Samstag, 21. November 2009

Wissenschaft



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25.01.2008
 

Astronomische Fehldeutung

Warum wir Marsmännchen sehen

Von Christian Stöcker

Blogger und Weltraumfans sind elektrisiert: Auf dem Mars hat der Nasa-Roboter "Spirit" eine Figur fotografiert, die menschliche Umrisse hat. Handelt es sich um Bigfoot oder einen Mars-Mann? Der Fall sagt wenig über das Leben auf dem Mars - und viel über die menschliche Wahrnehmung.

Das Leben auf dem Mars ist für die Menschheit so etwas wie ein modernes Märchen, ein popkultureller Standard. David Bowie hat ein Lied darüber geschrieben, Orson Welles mit seiner Radioreportage über eine Marsianer-Invasion eine Massenpanik ausgelöst und Tim Burton hat in "Mars Attacks" deutlich gemacht, dass man sich im Falle eines Angriffs vom Mars am besten mit Country Music wehrt.

Unter Wissenschaftlern haben die grünen Männchen heute allerdings keinen allzu guten Stand mehr. Wenn sie von Leben auf dem Mars sprechen, geht es eher um die Frage, ob im roten Sand einst Bakterien existiert habe könnten oder nicht. In den Köpfen der Weltraumfans auf Erden jedoch geht die Suche nach den Marsmenschen weiter - eben erst wieder haben sie einen entdeckt.

Auf einem Foto, das der Nasa-Marsrover "Spirit" aufgenommen hat, ist eine Form zu sehen, die ein bisschen an die berühmte "Kleine Meerjungfrau" von Kopenhagen erinnert. Was gut passt, weil auch diese Bronzestatue eine Märchenfigur darstellt aus einer Geschichte des dänischen Dichters Hans-Christian Andersen. Andere Interpretationen wollen in der Formation einen Bigfoot erkannt haben, jenes rätselhafte Pelzwesen, das schon auf der Erde keiner finden kann.

Nur ein paar Zentimeter hoch

In gewissen Kreisen geht das möglicherweise sogar als bestechende Logik durch: Klar kann man Bigfoot auf der Erde heute nicht mehr finden - er wohnt ja inzwischen auf dem Mars! Sogar die Londoner "Times" fragte schließlich: "Zeigt dieses Bild, dass es Leben auf dem Mars gibt?" Die "Bild"-Zeitung verstieg sich sogar zu der Behauptung, Nasa-Wissenschaftler rätselten nun, was genau auf dem Bild zu sehen sei. Das ist unwahrscheinlich: Die Bildbeschreibung der Nasa jedenfalls erwähnt die in Wahrheit wohl nur ein paar Zentimeter hohe Struktur am linken Bildrand nicht einmal.

Der Fairness halber muss man sagen: Viele der Journalisten, Blogger und Blog-Kommentatoren, die sich mit dem Fundstück auseinandersetzten, machen sich eher darüber lustig, als ernsthaft in eine erneute Debatte über die Frage nach den grünen Männchen einzusteigen. Einige aber taten genau das - und zwar aufgrund einer dem menschlichen Gehirn eingeschriebenen Grundfunktion unseres Wahrnehmungsapparates: der sogenannten Pareidolie. Ihr haben wir auch schon andere vermeintliche Weltraum-Rätsel wie den Mann im Mond und das legendäre Marsgesicht zu verdanken. Die knappste Erklärung lautet: Unser Wahrnehmungsapparat ist permanent damit beschäftigt, in unklaren Strukturen nach erkennbaren Objekten zu suchen.

Das war vor langer Zeit äußerst hilfreich, als die Frage "ist das da drüben nur ein Felsbrocken oder doch ein Säbelzahntiger?" noch von existentieller Bedeutung war. Bis heute lässt uns die Pareidolie Gesichter in Rauhfasertapeten, Drachen in Wolkenformationen und eben Marsmännchen auf Fotos von Steinbrocken erkennen.

Die Surrealisten haben sie sogar zum künstlerischen Prinzip erhoben: Max Ernst beispielsweise legte gern Papier auf Holz, schraffierte so lange darauf herum, bis sich die Struktur abgedrückt hatte und hob dann mit dem Bleistift das hervor, was sein Wahrnehmungsapparat darin erkannte. Ernst schuf so bizarre Kreaturen, Urfische, Vögel, Monster. Der Bigfoot auf dem Mars hätte ihm vermutlich gefallen.

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