Es wird das vielleicht Wertvollste sein, was jemals vom Himmel gefallen ist. Zweieinhalb Jahre lang schwebte die 260 Millionen Dollar teure "Genesis"-Sonde im All und sammelte mit ihren pfannenförmigen Kollektoren Partikel aus dem Sonnenwind. Das Resultat stürzt am 8. September auf die Erde: 0,4 Milligramm an Atomen und Protonen aus dem solaren Teilchenstrom werden an Bord einer kleinen Kapsel über der Wüste des US-Bundesstaats Utah niedergehen.
Die Vorstellung, der Kanister könnte nur von seinem Fallschirm gebremst aufschlagen, bereitete den Forschern der US-Raumfahrtbehörde Nasa schlaflose Nächte. Eine weiche Landung musste her, die Frage war nur: Wie bringt man eine Raumkapsel nahezu punktgenau zur Erde zurück? Und wer in aller Welt soll in der Lage sein, sie mitten im Flug einzufangen?
Das Telefon klingelte schließlich bei Cliff Fleming. Am anderen Ende meldete sich ein Nasa-Beauftragter, der dem verblüfften Stuntman erklärte, er solle mit einem Helikopter und einer sechs Meter langen Stange eine auf die Erde fallende Raumkapsel einfangen. Sein erster Gedanke: "Das muss ein Witz sein", sagte Fleming der "Los Angeles Times".
Mit 40.000 km/h in die Atmosphäre
Heute, nach rund einem Dutzend Übungsflügen, ist der Pilot optimistischer. Er hält das Manöver mittlerweile für "machbar", aber keinesfalls für einfach: Auf einer Schwierigkeitsskala von zehn gibt er der Jagd auf die Kapsel eine acht bis neun.
Der Behälter, im Nasa-Jargon "Sample Return Capsule" genannt, wird in den Morgenstunden des 8. September von "Genesis" in der Nähe der Erde abgekoppelt. Während das Mutterschiff für Langzeitbeobachtungen zur Sonne zurückkehrt, rast die Kapsel mit rund 40.000 Kilometern pro Stunde in die Atmosphäre. In 30 Kilometer Höhe bremst ein kleiner Fallschirm den Behälter ab. Zweieinhalb Kilometer über dem Erdboden, in einem Zielgebiet von 25 mal 40 Kilometer Größe, öffnet sich dann der Hauptfallschirm und lässt die Kapsel mit nur noch 20 km/h durch die Luft gleiten.
Dann folgt Flemings Einsatz. Der Stuntman, dessen Flugkünste bereits in Actionfilmen wie "xXx - Triple X" und "Dante's Peak" zu bewundern waren, soll sich von hinten an den Flugkörper heranpirschen und den Fallschirm mit einem Haken einfangen, der an einer sechs Meter langen Stange befestigt ist. Sollte Fleming scheitern, kann ein zweiter Hubschrauber einen weiteren Versuch starten, bevor die Kapsel eine Höhe von 300 Metern erreicht. Sind die Piloten bis dahin nicht erfolgreich, muss die Kapsel allein zu Boden gleiten - und wird dabei womöglich beschädigt.
500.000 Dollar für die Nasa-Mission
Fleming, dessen Unternehmen laut "Los Angeles Times" eine halbe Million Dollar für den Einsatz bekommt, hat nach eigenen Angaben bei rund hundert Spielfilmen und Hunderten von Werbespots mitgearbeitet - aber noch nie eine Raumkapsel aus der Luft geangelt.
Das US-Militär setzte die Fangtechnik in den sechziger Jahren ein, um etwa Spionagematerial aus luftiger Höhe zu bergen. Doch mit der digitalen Übertragungstechnik geriet das Kunststück in die Abstellkammer der Geschichte - ebenso wie die Piloten, die es vollbringen konnten. Ein Stuntman, so die Überzeugung der Nasa-Verantwortlichen, sei der Einzige, der über die nötige Erfahrung verfügt.
Gegenüber üblichen Einsätzen erwarten Fleming vor allem zwei Probleme: die Höhe und die Geschwindigkeit. Normalerweise fliegen Hubschrauber recht niedrig, insbesondere in Filmszenen. Die Raumkapsel aber soll in fast eineinhalb Kilometer Höhe eingesammelt werden, wo ein Pilot kaum Orientierungsmarken zur Bestimmung von Höhe und Geschwindigkeit hat. Zudem wird Fleming mit 20 km/h bei weitem langsamer unterwegs sein als in Actionfilm-Szenen.
Der Stuntman ist dennoch überzeugt, dass ihm das Manöver gelingen wird. 60-mal übte er den Fallschirm-Fang nur mit der Stange, elfmal mit zusätzlich montiertem Haken. Nur einmal kam es zu Problemen, als der Fallschirm beinahe in den Heckrotor des Hubschraubers geraten wäre. "Ich werde nicht verfehlen", sagte Fleming.
Sollte das Kunststück gelingen, darf sich die Wissenschaft auf eine wahre Schatztruhe freuen. Von der Analyse der "Genesis"-Probe versprechen sich die Forscher neue Erkenntnisse über die Entstehung des Sonnensystems und die exakte chemische Zusammensetzung des Zentralgestirns. Nach bisherigen Annahmen spiegeln die von der Oberfläche der Sonne stammenden Teilchen noch die Zusammensetzung jener Ursuppe wider, aus der vor rund 4,6 Milliarden Jahren die Sonne und ihre Planeten entstanden.
Markus Becker
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