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29.04.2008
 

Raumfahrer-Casting

Europa sucht den Super-Astronauten

Von Christoph Seidler

Der Job ist prestigeträchtig - aber nicht ungefährlich. Wer wird der erste Europäer auf dem Mond? Erstmals seit 16 Jahren sucht die Esa wieder Raumfahrer, für ihre erste Mondlandung. Besonders begehrt: Astronautinnen.

Die Aussicht ist ganz passabel. Wenn die Mitarbeiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und der Europäischen Weltraumorganisation Esa aus den Fenstern ihrer Büros vor den Toren Kölns blicken, sehen sie vor allem viel Grün. Viele Bäume geben dem Gelände den Charme eines Parks, in den die flachen Gebäude wie eingestreut wirken.

Auf dem Areal befindet sich auch das Esa-Astronautenzentrum - und wer hier in dem Gebäude mit der Glas- und Wellblechfassade bald trainieren darf, wird irgendwann eine noch viel bessere Aussicht genießen dürfen: nämlich auf unseren Heimatplaneten. Von der Raumstation ISS aus und, noch besser, von der Oberfläche des Mondes.

Zum ersten Mal seit 16 Jahren sucht die Esa neue Astronauten. Rund 10.000 Bewerbungen erwartet man in Köln. Offiziell geht die Auswahl am 19. Mai los, dann schaltet die Esa eine Homepage für Kandidaten frei.

Wer sich für den Job im All interessiert, braucht unter anderem ein Gesundheitszeugnis für Privatpiloten und einen Hochschulabschluss - etwa in Medizin oder einer Ingenieurswissenschaft. Fließend Englisch sprechen zu können, ist ein Muss, wer Russisch spricht, bekommt Bonuspunkte. Auch eine Promotion oder Testpilotenerfahrung sind gern gesehen.

An diesem Dienstagmorgen hat die Esa in die graue Trainingshalle des Kölner Astronautentrainingszentrums geladen. Auf der Bühne wirbt ein halbes Dutzend ehemaliger Astronauten in blauen Jacken um neue Kollegen, die auf der "Suche nach dem Unbekannten, nach der Erkenntnis" sind, wie es der Astronaut Hans Schlegel ausdrückt.

Gleich nebenan steht schon das Trainingsgerät bereit: maßstabsgerechte Nachbauten des "Columbus"-Weltraumlabors und des europäischen Raumtransporters ATV, dessen erstes Modell "Jules Verne" vor wenigen Wochen zur ISS geflogen ist. Die Bedingungen der Schwerelosigkeit sollen die angehenden Astronauten in einem riesigen Wasserbassin üben.

Wer hier ausgewählt wird, der könnte der erste sein, der die europäische Fahne in den Mond steckt. Das verspricht jedenfalls der frühere Astronaut Gerhard Thiele, der das Training in Köln leitet. Natürlich würde eine Mondmission nur mit Hilfe der Amerikaner Realität. Doch die würden sich die Chance sicher nicht entgehen lassen, zum 50. Jubiläum der Mondlandung dorthin zurückzukehren, sagt Thiele, und "da ist es nur logisch und konsequent, wenn auch ein Europäer mit zum Mond fliegt".

Zu fit ist auch nicht gut

Bis dahin ist es aber noch eine Weile. Die Esa-Astronauten, die nun rekrutiert werden, dürfen zum Zeitpunkt der Bewerbung maximal 37 Jahre alt sein. "Die sind auch in zehn Jahren noch im besten Astronautenalter", sagt Thiele. Und der Astronaut Schlegel macht noch einmal klar, dass der Job nicht ungefährlich ist: "Raumfahrt ist riskant. Es ist eine bewusste Entscheidung, dieses kleine Risiko auf sich zu nehmen."

Man muss kein Supersportler sein, um Esa-Astronaut zu werden. "Wir suchen keine Couch Potatoes, aber auch keine Olympioniken", sagt Esa-Chefmediziner Volker Damann. Wer zu gut trainiert sei, der baue unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit nämlich besonders stark ab - an Knochen, Muskulatur und beim Herzkreislaufsystem. Gute körperliche Fitness müssten die Kandidaten aber mitbringen.

Insgesamt vier Astronauten sollen aus dem fünfstufigen Auswahlverfahren hervorgehen - geprüft auf gute Gesundheit und Fitness, psychische Belastbarkeit, Teamfähigkeit und persönliche Eignung. "Wenn alles nach Plan läuft, dann können wir im Sommer 2009 mit dem Training beginnen", sagt Cheftrainer Thiele.

Die Vorbereitung wird mindestens dreieinhalb Jahre dauern. Dann heißt es: warten. Die Astronauten werden dann einer bestimmten Mission zugeteilt. Wird diese verschoben - etwa wegen technischer Probleme - müssen sie sich in Geduld üben. Der Schweizer Esa-Astronaut Claude Nicollier hat einmal ausgerechnet, dass er für jeden Tag im All statistisch gesehen 280 Tage an Trainings- und Wartezeit auf der Erde verbracht hat. Doch in Zukunft, verspricht man in Köln, sollen diese Zeiträume kürzer werden. "Ich hoffe, dass die neuen Kandidaten nicht so lange warten müssen", sagt der französische Esa-Astronaut Lyonel Eyharts.

Astronautinnen gesucht

Besonders interessiert ist die Esa an Bewerbungen von Frauen. Die zehn Deutschen, die bisher ins All geflogen sind, waren ausnahmslos Männer. Zwei Kandidatinnen, Heike Walpot und Renate Brümmer, hatten zwar in den achtziger Jahren trainiert, waren aber nie für Missionen ausgewählt worden. Später schieden sie aus dem Kader aus. Immerhin: Die Französin Claudie Haigneré durfte zwei Mal ins All fliegen, die Britin Helen Sharman ein Mal.

"Frauen sind willkommen, aber nur wenige bewerben sich", sagt der französische Ex-Astronaut Michel Tognini, der Direktor des Esa-Astronautenzentrums. Man bemüht sich: Im Souvenirshop des Astronautenzentrums liegt schon ein Comic - "Tania - Europäische Astronautin" - , um angehende Raumfahrerinnen zu ermutigen.

Es ist nicht das Geld, das lockt - der Job ist durchschnittlich bezahlt. Die kosmische Aussicht, das Prestige und auch der Crew-Geist unter den Raumfahrerkollegen sind das einmalige am Astronautendasein. Dazu gehören Standards wie eine Weihnachtsfeier, zu der sich die Esa-Astronauten alljährlich treffen. Aber die werden konsequent durchgezogen: Weil die im vergangenen Jahr wegen eines zu engen Kalenders ausfallen musste, wird sie nun am Dienstagabend nachgeholt. Die Bühne in der Astronautentrainingshalle kann also noch etwas stehen bleiben. Und nächstes Jahr schon könnten die neuen Kollegen mit von der Partie sein.

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