Von Thorsten Dambeck
Kürzlich machte die US-Weltraumbehörde ein paar Extradollar locker: Zum fünften Mal verlängerte sie die Mission von "Spirit" und "Opportunity". Beide rollen nun seit 45 Monaten über den Mars. Die automatischen Zwillingsrover, immer noch weitgehend intakt, suchen nach Spuren ausgetrockneter Marsgewässer. Sie trotzten eisigen Marswintern, tückischen Treibsanddünen und schier endlosen Staubstürmen. Sollten die Marathon-Mobile dennoch schlapp machen, ist ein Nachfolger bereits in Sicht: Die Arbeiten für das nächste US-Marsauto laufen auf Hochtouren, sein Start ist für Herbst 2009 geplant.
Das "Mars Science Laboratory" ("MSL") ist verglichen mit seinen Vorgängern ein Koloss, der rund 850 Kilogramm auf die Waage bringt – fast das fünffache der fragilen Rover-Zwillinge. Zehnmal mehr wissenschaftliches Gerät kann mit "MSL" durch den roten Steingarten chauffiert werden. Die Forscher wollen damit hauptsächlich klären, ob der Mars einst Bewohner hatte, oder gar immer noch hat. Doch niemand denkt an grünhäutige Aliens, Spuren primitiver Mikroben wären bereits ein Sensationsfund in der marsianischen Wüstenei.
"Ein großer Teil der Marsoberfläche wird für 'MSL' zugänglich sein, das ist besser als bei den vorangegangenen Rovern", versprach Matt Golombeck zu Beginn der Landestellensuche. Der US-Mars-Experte leitet die Suche nach dem besten Einsatzort des Vehikels. Insbesondere wegen seiner Landemethode sollte MSL viel mehr Landegebiete erreichen können als seine Vorgänger. Diese waren, in Airbags gehüllt, unsanft ins Geröll gekracht, was nur an wenigen ausgewählten Plätzen möglich ist.
Abgeseilt ins Marsgeröll
Für "MSL" eignet sich diese Methode nicht, die sechsrädrige Karosse ist dafür zu schwer. "Skycrane" heißt die völlig neue Technik, die die Nasa-Experten für ihr Gefährt ausgetüftelt haben. Es wird dabei kurz über dem Boden aus der Landefähre abgeseilt (siehe Video oben). Mars-erprobt sind dagegen die Plutoniumbatterien des Elektroautos, bereits die Viking-Lander der siebziger Jahre hatten davon jahrelang gezehrt. Die ökologisch korrekten Zwillingsrover fahren zwar mit Solarstrom, doch die Nasa-Ingenieure halten Atomstrom für die zuverlässigere Option, ihnen sind die wochenlangen Verdunklungen während der vergangenen Staubsturmsaison noch unangenehm in Erinnerung. Beide Rover standen damals wegen Stommangels kurz vor dem Aus.
Darüberhinaus, so versichert die Nasa, ist MSL bei der Landung zielgenauer zu steuern und seine Reichweite am Boden soll neue Maßstäbe setzen – ein technisches Wunderwerk? Die Realität fällt nüchterner aus, zumindest in punkto der versprochenen Landestellen-Flexibilität. Denn die zuständigen Nasa-Ingenieure haben den Forschern bei der Suche nach interessanten Landeplätzen nicht etwa freie Hand gelassen, sondern eine Reihe von Anforderungen definiert. "Die Steigungen im Landegebiet dürfen bestimmte Maximalwerte nicht überschreiten", so Ernst Hauber vom deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) in Berlin. Geologe Hauber analysiert die 3D-Bilder der europäischen Sonde "Mars Express" zur Unterstützung der Landestellenauswahl. "Ein zu welliges Bodenrelief würde eine sichere Landung gefährden und das Fortkommen von MSL behindern".
Außerdem darf die Entfernung zum Äquator nicht zu groß sein, ansonsten wären die Temperaturen zu garstig. Tiefebenen sind besser als Hochebenen, weil dann der Landefallschirm länger abbremst. Und im Landegebiet dürfen nicht zu viele Steine liegen – ansonsten droht nerviges Stop-and-Go.
Der Kriterienkatalog ist streng. Ende Oktober traf sich die Marsforscher im kalifornischen Pasadena, um das Für und Wider einer langen Liste von Kandidatenplätzen zu besprechen. Ergebnis: Die Liste ist nun beträchtlich geschrumpft, lediglich sechs aussichtsreiche Orte werden künftig weiter auf ihre Eignung erforscht.
Rückkehr nach Meridiani?
"Die sechs Zielgebiete nehmen sehr alte Marsregionen ins Visier, deren Mineralien auf eine wasserreiche Vergangenheit an diesen Stellen deuten", so Geologin Tanja Zegers, die als Beobachterin der ESA vor Ort war. "Landegebiete, wo es vor geologisch kurzer Zeit Wasser oder Eis gab, spielten eher eine Nebenrolle." Dahinter steht die Vorstellung, dass der junge Mars über längere Zeit feuchter und wärmer war als heute.
Zur Sechserliste der möglichen Landesplätze gehört auch die von Gräben zerfurchte Region Nili Fossae, wo ein Spektrometer von "Mars Express" Ton-Minerale aufgespürt hatte. Diese kennen Geologen von der Erde als Zeitkapseln, die Spuren von Wasser und organischem Material über Äonen einschließen können.
Auch zwei Stellen im Süden, die deutlich weiter vom Marsäquator entfernt liegen, schafften es in die Liste. Dazu gehört Holden Crater, wo auf Orbiter-Fotos Überreste eines alten Flussdeltas ausgemacht wurden. Doch beide Stellen dürften problematisch sein: Voraussichtlich wird es dort für MSL im Winter zu kalt. Bei zusätzlichen Untersuchungen mit Mars-Orbitern wollen die Forscher nun alle Kandidatenplätze kritisch unter die Lupe nehmen.
Zwar wird die Endauswahl wohl erst kurz vor dem Starttermin von MSL getroffen, doch könnte es dann ein Zielgebiet treffen, das Mars-Fans bereits tausendfach von Fotos kennen: Terra Meridiani. Die flache, steinarme Äquatorebene, hat bereits "Opportunity" ausgiebig untersucht und dort Spuren früherer Überflutungen ausgemacht. Für die Fans eine Enttäuschung, für die Nasa vielleicht die logische Konsequenz: der sicherste Landeplatz für den teuersten Rover. Denn die MSL-Mission ist mit 1,8 Milliarden Dollar zweimal teuer als beide noch intakten Rover zusammen. Anders als die Zwillinge muss MSL jedoch sein Glück allein versuchen. Ein Fehler könnte also das Scheitern der gesamten Mission bedeuten.
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