Aus Heidelberg berichtet Christoph Seidler
In der spätherbstlichen Ruhe oberhalb von Heidelberg braucht es viel Phantasie, um sich die Apokalypse herbei zu denken. Die Bäume des Kleinen Odenwaldes und die Wiesen, die an das hier liegende Villenviertel grenzen, sehen aus wie aus dem Bilderbuch. Irgendwo unten liegt das Schloss, zu seinen Füßen fließt der Neckar. Wenn die Welt überhaupt irgendwo noch in Ordnung ist, dann hier.
Doch was wäre, wenn sich auf einmal der Himmel verfärbte, wenn ein gleißend helles Licht erschiene, das schnell größer würde? Wenn sich das Licht als glühender Ball entpuppte, der wenige Sekunden später einschlüge - und in einem riesigen Krater die traditionsreiche Universitätsstadt und ihr Umland unter sich begraben würde, Schockwellen durch die Erde sendend, Staub und Gestein aufwirbelnd.
Auf dem ehemaligen Anwesen des Chemienobelpreisträgers Carl Bosch brütet just in diesem Moment eine Expertenrunde über dem Horrorszenario eines Asteroideneinschlags. Eingeladen hat die Stiftung des ehemaligen SAP-Gründers Klaus Tschira - und es geht um nicht weniger als die Zukunft des Lebens auf der Erde. "Wir wissen, dass es in der Vergangenheit passiert ist. Und wir wissen, dass es wieder passieren wird", beschwört Alan Harris vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in einem fensterlosen Saal die Gefahr eines Treffers. "Wir können uns nur schützen, in dem wir die Objekte beobachten."
Hinter Harris zeigen zwei meterhohe Projektionsflächen die Bahnen von ein paar hundert bekannten Asteroiden an: bunte Kreise und Ellipsen in derem Inneren die Sonne liegt. Die Flugkörper gibt es zu Hunderttausenden in unserem Sonnensystem. Sie sind Relikte aus der Zeit, als Zentralgestirn und Planeten noch jung waren.
Weil viele von ihnen weit von uns entfernt ihre Bahnen ziehen, können nur wenige der Erde überhaupt gefährlich werden. Wissenschaftler sind sich einig, dass eine konkrete Gefahr kurzfristig nicht besteht, doch immer wieder rasen Flugkörper nahe an der Erde vorbei. Als heißester Kandidat für einen möglichen Zusammenstoß gilt derzeit der Asteroid Apophis, der die Erde im Jahr 2036 mit einer aktuellen Wahrscheinlichkeit von 0,0022 Prozent treffen könnte. Zwischenzeitlich veröffentlichte Schätzungen eines deutschen Schülers, der im Rahmen einer "Jugend forscht"-Arbeit auf weit höhere Werte gekommen war, hatten sich als falsch herausgestellt.
Doch größere Gefahr droht vermutlich von bisher noch gar nicht bekannten Objekten. Viele der lichtschwachen Asteroiden werden nämlich nur mit unglaublich kurzer Vorwarnzeit erspäht. Als Astronomen Anfang Oktober zum ersten Mal den Einschlagsort eines Objekts im Sudan richtig voraussagten, hatten sie das Kommen von 8TA9D69 gerade einmal mit wenigen Stunden Vorlauf vorausgesagt. "Die kleineren Asteroiden sind das größere Problem", sagt Eberhard Faust von der Münchener Rück. Der Versicherungskonzern befasst sich mit Georisiken, die als großes Schadensereignis viele Versicherungsnehmer betreffen könnten. Dazu gehören eben auch Asteroideneinschläge.
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