• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Kosmologie Was vor dem Urknall geschah

2. Teil: Unschärferelation und Kosmische Vergesslichkeit

Der Physiker musste die bisherigen Ansätze der Schleifen-Quantengravitation, die vor allem auf numerischen Methoden beruhen, durch ein neues Modell ersetzen, um die Zeit vor dem "Big Bounce" genauer beschreiben zu können.

Kollegen wie Carlo Rovelli vom Centre de Physique Theorique in Marseille halten Bojowalds Arbeit für "bemerkenswert". Aussagen des Modells müssten mit kosmischen Beobachtungen verglichen werden, sagte Rovelli dem Online-Dienst "Space.com". Der Princeton-Forscher Steinhardt meint, die Berechnungen seien anschaulich, müssten jedoch weiter ausgebaut werden.

Die Gleichungen von Bojowalds Modell erfordern Parameter, die den Zustand des gegenwärtigen Universums genau beschreiben. Dann soll man mithilfe des Modells auch zurück in die Vergangenheit blicken können. Die Crux ist jedoch, dass diese Parameter sehr schwer zu ermitteln sind. "Man müsste die Größe und Expansionsrate des derzeitigen Universums sehr genau und wiederholt messen", sagt Bojowald.

Blick zurück wird erschwert

Aus kleinen Schwankungen der Messungen um deren Mittelwert könne man im Prinzip einen relevanten Parameter, nämlich die Fluktuation der Größe des Universums, ablesen. "Derzeit, und wohl auch für die absehbare Zukunft, reicht die Präzision der Daten für eine exakte Bestimmung der Fluktuationen nicht aus", schränkt er ein.

Das Modell enthält zudem eine Art Unschärferelation, wie man sie aus der Quantenphysik kennt. Ein Parameter sei ausschließlich für den Zustand vor dem "Big Bounce" wichtig, ein anderer für den Zustand danach, so der Physiker. Beide stünden komplementär zueinander, ähnlich wie Ort und Geschwindigkeit in der Quantenwelt. Man könne nur den einen oder den anderen Wert genau bestimmen, nie jedoch beide zugleich. Die gegenseitige Abhängigkeit der beiden Parameter, die die Unschärfe in der Größe des Universums vor und nach dem "Big Bounce" repräsentierten, erschwere den Blick zurück, sagt Bojowald.

Und als ob das nicht schon genug Einschränkungen wären, zeigt das Modell noch ein weiteres Phänomen, das die Zeit vor dem "Big Bounce" weiter verwischt: die kosmische Vergesslichkeit. Mindestens ein Parameter, der vor dem Urknall wichtig sei, überlebe "den Trip durch den 'Big Bounce' nicht" - fast so, als sollten wichtige Spuren des früheren Universums vernichtet werden.

Eine wahrscheinliche Folge des Parameter-Verschwindens: Das Universum vor dem "Big Bounce" dürfte kaum identisch sein mit dem danach. "Die ewige Wiederkehr absolut identischer Universen scheint durch die kosmische Vergesslichkeit verhindert zu werden", sagt Bojowald.

Das ist auf jeden Fall beruhigend. Denn es bedeutet, dass unser Universum doch etwas Besonderes zu sein scheint und nicht das Super RTL der Kosmologie, das vor allem aus Wiederholungen besteht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Weltall

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP