SPIEGEL ONLINE: Herr Gerst, werden Sie als neuer Esa-Astronaut der erste Deutsche auf dem Mond?
Gerst: Mit meinen prophetischen Fähigkeiten ist es nicht so weit her, als dass ich das wissen könnte. Das hängt unter anderem von den Esa-Mitgliedstaaten ab und natürlich auch von weiteren beteiligten Agenturen, wie zum Beispiel der US-Weltraumbehörde Nasa.
SPIEGEL ONLINE: Eventuell fällt die Reise ja auch komplett aus. Die Nasa überarbeitet gerade ihre Mondpläne…
Gerst: Soweit ich weiß, geht es dabei aber nur um die Frage, ob man eine permanente Basis auf dem Mond aufbaut oder nicht. Aber die Rückkehr auf den Mond an sich dürfte kaum auf der Kippe stehen. Die Amerikaner brauchen ihn schließlich als Testgelände für eine spätere Marsmission.
SPIEGEL ONLINE: Man könnte auch gleich direkt zum Mars fliegen.
Gerst: Wenn ich mir ein neues Zelt kaufe und damit die Sahara durchqueren will, dann sollte ich es vielleicht vorher noch mal im Harz aufbauen. Der Mond ist nur drei Tage von uns entfernt, Reisen zum Mars dauern ein Jahr. Das heißt, wenn wir auf dem Mars vor Problemen stehen, dann sind die nur schwer zu beheben. Auf dem Mond können wir üben.
SPIEGEL ONLINE: Warum sollten überhaupt Menschen auf dem Mond leben?
Gerst: Wir müssen begreifen, dass der Mond Teil unserer Umwelt ist. Er ist gerade einmal drei Tage entfernt. Das ist so weit wie früher der Weg von Berlin nach Hamburg. Man kann die Frage auch andersherum stellen: Was hätte Shackleton gesagt, wenn man ihn gefragt hätte: "Antarktis ist ja schön und gut, aber warum sollte jemand in das ganze Eis reisen?" Und heute gibt es Forschungsstationen dort, in denen Menschen leben. Die Situation ist dieselbe wie auf dem Mond: In dieser Umwelt können wir Dinge studieren, die uns direkt in unserem Leben betreffen.
SPIEGEL ONLINE: Mit Robotern kann man auch gut forschen.
Gerst: Roboter können gute erste Kundschafter sein. Irgendwann kommen wir mit ihrer Hilfe aber nicht mehr weiter. Wenn wir zum Beispiel einen Roboter auf den Mars schicken, der dort Wasser suchen soll, dann kann der zwar mit einem Bohrer ein paar Zentimeter in den Boden bohren, aber er hat keine Möglichkeiten, mit seiner Umgebung intuitiv zu interagieren. Wissenschaftler können Entscheidungen treffen - und sich zum Beispiel eine passendere Stelle aussuchen.
SPIEGEL ONLINE: Bisher scheint das auch niemanden interessiert zu haben. Mit dem Geologen Harrison Schmitt war nur ein einziger Wissenschaftler auf dem Mond.
Gerst: Die anderen Apollo-Astronauten sind aber auch ausgiebig von Geologen trainiert worden. Auf der Erde haben sie zum Beispiel gelernt, wie man seine Umgebung analysiert und repräsentative Gesteinsproben aufnimmt. Zur wissenschaftlichen Auswertung war auf dem Mond damals ohnehin keine Zeit. Der Astronaut ist ja nur der ausführende Arm eines riesigen Wissenschaftlerteams auf der Erde. Da ist es zunächst einmal nicht so wichtig, ob es sich um einen Wissenschaftler handelt oder einen wissenschaftlich gut trainierten Pilot. In jedem Fall ist er besser als eine Maschine, denn er besitzt Intuition.
SPIEGEL ONLINE: Vom großen Sprung für die Menschheit, den Armstrong vor 40 Jahren angekündigt hat, ist in der bemannten Raumfahrt wenig geblieben. Waren die vergangenen 40 Jahre verschenkt?
Gerst: Die ganze Sache musste wohl etwas reifen. Damals haben weltpolitische Zusammenhänge zu einem Wettrennen geführt, wer als erster den Mond erreicht. Heutzutage wollen die Staaten aus wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen zusammenarbeiten - und dorthin zurückkehren.
SPIEGEL ONLINE: Was für gesellschaftliche Gründe?
Gerst: Die Apollo-Astronauten waren die ersten Menschen, die die Erde in ihrer Gänze wahrgenommen haben. Sie haben sie als wunderschöne blaue Murmel in der Schwärze des Universums beschrieben. Alle Menschen, die das gesehen haben, haben berichtet, dass sich ihre Perspektive grundlegend geändert hat. Diese Faszination, die sie damit auf die Erde zurückgebracht haben, ist gar nicht in Geld aufzuwiegen. Man unterschätzt, wie wertvoll das ist.
SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für Sie selbst?
Gerst: In meinem Fall haben die Berichte der Astronauten dafür gesorgt, dass ich eine wissenschaftlich-technische Laufbahn eingeschlagen habe. Sonst hätte ich das vielleicht nie gemacht. Die Arbeit von Mond-Astronauten kann ein Ansporn für viele junge Menschen sein.
SPIEGEL ONLINE: Vielen Menschen scheint die Mond-Euphorie eher abhanden gekommen zu sein…
Gerst: Das sehe ich als meine Arbeit als zukünftiger Astronaut an, der Gesellschaft zu erklären, warum wir davon profitieren können. Für uns als Menschheit sind da viele Schätze und Erkenntnisse zu heben.
SPIEGEL ONLINE: Welche denn zum Beispiel?
Gerst: Der Mond ist, so die gängige Theorie, aus der Erde heraus entstanden. Er ist in einem Status, in dem die Erde vor ein paar Milliarden Jahren war. Seit dem hat er sich fast nicht mehr verändert. Wenn wir uns den Mond anschauen, können wir viel darüber lernen, wie die Erde früher ausgesehen hat. Und der Blick in die Vergangenheit gibt immer auch Hinweise auf die Zukunft.
SPIEGEL ONLINE: Das haben die "Apollo"-Astronauten doch alles bereits untersucht.
Gerst: Man muss sich überlegen, wie groß der Mond ist. Bis jetzt waren Menschen an gerade einmal sechs verschiedenen Orten dort. Das ist so, wie wenn man in Europa an sechs verschiedenen Stellen landet und im Umkreis von einem Kilometer ein paar Steine sammelt. Da kann man doch nicht behaupten, dass man etwas über dieses riesige Gebiet weiß. Wir haben nach wie vor kaum eine Ahnung vom Mond und von dem, was wir dort finden können.
SPIEGEL ONLINE: Halten Sie den Mond im Ernst auch wirtschaftlich für interessant?
Gerst: Das weiß ich noch nicht. Es gibt aber Hinweise, dass dort zum Beispiel Helium-3 abgebaut werden könnte. Das könnte man auf der Erde eines Tages als sauberen Brennstoff für Kernfusionsreaktoren einsetzen. Wer weiß, vielleicht gibt es auch andere interessante Rohstoffe.
SPIEGEL ONLINE: Wann glauben Sie, werden wieder Menschen auf dem Mond stehen?
Gerst: Die Nasa plant mit dem Jahr 2020. Aber das ist gar nicht so wichtig. Die Zeiten des Weltraumrennens sind vorbei, wir haben alle Zeit der Welt. Das heißt natürlich nicht, dass wir die Sache aufschieben sollten, denn dafür gibt es zu viel zu gewinnen. Aber wenn die Menschen in hundert Jahren zurückblicken, werden sie sich nicht an ein Datum erinnern, sondern daran, dass sich viele Nationen auf der Erde zusammengeschlossen haben, um dieses Projekt gemeinsam zu gestalten. Und daran, dass es nicht mehr darum geht, wer seine Flagge irgendwo hinpflanzt, sondern dass wir als Menschen zusammen für ein Ziel gearbeitet haben.
Das Interview führte Christoph Seidler.
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