Von Max Rauner
Inversionswetterlagen, Zirrus- und Stratuswolken waren Arps Alltag. Nächtelang kauerte der junge Astronom früher am kalifornischen Palomar-Observatorium in einem käfigartigen Hochstuhl und wartete auf Löcher in der Wolkendecke. In klaren Neumondnächten schob er eine Fotoplatte nach der anderen zwischen die Linsen des Teleskops, des größten der Welt. Durch die offene Kuppel zog kalte Luft. Arp trug einen Fliegeranzug aus dem Zweiten Weltkrieg mit eingebauter Heizung, die einen Kurzschluss hatte: Am Bauch heizte sie, der Rest des Anzugs war kalt. Doch dann verbot man ihm die Benutzung des Teleskops. "Ketzer-Astronom soll Zugang zur Sternwarte verlieren" schrieb die Los Angeles Times 1982.
Wie kam es zu diesem Karrieresturz?
In den fünfziger Jahren zählte Arp zu den besten Astronomen weltweit, berühmt für seine Aufnahmen von Galaxien. Der große Edwin Hubble hatte ihn angestellt, er schätzte Arps "Ausdauer bei widrigem Wetter und sein Gespür für neuartige Phänomene". Damals tobte ein heftiger Streit über eine noch junge Theorie, der zufolge das Universum einst einen Anfang hatte - den Urknall. Immer mehr Forscher ließen sich durch neue Daten und Argumente davon überzeugen. Nur Arp weigerte sich, seine Meinung zu ändern. Er sucht bis heute nach Beweisen für ein ewig existierendes Universum und gegen die Urknalltheorie. Für die meisten Kollegen ist er deshalb ein Spinner: Halton Arp, der letzte Gegner des Urknalls.
Für manche ist Halton Arps Geschichte aber auch der Beleg dafür, dass die Wissenschaft zu stromlinienförmig geworden ist. "Wir brauchen Leute wie ihn", sagt der Astrophysiker Rudolph Kippenhahn, "sonst besteht die Gefahr, dass sich in der Wissenschaft Cliquen bilden, die keine Kritik von außen zulassen." Kippenhahn leitete in den achtziger Jahren das Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching. Als Halton Arp am Palomar-Observatorium in Ungnade fiel, holte er ihn mit einem Stipendium nach München. Dort lebt der Amerikaner bis heute.
Fuchsbau nennen die Münchner das pyramidenförmige Apartmenthaus neben der Erlöserkirche. Arp wohnt mit seiner Frau, einer französischen Astronomin, und der Enkeltochter im siebten Stock. Er sei dünner geworden, sagen seine Freunde. Sein Gedächtnis ist nicht mehr so gut, er geht gebeugt und stolpert manchmal. Arp lässt sich in das Sofa fallen, abgewetztes Leder, ein Erinnerungsstück. Er ist jetzt 82. "Meine Zeit läuft ab", sagt er. Aber er ist noch nicht fertig mit dieser Welt. Er schreibt an einem Artikel, der seine Kritiker überzeugen soll.
Er sagt: "Der wird alles aufklären, die letzten Absätze müssen perfekt sein."
Dass das Universum in einem dichten Feuerball geboren wurde, lernt heute jedes Schulkind. Diese physikalische Schöpfungsgeschichte erscheint so selbstverständlich wie die Tatsache, dass Steine nach unten fallen. Wie kann man daran zweifeln? "Man muss die Bilder sehen", sagt Arp, "sie zeigen alles". Bilder von Galaxien und Sternen, die er über Jahrzehnte zusammengetragen hat, um die Urknalltheorie zu widerlegen. Am nächsten Tag will er sie vorführen, am Max-Planck- Institut in Garching, dort hat er noch ein Büro.
Die Bilder! Sein Vater war Maler, wahrscheinlich entfernt verwandt mit dem Dadaisten Hans Arp, so genau weiß man es nicht. Halton Arp kommt nach seinem Vater, er sagt: "Ich bin ein visueller Typ, die anderen sind Worttypen." Die "anderen", das sind die modernen Astronomen. Sie schicken Satelliten ins All und stellen Statistiken über Sterne und Lichtspektren auf, sie berechnen die Dichte des Weltalls und die Krümmung des Raums, und darin erkennen sie Belege für die Urknalltheorie. Die Diagramme der Worttypen sehen aus wie Kindergekrakel. Arps Aufnahmen von Galaxien sehen aus wie Kunst.
Es war nicht immer so, dass er die Welt in "ich und die anderen" einteilte. "Am Anfang war ich einer von denen", sagt Arp. Zu denen gehörten Albert Einstein, Arthur Eddington und ihre Jünger, Physiker also, die sich durch Beobachtungsdaten und Theorien davon überzeugen ließen, dass das Universum einen Anfang hatte.
Auch Arp stand der Urknalltheorie zunächst offen gegenüber.
Es war die Zeit, als manche Astronomen der Glamour umwehte und sie mehr waren als nur Wissenschaftler. Edwin Hubble verkehrte mit Schauspielern und Künstlern, er war Ehrengast bei der Oscar-Verleihung. Jazz-Größen wie Cole Porter besuchten die Sternwarte am Mount Wilson, Arp war mit Musikern aus Charlie Parkers Band befreundet. Hubble war Amateurboxer, Arp Fechtmeister der Westküste, für die USA sollte er bald zur Weltmeisterschaft nach Paris fahren. Er schrieb Flugblätter gegen Atomwaffen und demonstrierte neben der Sängerin Joan Baez gegen die Rassentrennung. Selbst die Wissenschaft war irgendwie politisch. Als Arp sich auf einer Party neben einen bekifften Hippie hockte, schlug dieser nur kurz die Augen auf und murmelte: "Das Problem mit der Welt ist ihre inkorrekte Kosmologie."
Edwin Hubble hatte bereits in den zwanziger Jahren das Licht entfernter Sterne studiert und festgestellt, dass es rötlicher erschien als erwartet. Die Wellenlänge schien gedehnt, wie die Schallwellen einer Krankenwagensirene, die nach dem Vorbeifahren tiefer klingt - der Dopplereffekt. Die Sterne, so folgerte Hubble, entfernen sich voneinander. Jahrhundertelang hatten die Menschen an ein statisches Universum geglaubt. Nun schien es, als dehne der Kosmos sich aus.
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diskutiere nie mit einem crank, wenn es sich vermeiden läßt. Eher kann man Götterspeise an die Wand nageln. mehr...
Nur die Urknalltheorie ist vatikankonform. mehr...
Wenn sich diese Fundamentalisten melden, dann gegen, nicht für, Arp.Kampf mehr...
Für deren "Beschreibung" schon. Das ist das große Rätsel, wieso sollen die Euklidischen Axiome so maßgeblich für die realen Beschreibungen sein ? Jede sichtbare Linie, ist sozusagen keine Linie im mathematischen [...] mehr...
Also Pfaffen Popen und Gläubige passen nun gar nicht in diese Diskussion, da Wissen der größte Feind des Glaubens ist! Wer glaubt, sagt ganz klar und deutlich, das er keine Ahnung hat. Egal was ein Pfaffen oder Popen oder [...] mehr...
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