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07.07.2009
 

40 Jahre Mondlandung

Die Party ist vorbei, der Kater geblieben

Von Holger Dambeck und Christoph Seidler

Dieser Schritt veränderte die Geschichte: Vor 40 Jahren hüpfte Neil Armstrong als erster Mensch durch den weißen Mondstaub. Was als umjubeltes Mega-Projekt begann, führte die Weltraumbehörde Nasa in eine Krise. Welchen Wert hat die Mondlandung überhaupt für die Menschheit?

Der Mensch ist verrückt. Warum sollte er sonst 8000-Meter-Berge hinaufkraxeln, sich lange 42 Kilometer laufend über den Asphalt quälen oder allein in einer wackeligen Kiste den Atlantik überfliegen? Das Setzen großer Ziele hat Methode, wie der Kölner Sportwissenschaftler Hans Stollenwerk herausgefunden hat. Er befragt regelmäßig Marathonläufer nach ihren Beweggründen, drei, vier oder gar fünf Stunden am Stück zu laufen.

Die Herausforderung der 42 Kilometer lockt immer wieder neue Läufer an: "Etwa jeder fünfte Teilnehmer an den großen Marathons wie Köln oder Frankfurt läuft zum ersten Mal", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Etwas Neues, etwas Unbekanntes wagen, die eigenen Grenzen ausloten - letztlich steckt auch dies hinter den Flügen der amerikanischen Astronauten zum Mond vor 40 Jahren, dem Mammutprojekt der US-Raumfahrt schlechthin. Der Mensch ist ein Entdecker, und warum sollte er nicht versuchen, einmal auf jenem Himmelskörper zu stehen, dessen Schönheit Dichter und Maler immer wieder aufs Neue inspiriert hat?

Die Fußspuren im Mondstaub sind jedoch nicht nur auf Entdeckerdrang zurückzuführen: Es ging auch um die Seelenhygiene Amerikas. Das Selbstbewusstsein der Nation war Anfang der sechziger Jahre am Boden zerstört. Erst der Sputnik-Schock, dann der erfolgreiche Flug des Kosmonauten Jurij Gagarin - in der Raumfahrt feierte die Sowjetunion riesige PR-Triumphe und ließ das angeblich so mächtige Amerika alt aussehen.

Gewagte Ansage vom Präsidenten

US-Präsident John F. Kennedy blieb im Wettstreit der Systeme kaum eine Wahl, er musste die Latte noch höher legen. "Ich glaube, dass sich dieses Land dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn wieder sicher zur Erde zurück zu bringen", verkündete er am 25. Mai 1961 in einer Rede vor dem US-Kongress.

Eine gewagte Ansage. Schließlich hatten die USA bis dahin kaum Meriten im All gesammelt. Die Weltraumerfahrung der Nasa-Astronauten lag im Minutenbereich. Glaubte der charismatische Kennedy im Ernst an seine eigene Idee? Was motivierte ihn zu seiner vollmundigen Ankündigung? In erster Linie war es wohl der Wunsch, die Kräfte seines Landes in einem gigantischen Projekt zu einen, wie er in einer späteren Rede an der Rice University in Houston verriet. Man wolle zum Mond, nicht weil es einfach sei - sondern ganz im Gegenteil: Weil das Vorhaben schwierig sei, weil es den Einsatz aller Energien und Fähigkeiten verlange, wolle man dorthin. Sein Land sei bereit, das Nötige zu leisten.

Die Euphorie des Präsidenten, die Euphorie des ganzen Landes erklärt zwei Dinge: Erstens hilft sie verstehen, warum das "Apollo"-Projekt kurzfristig erfolgreich sein konnte - immerhin landete am 21. Juli 1969 die Zwei-Mann-Crew von "Apollo 11" dort. Zweitens macht sie aber auch verständlich, warum die freundlichen Herren in den weißen Raumanzügen bereits nach kürzester Zeit daran scheiterten, die Herzen der Menschen zu erreichen.

Der Kampf der Systeme stachelte die Amerikaner an

Erst die Euphorie, dann die Ernüchterung - bis heute hat sich die Welt davon nicht erholt. Die Menschheit tut sich auch deswegen so schwer mit dem Schritt zurück auf den Mond, weil der Kater nach der Party von damals irgendwie noch heute anhält.

Der Kampf der Systeme hatte die Amerikaner angestachelt - und der vage Gedanke an etwas ganz, ganz Großem mitzuarbeiten. Zehntausende Menschen schrubbten über Monate Überstunden im Namen des "Apollo"-Projekts. Und nur wenige echauffierten sich darüber, dass für einige Jahre fünf Prozent des US-Budgets für die Mondfahrten ausgegeben wurden. Für einige mag der Glaube an das Projekt auch eine Reverenz an den 1963 getöteten Hoffnungsträger Kennedy gewesen sein.

Hunderttausende Menschen sahen zu, als am 16. Juli 1969 die "Saturn V"-Rakete mit der "Apollo 11"-Besatzung an Bord in den Himmel donnerte. Als Neil Armstrong und Edwin Aldrin dann auf dem Mond spazierten, lag sich das Volk in den Armen. Weltweit klebte eine halbe Milliarde Menschen an den Fernsehgeräten, um zu sehen, wie Armstrong am 21. Juli seinen ersten Schritt auf den Mond wagte: "That's one small step for a man, one giant leap for mankind." Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.

Doch schon wenig später waren die Bilder den Menschen einfach nur noch langweilig geworden. Die "Apollo"-Übertragungen wurden in den USA zeitweise zu Gunsten der "Doris Day Show" zurückgestellt. Der Mond war bezwungen - und nun? Allenfalls vage Antworten gab es auf diese Frage.

Insgesamt zwölf Astronauten landeten 1969 bis 1972 auf dem Erdtrabanten. Die meisten Menschen erinnern sich heutzutage am ehesten noch an die Beinahe-Katastrophe von "Apollo 13", die Vorlage für einen Hollywood-Film mit Ton Hanks. Keine Frage: Technisch war das "Apollo"-Projekt eine Meisterleistung. Der Bordrechner von Neil Armstrongs Raumschiff hatte weniger Rechenkraft als ein handelsübliches Mobiltelefon im Jahr 2009. Die "Saturn V" war stärker als sämtliche heutzutage eingesetzten Raketen.

Nicht einfach zu beantworten ist die Frage, was das Rennen zum Mond den Amerikanern, was es der Welt gebracht hat. Bei der Nasa kennt man das Problem und versucht die eigene Arbeit mit aufwendig produzierten Flash-Animationen im Internet ins rechte Licht zu rücken. Das Infrarotfiebermessgerät, Metall-Legierungen mit Formgedächtnis, kabellose Headsets - all das verdankt die Menschheit demnach den Ingenieuren der US-Weltraumbehörde. Doch wäre ein kluger Erfinder nicht auch ohne die Vorarbeiten aus Houston auf solche Ideen gekommen?

Vom großen Sprung ist wenig geblieben

Von dem großen Sprung, den Armstrong beim Betreten des Mondes ankündigte, ist zumindest in der bemannten Raumfahrt wenig geblieben. 40 Jahre nach "Apollo" haben die USA nicht nur Schwierigkeiten damit, wieder Menschen auf den Mond zu bringen. Sie verlieren - noch weit schlimmer - nach dem Ende des Space Shuttles sogar für mehrere Jahre die Fähigkeit, überhaupt selbständig Astronauten zu transportieren.

Daran trägt ein Stück weit auch das "Apollo"-Programm Schuld. Dessen Gerätschaften waren so spezifisch für den Flug zum Mond konstruiert worden, dass sie in den folgenden Jahren keinen Nutzen für die bemannte Raumfahrt mehr brachten. Gleichzeitig war das Nasa-Budget so angegriffen, dass bei nachfolgenden technischen Konzepten, namentlich beim Space Shuttle im Detail gespart werden musste - mit tödlichen Folgen, wie die Abstürze von "Challenger" und "Columbia" zeigten.

Derzeit nimmt ein zehnköpfiges Aufsichtsgremium unter Führung des Lockheed-Martin-Managers Norman Augustine das US-Raumfahrtprogramm unter die Lupe. Im August soll der Abschlussbericht vorliegen. Bisher ist Präsident Barack Obama - im Gegensatz zu seinem politischen Ahnen Kennedy - nicht durch Visionen von der bemannten Raumfahrt aufgefallen.

Bleiben Menschen auf dem Mond womöglich eine einmalige Episode? Hans Stollenwerk von der Deutschen Sporthochschule Köln kennt ein ähnliches Phänomen von Menschen, die sich für eine gewisse Zeit mit aller Energie ins Marathonlaufen stürzen - und dann plötzlich wieder damit aufhören. "Joschka-Fischer-Syndrom" nennt er es, und beschreibt damit jene, die schon nach einem, spätestens aber einer Handvoll Marathons vom Laufen genug haben.

Allerdings machen sich nicht alle diese Sorgen. "Die Rückkehr auf den Mond dürfte kaum auf der Kippe stehen", gibt sich etwa der zukünftige Esa-Astronaut Alexander Gerst im SPIEGEL-ONLINE-Interview optimistisch. "Die Amerikaner brauchen ihn schließlich als Testgelände für eine spätere Marsmission." Doch ob es diese Missionen tatsächlich geben wird, werden die kommenden Monate zeigen.

Von der Euphorie und Aufbruchstimmung der "Apollo"-Tage ist einstweilen wenig zu spüren. Ob die Zeit der amerikanischen Dominanz im Weltraum vorbei sei, wurde Edwin Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, unlängst von der "New York Times" zum 40. Jubiläum der Mondlandung gefragt.

Seine Antwort fiel knapp aus: "Ja."

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