Sonntag, 22. November 2009

Wissenschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
02.11.2005
 

Mittelalter und Moderne

Wie die Erde zur Scheibe wurde

Von Philip Wolff

2. Teil: Weiter im Teil 2: Wie die heile kugelförmige Welt zu bröckeln begann

Und der kleine Mann in den Provinzen, der des Lateinischen nicht mächtig war? Auch er wurde mit dem Wissen um die Erdkugel versorgt, als nach dem 6. Jahrhundert die politischen Führer und Kirchenhäupter der Völkerwanderungsstaaten begannen, Ptolemäus in die Sprachen ihrer Volksstämme zu übersetzen. Alfred der Große etwa erklärte um 850 seinen Angelsachsen, die Erde sei "so kugelförmig wie die Schildbuckel, die an den Schildinnenseiten die Griffknäufe bilden". Und den Spaniern erklärten Philosophen unter Berufung auf Isidor von Sevilla, die Erde sei "rund wie der Ball, mit dem die Jungen auf der Straße spielen".

Romanist Krüger: Missverständnis vom dummen Mittelalter
Zur Großansicht
Eva Häberle

Romanist Krüger: Missverständnis vom dummen Mittelalter

Ein helles, modern denkendes Mittelalter fand Krüger auf seiner literarischen Expedition. Darin mit Silvester II. einen Papst, der Abhandlungen darüber verfasste, wie man Erdgloben herstellt und welchen exakten Umfang der Originalplanet hat. Krüger stieß auch auf Kirchenlehrer wie Hermann den Lahmen, der Globen in seinem Unterricht einsetzte. "Auf dieses weit verbreitete Wissensfundament baute der Astronom und Mathematiker Johannes de Sacrobosco seine ,Sphaera mundi', den seit dem 13. Jahrhundert wichtigsten Text für den Astronomieunterricht an allen europäischen Universitäten", sagt Krüger.

Doch ausgerechnet mit dem Beginn der Neuzeit, in den ersten Vorwehen der Aufklärung, begann die heile kugelförmige Welt zu bröckeln. Als Kolumbus 1492 Amerika entdeckte, war zwar die theologische Antipoden-Frage, ob entfernte Kontinente besiedelt sein könnten, empirisch beantwortet. Doch als dann Nikolaus Kopernikus die Erde aus dem Zentrum des Kosmos rückte und das ptolemäische Weltbild korrigierte, hatten die mittelalterlichen Vordenker ihre Schuldigkeit getan, sie wurden vergessen oder unterschlagen. "Kopernikus zitiert seitenweise Sacrobosco, gibt dessen Gedanken aber als eigene aus. Damit bestand der wohl wichtigste Text der frühen Neuzeit zu großen Teilen aus mittelalterlichem Wissen", sagt Krüger.

So war es zunächst die Rhetorik der Auslassung, ein Verschweigen der mittelalterlichen Quellen, das die "kopernikanische Wende" als historischen Bruch erscheinen ließ: hin zum modernen Weltbild mit der Sonne im Mittelpunkt. Kopernikus hätte es nicht nötig gehabt, seine Leistung auszuschmücken und auch die kugelförmige Welt als neue Idee zu reklamieren - ein heliozentrisches Weltbild hatte im Mittelalter wirklich niemand vertreten. Auch von den antiken Philosophen hatte nur Aristarch von Samos so weit gedacht und war niedergeschrieen worden. Und doch wertete der polnische Astronom seine Vorgänger ab und zitierte 1543 im Vorwort zu seinem Hauptwerk "Von der Umdrehung der Weltkörper" als erster maßgeblicher Gelehrter überhaupt den vergessenen Laktantius: Von dessen Zuschnitt seien auch die Kritiker seines Weltbilds, schrieb Kopernikus. Und so wurde mit Laktantius ein seltener Erdscheiben-Theoretiker zum Vertreter der vormodernen Gelehrtenschaft, die Kopernikus damit für dumm verkaufte.

Zugleich half der Buchdruck, das Wissen neu zu sortieren. "Vor allem Kopernikus und sein Gefolge wurden veröffentlicht, die mittelalterliche Überlieferungstradition dagegen kaum noch fortgesetzt und von den Renaissance-Gelehrten mit nebulösen Hinweisen auf die Tradition der Alten regelrecht abgetan", sagt Krüger.

Die unwissenden Alten, wie der Kirchenvater Augustinus, hätten ja noch an die Erdscheibe geglaubt, log bereits 20 Jahre nach Erscheinen von Kopernikus' Hauptwerk der hessische Mediziner Johannes Dryander in einem Vorwort zu zeitgenössischen Entdecker-Berichten. Dass Augustinus die Existenz von Antipoden bezweifelt hatte, wurde ihm nach der Entdeckung Amerikas schwer angelastet. Mehr noch: Es wurde ihm daraus der falsche Vorwurf gestrickt, er habe eine flache Erde gepredigt.

Illustration im Buch "Werk Gottes" der Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert: Ein Erdball, auf dem gleichzeitig verschiedene Jahreszeiten herrschen
Zur Großansicht

Illustration im Buch "Werk Gottes" der Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert: Ein Erdball, auf dem gleichzeitig verschiedene Jahreszeiten herrschen

Krüger ist empört. "Da schrieb einer vom anderen ab und jeder erfand neue, angebliche Erdscheiben-Theoretiker unter den mittelalterlichen Gelehrten", sagt er. Das schlimmste Pauschalurteil aber wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gefällt, als der Herausgeber der "Acta Sanctorum", einer Heiligenlegenden-Sammlung, schrieb: "Die meisten unter den Kirchenvätern und der Philosophen bis zum 15. Jahrhundert" seien Anhänger des Irrglaubens an eine flache Erde gewesen. Eine Behauptung, die in der Aufklärung Konjunktur bekam.

Im Bemühen, das neuzeitliche Wissen als Resultat ihrer Gegenwart darzustellen, stöberten viele Aufklärer nach Hinweisen auf die Dummheit vergangener Epochen. So entdeckte zu Beginn des 18. Jahrhunderts der französische Gelehrte Bernard de Montfaucon in Florenz eine seit fast 1200 Jahren unbeachtet gebliebene Streitschrift - die "Christliche Topographie" des ägyptischen Mönchs Kosmas Indikopleustes. Darin hatte der ehemalige Handelsreisende Indikopleustes um 550 nach Christus einen biblischen Kosmos entworfen, nach dem die Erde den Boden eines gewaltigen Tabernakels bildet, der sich im Norden zu einem Berg auftürmt. Hinter diesem verschwinde die Sonne einmal täglich, fabulierte er. Ausgerechnet diesen Text publizierte und kommentierte Montfaucon nun als Beweis für ein fundamentalistisch bibeltreues Kosmologieverständnis der gesamten Spätantike und des Mittelalters. Ein Wendepunkt, von dem an die beiden Epochen rückblickend völlig neu betrachtet wurden: Bis in heutige Schulbücher und ins Allgemeinwissen hinein wirkt zum Beispiel die Tradition von Abhandlungen wie Thomas Paines "Age of Reason" von 1794/95 oder Washington Irvings "The Life and Voyages of Christopher Columbus" von 1828. Beide berichteten haarsträubende Unwahrheiten.

So erklärte der britische Publizist Paine den irischen Missionar Feirgil von Aghaboc, der im 8. Jahrhundert gelebt hatte, zu einem frühen Märtyrer im Geiste der Aufklärung. Feirgil sei auf dem Scheiterhaufen gelandet, weil er verbreitet habe, die Erde sei eine Kugel. Bis heute lebt diese Legende fort. Dokumentierte Wahrheit hingegen ist, dass der angelsächsische Bischof Bonifatius seinen Widersacher Feirgil zwar bei Papst Zacharias anschwärzte, weil Feirgil die Existenz von Antipoden predigte. Zacharias ließ den Mann jedoch nicht verbrennen, sondern erhob ihn zum Bischof: Als Vergil von Salzburg überlebte Feirgil den Angelsachsen Bonifatius um viele Jahrzehnte.

Ein ähnlich falsches Zeugnis vom Wissensstand der Europäer legte 1828 der amerikanische Schriftsteller Washington Irving ab und erdichtete: Spanische Wissenschaftler hätten einst Kolumbus' Reisepläne angezweifelt, denn wer auf der gekrümmten Erdscheibe so weit "nach unten" fahre, könne von dort schwerlich wieder "nach oben" gelangen. "Eine Legende, die belegen sollte, dass die dummen Spanier einst - im Zuge der bolivianischen Befreiungsrevolutionen - zu Recht aus Amerika vertrieben worden seien", sagt Krüger.

In diese Tradition fälschender Geschichtsschreibung reihten sich anschließend Aufklärungsmythen von angeblichen Meutereien, weil Kolumbus' Mannschaft gefürchtet habe, von der Erdscheibe zu fallen. "Was Schülern auch heute noch gern erzählt wird", sagt Krüger, "und zwar nur, weil ein Geschichtsbild einfacher zu verstehen ist, in dem die Alten dumm und die modernen Menschen klug sind."

Doch noch mehr als die Vereinfachung haben jene mutwilligen Brüche der Erinnerung geleistet, die eine Ordnung der Geschichte in Epochen wie Mittelalter, Renaissance, vor- und nachkopernikanische Zeit ermöglichen. "Sie helfen, das Jetzt aufzuwerten. Im Alltag ebenso wie in der Wissenschaft", sagt Krüger. "Allerdings um den Preis eines völlig falschen Selbstverständnisses der Gegenwart."

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern