Die Experten in Washington waren baff angesichts des Kraftakts, der da aus Kasachstan gemeldet wurde. Eigentlich hatten die Skeptiker damit gerechnet, dass Moskaus schamlose Kopie der US-Technik in einem Feuerball verglühen würde. Marcia Smith, eine Weltraumexpertin an der US-Kongressbibliothek, erklärte ehrfürchtig, vor allem die vollautomatische Landung der sowjetischen Raumfähre "Buran" - zu deutsch: Schneesturm - habe sie überrascht. Nun gelte es zu klären, ob die Sowjets ihre Steuercomputer vielleicht im Ausland gekauft hätten - und ob das vielleicht illegal gewesen sein.
Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow bemühte sich angesichts solcher Vorwürfe um demonstrative Lockerheit. Seinem Land gelinge es ganz einfach, "Probleme, welcher Art auch immer, aus dem Weg zu räumen", konterte er die skeptischen Stimmen aus dem Westen. Mit einem eindrücklichen Manöver hatten die Sowjets wenige Stunden zuvor gezeigt, dass sie erstens eine Raumfähre des Shuttle-Typs entwickeln können - und sie zweitens nach einer unbemannten Reise auch wieder sicher auf die Erde bringen. "Mit dem Testflug ihrer ersten wieder verwendbaren Raumfähre ist den sowjetischen Raketeningenieuren ein Meisterstück moderner Raumfahrttechnologie gelungen, wie es ihnen im Westen kaum jemand zugetraut hatte", kommentierte DER SPIEGEL damals anerkennend.
Nach einem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur war der sowjetische Shuttle-Zwilling in gut drei Stunden zweimal um die Erde gerauscht. Anschließend setzte die Raumfähre mit einer Anfluggeschwindigkeit von 340 Kilometern pro Stunde auf einer eigens gebauten, viereinhalb Kilometer langen Betonpiste in der Nähe des Startplatzes auf - ganz ohne menschliche Mithilfe. Ein erster Startversuch war Ende Oktober 1988 noch in letzter Sekunde abgebrochen worden, weil sich ein Versorgungsarm nicht rechtzeitig von der Raumfähre gelöst hatte. Doch nun hatten beim Jungfernflug alle Systeme tadellos funktioniert.
Siebeneinhalb Jahre nach den USA verfügte damit auch die Sowjetunion über eine wiederverwendbare Raumfähre. In einer Zeit des erneuten Kalten Krieges, als US-Präsident Reagan von Kampfmaschinen im Weltraum phantasierte, war auf diese Weise auch ein Stück militärischer Parität wiederhergestellt. Dieser Wunsch hatte auch das komplette Design der "Buran" beeinflusst - und sorgte dafür, dass Moskaus Raumfähre ihrem amerikanischen Vorbild so ähnlich sah.
Eigentlich hatten die sowjetischen Raumfahrtingenieure für ihre neue Raumfähre ein kleineres Nurflügler-Design bevorzugt. Doch die Militärs beharrten auf einem Shuttle-Klon, der mit 36 Meter Länge und 24 Meter Spannweite auch fast genau die Dimensionen seines Vorbildes aufwies. Zahl und Anordnung der Fenster waren ebenso identisch wie das Hitzeschutzsystem mit Tausenden Keramikkacheln. "Die Gesetze der Aerodynamik sind international", erklärte die amtliche Nachrichtenagentur TASS etwas unbeholfen die verblüffende Ähnlichkeit.
Neben der mit 30 Tonnen deutlich höheren Ladekapazität verfügte die "Buran" aber über einen weiteren wichtigen Unterschied zum Shuttle: Während die US-Fähren mit ihren drei Haupttriebwerken über ein eigenes Antriebssystem verfügen, übernahm bei der sozialistischen Variante die Trägerrakete "Energjia" mit ihren vier Zusatztriebwerken die komplette Transportarbeit. Das sowjetische System war dadurch deutlich flexibler als die Gerätschaften der Nasa. Denn egal, was es zu transportieren galt, Moskau brauchte nur noch eine Rakete. Die "Energija" konnte bis zu 100 Tonnen schwere Nutzlasten ins All befördern, egal ob Satelliten, Module für Raumstationen - oder eben "Buran".
Die Entwicklung der Raumfähre war das größte und teuerste Einzelprojekt der sowjetischen Geschichte. Die Techniker hatten nach dem geglückten Jungfernflug Rückenwind. "Buran" sollte ein wichtiger Bestandteil von Moskaus Raumfahrtprogramm werden, aber nicht das einzige Standbein. Die Hauptlast der Arbeit, so die Planung, sollten weiterhin Einwegraketen übernehmen. Allerdings sollte das Prestigeobjekt an der damals noch brandneuen Raumstation "Mir" andocken können. Ein erster bemannter Flug war für das Jahr 1994 geplant.
Doch daraus wurde nichts, die Wendewirren versetzten dem Projekt den Todesstoß. Nach massiven Finanzproblemen wurde die Entwicklung der Raumfähre im Sommer 1993 eingestellt, durch ein Dekret von Präsident Boris Jelzin. Die Fähre, die den Jungfernflug von 1988 absolviert hatte, fand ein besonders schmachvolles Ende: Sie wurde im Jahr 2002 beim Einsturz eines Hangars in Baikonur zerstört.
Immerhin: "Buran", der Beinahe-Star der sowjetischen Raumfahrt, kann auch 20 Jahre nach dem einmaligen Start noch jemandem zu einer Ehrung verhelfen - und zwar Hermann Layher. Er ist als Direktor des Technikmuseums Speyer entscheidend dafür verantwortlich, dass in der rheinland-pfälzischen Stadt seit diesem Sommer ein Prototyp der Raumfähre steht. Das aerodynamische Testmodell, das 25 Flüge in der Erdatmosphäre absolvierte, war von den Russen im Jahr 2000 zunächst nach Australien verkauft worden. Nach einer Odyssee über den Golfstaat Bahrain war es letzten Endes in Deutschland gelandet. Für dieses logistische Großprojekt wird Layher Ende Januar kommenden Jahres geehrt. Von der Karneval- und Tanzsportgesellschaft "Schlotte" in Schifferstadt erhält er dann den "Saumagen"-Orden.
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