Die Frage, ob wir allein im All sind, beschäftigt die Menschheit wie kaum eine andere. Das kosmische Rätsel provoziert zudem weiteren Klärungsbedarf: Würden wir mit anderen Lebensformen kommunizieren können? Und würden wir sie überhaupt erkennen? Denn bisher haben wir überhaupt keine Vorstellung davon, wie sich Leben auf fremden Welten entwickelt haben könnte. Wissenschaftler suchen seit einiger Zeit nach Antworten.
In der Science-Fiction-Literatur ist immer wieder von bizarren außerirdischen Lebensformen die Rede, zum Beispiel auf Basis von Silizium. Wäre so etwas nicht denkbar, in irgendeinem fernen Winkel unseres Universums? Wer auf diese Frage eine Antwort sucht, der muss zunächst einmal klären, was Leben eigentlich ist. "Wir können sagen, dass ein Affe lebt und dass ein Granitblock tot ist", sagt Michel Viso, Astrobiologe bei der französischen Raumfahrtbehörde CNES, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Aber: "Wir können Leben nicht klar definieren."
Damit fehlt der Diskussion über Evolution auf fremden Planeten in gewisser Weise der Ausgangspunkt, wie Simon Conway-Morris, Paläobiologe an der Universität Cambridge, beschreibt: "Wir haben keine Ahnung davon, wie Leben auf unserem Planeten entstanden ist. Bei der aktuellen Geschwindigkeit wird es Jahrhunderte dauern, bevor wir das vollständig verstanden haben." Deswegen ist es auch schwer, nach exotischen Lebensformen außerhalb unserer Erde zu suchen.
Es gibt einen Ansatz, der Leben als selbsterhaltendes chemisches System erklärt, das zu einer darwinistischen Evolution fähig ist. Alternativ existiert auch eine Definition, die eine begrenzte Raumregion als lebendig ansieht, wenn in ihr die Ordnung durch energiegetriebene Reaktionszyklen zunimmt. Doch so recht helfen diese Erklärungen bei der Suche nach außerirdischen Leben und dessen Entwicklung nicht weiter.
Conway-Morris hat sich deswegen für einen spielerischeren Zugang entschieden und zusammen mit Kollegen in einem Gedankenexperiment den Modellplaneten "Aurelia" entwickelt. Das ist ein Himmelskörper, der einen sogenannten Roten Zwerg umkreist, und diesem stets dieselbe Seite zuwendet. Solcherart schockgefrostet und gegrillt zugleich, könnte auf der Oberfläche von "Aurelia" dennoch eine Übergangszone existieren, in dem Leben gedeiht - so die Hypothese der Forscher.
Wie könnte ein Aurelianer aussehen? Conway-Morris und seine Kollegen phantasierten ein buntes Sammelsurium von Kreaturen auf ihre erdachte Zweit-Erde: Zum Beispiel die Schlammbeutler, gesellig lebende Sechsfüßler mit Stielaugen, die Dämme bauen und in Höhlen Unterschlupf finden. Oder die Schluckschweine, riesige Raubtiere mit zwei Beinen, einem langem Hals und kleinem Kopf. Oder die zehn Meter hohen Stachelfächer, die ihre tentakelartigen Blätter nach dem Licht richten, und sich bei Gefahr zur Seite bewegen können wie Seelilien.
Ein weiteres Gedankenexperiment der britischen Evolutionsvisionäre war der "Blue Moon", der als Trabant einen riesigen Gasplaneten von der Größe des Jupiters begleitet. In einer besonders dichten Sauerstoff-Kohlendioxid-Atmosphäre können auch große Tiere schweben, zum Beispiel Himmelswale mit zehn Metern Flügelspannweite. Jim Usherwood vom Royal Veterinary College in London, der die Bewohner des "Blue Moon" mit erdacht hat, beschreibt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, dass er sich dafür an den Gegebenheiten auf der Erde orientiert hat. "Wenn Dinge wie das Fliegen in der Evolutionsgeschichte mehrfach auf Basis derselben Prinzipien aufgetaucht sind, dann können wir das auch in anderen Kontexten erwarten."
Je nach Umweltbedingungen könnten die Größenverhältnisse von Lebewesen in fremden Welten anders ausfallen als auf der Erde, sagt Usherwood. Doch die grundlegenden mechanischen Prinzipien blieben. Sein Forscherkollege Conway-Morris ist überzeugt, dass physikalische und chemische Gesetze auch in fremden Welten zu ähnlichen Lebensformen führen würden. Vorzugsweise dürften diese Kreaturen zum Beispiel Sauerstoff atmen, da sie auf diese Weise mehr Energie gewinnen könnten als durch Umwandlung von Schwefel oder Kohlenstoff.
Außerirdische Lebewesen, so argumentiert Conway-Morris, würden ihren irdischen Verwandten "ziemlich ähnlich" sein. Wobei der Begriff "ähnlich" eher weit auszulegen ist, wie das Beispiel der Pflanzen zeigt. Denn ihre Farbe hängt vom Spektrum des vorhandenen Lichts ab. Pflanzen auf der Erde gewinnen ihre Energie für die Photosynthese vor allem aus rotem und blauem Licht. Weil sie grünes Licht reflektieren, schimmern sie genau in dieser Farbe. Doch Pflanzen auf anderen Planeten könnten andere Präferenzen haben - und deswegen in besonders wundersamen Farben leuchten.
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