• Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.10.2005
 

Forscherstreit

Planetenfund per Google geklaut

Ein spanischer Astronom hat per Google Daten eines US-Forscherteams über einen Planetoiden gefunden - und wenige Tage vor den Amerikanern den Fund des Felsbrockens für sich reklamiert. Die US-Forscher fühlen sich nun um ihren Ruhm geprellt.

Fast so groß wie Pluto, umkreist von Mond Rudolph, dreht Santa seine Runden um die Sonne weit draußen im Kuiper-Gürtel, einem Ring aus Weltraumtrümmern jenseits des Neptun. Ähnlich wie sein ebenfalls jüngst entdeckter Nachbar Xena könnte Santa als Planet durchgehen. Eine solche Entdeckung zu machen, gehört zu den Sternstunden für jeden Astronomen. Aber gleich zwei Teams beanspruchten diese Ehre für sich. Und Santa wird unversehens zum Symbol für einen ethischen Grundkonflikt der Wissenschaft: die Freiheit der Information gegen das Urheberrecht.

Streitfall Santa: Um den potentiellen Planeten kreist ein Forscherstreit
Zur Großansicht
AP

Streitfall Santa: Um den potentiellen Planeten kreist ein Forscherstreit

Michael Brown vom California Institute of Technology und sein Team entdeckten Santa im Dezember 2004. Monatelang beobachteten sie das hellste Objekt in dieser entlegenen Region des Sonnensystems. Und als sie gerade ihre Ergebnisse veröffentlichen wollten, kam die Hiobsbotschaft. Ein spanisches Team unter Leitung von Jose-Luis Ortiz am Andalusischen Institut für Astrophysik in Granada war Brown zuvorgekommen. So etwas passiert. Brown gratulierte dem Kollegen per E-Mail.

Doch wenig später kamen ihm Zweifel. War er mit seiner Forschungsarbeit zu freizügig umgegangen? In einem Artikel für die American Astronomical Society vom 20. Juli hatte er das von ihm beobachtete Objekt kurz beschrieben und mit einem Codenamen benannt, den er auch in seinen Beobachtungslogbuch verwendete.

Das wiederum war frei im Internet zugänglich. Findige Forscher brauchten nur den Codenamen "K40506A" bei Google einzugeben und wurde weitergeleitet zur Homepage von Smart, dem "Small and Moderate Aperture Research Telescope System". Dort konnten sie erfahren, welche Stelle Brown im Kuiper-Gürtel unter Beobachtung hatte.

Den Betreibern des Teleskop-Computersystems war unbekannt, dass die Daten frei zugänglich waren, wie die "Los Angeles Times" berichtet. Die Auswertung der Log-Dateien habe dann ergeben, dass die einzigen Computer, die von außen auf die Santa-Daten zugegriffen hätten, identisch mit denen waren, mit denen Ortiz' Team seine Entdeckung dem Minor Planet Center mitgeteilt habe.

Daten auf öffentlicher Webseite

Der in Wissenschaftskreisen bis dahin eher unauffällige Ortiz räumte jetzt gegenüber der "Los Angeles Times" ein, dass er die Daten tatsächlich abgerufen hat - noch einen Tag, bevor er mit dem Sensationsfund an die Öffentlichkeit ging. Wollte er also nur herausfinden, ob der wissenschaftliche Konkurrent dasselbe Objekt beobachtete? Hat er dessen Ergebnisse benutzt, um seine eigenen Forschungen zu erhärten - oder sogar, um erst die Bedeutung des zufällig von ihm fotografierten Objektes zu erkennen? In jedem Fall hat er gegen wissenschaftliche Regeln verstoßen, indem er die Erkenntnisse seiner US-Kollegen nicht als Quelle nannte.

Den düpierten Astronomen Brown brachte das auf die Barrikaden. In einem Brief an den Minor Planet Center forderte er, dass Ortiz öffentlich gebrandmarkt wird. "Ich verlange, dass die Entdeckung Ortiz' und seinen Kollegen offiziell aberkannt wird und dass die International Astronomical Union ihr Verhalten in einer Stellungnahme verurteilt."

Ortiz verteidigte in der "Los Angeles Times" seine Vorgehensweise: "Wenn jemand Google nutzt, um frei verfügbare Informationen zu finden, und Google verweist auf eine öffentliche Internetseite, dann ist das absolut legitim. Das hat mit Hacken, Spionage oder ähnlichem nichts zu tun." Ortiz kritisierte Brown auch für dessen Geheimhaltungsstrategie - weil der US-Forscher seine Ergebnisse nicht sofort an den Minor Planet Center, eine Koordinierungsstelle für Funde solcher Art, weitergeleitet habe. Brown warnte im Gegenzug vor den Gefahren des Internets: "Das sollte die Wissenschaftler wachrütteln. Es macht wirklich Angst."

Der Publikationsdruck ist hoch

Tatsächlich ist Santa kein Einzelfall. "Es kommt fast alltäglich vor, dass Daten und Ideen kopiert werden", sagt Hans-Thomas Janka vom Max-Plack-Institut für Astrophysik in Garching im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Der Publikationsdruck ist hoch, es herrscht ein wahnsinniger Wettbewerb auf vielen Gebieten. Die Publikationen in der Physik und Astronomie sind sehr kurzlebig geworden, die Zeit ist nicht immer gegeben, um etwas tief auszuarbeiten." Da sei es einfach, für eine kleinere Publikation zu einem Spezialgebiet auf fremde Ideen zurückzugreifen.

Deshalb hätten die meisten Beobachtergruppen auch strikte Regeln erlassen, wann welche Daten veröffentlicht werden, so Janka. Zum Beispiel sei die Europäische Südsternwarte bekannt für die restriktive Handhabung ihrer Daten: Zwischen Beobachtung und Auswertung können Jahre liegen.

Einerseits gebe es gute Gründe, die Veröffentlichung der gewonnenen Daten einzuschränken, erklärt Janka. So könne man einer Forschungsgruppe nicht das Recht nehmen, nach jahrelanger Vorarbeit die erste Publikation zum Thema vorzunehmen. Andererseits gebe es auch das Interesse, die Auswertung auf mehrere Schultern zu verteilen und so schneller zu sicheren Ergebnissen zu kommen. Deshalb sei der Fall Santa nicht eindeutig zu bewerten. "Sauber ist das bestimmt nicht. Andererseits ist der betreffende Wissenschaftler fast selber schuld, wenn er mit seinen Daten so unvorsichtig umgeht."

Ortiz' Vorgesetzter, Jose Carlos del Toro Iniesta, räumte gegenüber der "Los Angeles Times" ein, dass Brown wohl künftig als Santas Entdecker geführt werde. "Ich denke, dass es keine Debatte mehr gibt", erklärte Iniesta. "Dr. Ortiz erkennt an, dass Browns Team das Objekt zuerst entdeckt hat."

Das Computersystem des chilenischen Teleskops ist übrigens mittlerweile gesichert worden - und Suchmaschinen wie Google dürfen die Webseite nicht länger in ihr Verzeichnis aufnehmen.

Thomas Mader

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Weltall

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP