visionen wahr machen, wäre es um das Abschreckungspotenzial des relativ kleinen chinesischen Atom-Arsenals geschehen. Die Falken in Washington gehen deshalb mit einigem Recht davon aus, dass China im Weltraum militärische Ambitionen hegt.
Hilfloser Appell der Vereinten Nationen
Ein Hinweis, wie die Zukunft im All aussehen könnte, lieferte eine im Dezember 2002 von der Uno-Vollversammlung verabschiedete Resolution. Das Papier (Titel: "Verhinderung eines Rüstungswettlaufs im All") betont so nachdrücklich wie hilflos, dass eine Militarisierung des Weltraums nicht im Interesse der Menschheit liege. Der Stimme enthielten sich unter anderem Israel und die USA.
Für Wissenschaftler sind das nicht unbedingt schlechte Nachrichten. Die Erinnerung an den Kalten Krieg ist für viele auch eine Erinnerung an nahezu unbegrenzte Gelder. Fraglich bleibt, ob Bush mit einer bloßen Rückkehr zum Mond die Massen euphorisieren kann wie einst John F. Kennedy.
Robert Zubrin, Gründer der "Mars Society" und glühender Verfechter einer bemannten Mission zum Roten Planeten, hatte für die Gerüchte um Bushs Mondfahrt nur Spott übrig. "Eine Farce" wäre so etwas, sagte Zubrin gegenüber CNN. "Wie will man die Jugend von heute ernsthaft mit einer Herausforderung inspirieren, die die Taten der Großeltern wiederholt?"
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