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30.05.2010
 

Kosmologie

Leben im Multiversum

Von Alejandro Jenkins und Gilad Perez

Erste Sterne nach dem Urknall (künstlerische Darstellung): Nur eine von vielen Blasen?Zur Großansicht
REUTERS / David Aguilar

Erste Sterne nach dem Urknall (künstlerische Darstellung): Nur eine von vielen Blasen?

Es ist ein fesselnder Gedanke: Was wäre, wenn unser Universum nicht das einzige ist? Könnte es auch in einem Paralleluniversum mit anderen Naturgesetzen Leben geben? Aktuelle Forschungen zeigen: Wenn die anderen Welten wirklich existieren, dann können sie durchaus lebensfreundlich sein.

Der Actionheld eines typischen Hollywoodstreifens lebt extrem gefährlich. Immer wieder schießen Scharen von Gangstern aus allen Rohren auf ihn und verfehlen nur um Haaresbreite ihr Ziel. Vor dem Feuerball eines explodierenden Autos entkommt er mit knapper Not durch einen halsbrecherischen Sprung. Als der Bösewicht ihm schon das Messer an die Kehle setzt, retten ihn Freunde in letzter Sekunde. Wäre auch nur eines dieser Ereignisse ein klein wenig anders verlaufen - unser Held hätte das Happy End nicht erlebt. Doch obwohl wir den Film zum ersten Mal sehen, wissen wir, dass er davonkommen wird.

In mancher Hinsicht gleicht die Geschichte unseres Universums dem Actionfilm. Mehrere Physiker meinen, schon die kleinste Änderung eines einzigen physikalischen Gesetzes hätte die normale Entwicklung des Universums derart empfindlich gestört, dass es uns gar nicht gäbe. Wäre zum Beispiel die starke Kraft, welche die Atomkerne zusammenhält, nur ein wenig stärker oder schwächer, so hätten die Sterne nur wenig Kohlenstoff und andere Elemente gebildet, die offenbar nötig sind, damit Planeten entstehen - von Leben ganz zu schweigen. Wäre das Proton nur 0,2 Prozent schwerer, so zerfiele der gesamte uranfängliche Wasserstoff fast sofort zu Neutronen, und nie wären Atome entstanden. Die Liste ist lang.

Anscheinend sind die physikalischen Gesetze - insbesondere die darin enthaltenen Naturkonstanten für die Stärke der fundamentalen Kräfte - fein darauf abgestimmt, unsere Existenz zu ermöglichen. An Stelle einer übernatürlichen Erklärung, die per definitionem den Rahmen der Wissenschaft sprengen würde, stellten Physiker und Kosmologen in den 1970er Jahren die Hypothese auf, unser Universum sei nur eines von vielen, in denen jeweils eigene Gesetze herrschen. Nach dem "anthropischen Prinzip" bewohnen wir just dasjenige Universum, dessen Bedingungen zufällig Leben ermöglichen.

Erstaunlicherweise besagt die seit den 1980er Jahren dominierende Theorie der modernen Kosmologie, dass es solche Paralleluniversen wirklich gibt: Aus dem primordialen Vakuum entspringt unentwegt eine Vielzahl von Universen, jedes mit seinem eigenen Urknall. Unser All ist demnach nur eine von vielen Blasen innerhalb eines umfassenden Multiversums. In fast all diesen Universen erlauben die physikalischen Gesetze wahrscheinlich weder die Bildung von Materie in unserem Sinn noch von Galaxien, Sternen, Planeten und Leben. Nur wegen der überwältigenden Anzahl von Möglichkeiten hatte die Natur eine Chance, einmal die "richtige" Kombination von Gesetzen zu treffen.

Doch wie wir kürzlich entdeckt haben, müssten einige dieser anderen Universen - sofern sie überhaupt existieren - gar nicht so unwirtlich sein. Wir haben Beispiele für alternative Werte der fundamentalen Konstanten und somit für abgewandelte physikalische Gesetze gefunden, die zu sehr interessanten Welten und vielleicht sogar zu Leben führen können. Die Grundidee dabei ist: Man verändert einen Aspekt der Naturgesetze und passt andere Aspekte entsprechend an. Allerdings ignoriert unsere Arbeit das größte Abstimmungsproblem der theoretischen Physik - den kleinen Wert der kosmologischen Konstante, dank dessen unser All weder Sekundenbruchteile nach dem Urknall sofort wieder kollabierte noch durch eine exponentiell beschleunigte Expansion zerrissen wurde. Dennoch werfen unsere Beispiele für alternative, möglicherweise bewohnbare Universen die interessante Frage auf, wie einzigartig unser eigenes Universum wohl sein mag.

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Mai 2010

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Zu den Autoren

Alejandro Jenkins stammt aus Costa Rica und gehört der High Energy Physics Group der Florida State University an. Nach dem Studium an der Harvard University und am California Institute of Technology untersuchte er am Massachusetts Institute of Technology mit Bob Jaffe und Itamar Kimchi alternative Universen.

Gilad Perez ist Theoretiker am Weizmann Institute of Science in Rehovot (Israel), wo er 2003 promovierte. Am Lawrence Berkeley National Lab erforschte er das Multiversum mit Roni Harnik von der Stanford University und Graham D. Kribs von der University of Oregon. Außerdem war er an den Universitäten Stony Brook, Boston und Harvard tätig.


Andere Paralleluniversen

Physiker und Kosmologen – aber auch Sciencefiction-Autoren – meinen mit "Paralleluniversum" oft nicht das Gleiche. Es gibt mindestens drei Bedeutungen, die sich vom Multiversum dieses Artikels unterscheiden:

Hubble-Blase
Unser Universum ist wahrscheinlich viel größer als der Teil, den wir beobachten können – unsere Hubble-Blase. Wenn es unendlich groß ist, müssen unendlich viele separate Hubble-Blasen existieren, in deren Zentrum weit entlegene Beobachter sitzen. Einige könnten mit unserer Blase identisch sein; dort lesen Sie gerade genau diesen Artikel.

Branen
Falls der Raum mehr als drei Dimensionen hat, könnte unser Universum eine von vielen dreidimensionalen Membranen oder »Branen« in einem multidimensionalen Raum sein. Diese Paralleluniversen können einander beeinflussen – und sogar kollidieren.

Vielwelten-Hypothese
In der Quantenphysik kann dasselbe Objekt in mehreren Zuständen existieren – wie die berühmte Katze, die zugleich lebendig und tot ist –, und erst ein äußerer Einfluss erzwingt einen eindeutigen Zustand. Manche Physiker meinen, dass dennoch alle möglichen Zustände weiter bestehen, jeweils in einer separaten Verzweigung des Universums.


Ist da draussen jemand?

Aus dem primordialen Vakuum könnten unzählige Gruppen von Naturgesetzen hervorgehen. In den meisten Fällen ist ungewiss, ob diese Universen Leben zulassen.

Helium dominiert
Bestimmte Varianten eines Universums ohne schwache Kraft lassen nach dem Urknall praktisch keinen Wasserstoff übrig. Sterne enthalten fast nur Helium.

Multiquark
In unserem Universum bestehen Teilchen aus zwei oder drei Quarks, doch in anderen Welten könnten auch vier, fünf oder mehr Quarks Teilchen bilden.

Höhere Dimensionen
Gemäß der Stringtheorie hat der Raum zehn Dimensionen. In unserem Universum haben sich alle bis auf drei eng zusammengerollt und wurden unsichtbar. Was wäre, wenn vier oder mehr Dimensionen sichtbar blieben?

Grundkräfte

Ein Universum mit drei Grundkräften statt der üblichen vier könnte überraschend vertraut anmuten. Dazu sind folgende Anpassungen nötig:

Modifiziere mehrere Konstanten im Standardmodell der Teilchenphysik, um die schwache Kraft zu entfernen.

Behalte die übrigen drei Kräfte unverändert bei.

Verändere andere Parameter, um die Kernfusion in Sternen zu erleichtern.

Das Resultat ist eine Welt mit komplexen Strukturen, die ähnliche Lebensformen wie auf der Erde ermöglichen.




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