01. Mai 2006, 10:10 Uhr

Interview mit Harald Lesch

Zahl Pi im Alien-Funkspruch

Wie könnte ein Signal von Außerirdischen aussehen, sollte es uns je erreichen? Der Astrophysiker Harald Lesch glaubt, dass es am ehesten mathematische Codes enthalten wird. Angst vor Aliens hat er keine.

Frage: Sollten wir jemals eine extraterrestrische Radiobotschaft empfangen, wie sähe diese Ihrer Meinung nach aus?

Harald Lesch: Es könnte sein, dass wir Kommunikationsfetzen empfangen, die schmalbandig und gerichtet sind und sich dadurch von den natürlichen Strahlungsquellen am Himmel unterscheiden. Ihre Intensität muss außerdem so hoch sein, dass wir sie überhaupt wahrnehmen können.

In den 1970er Jahren gab es das Wow!-Signal, eine unglaublich intensive Signalspitze, die ein einziges Mal zu sehen war und dann nie wieder. Scherzhaft gesagt: Da könnte jemand mal so richtig in die Röhre gepustet haben: "Hey, wir sind hier!" Damit wir aber klar erkennen können, dass es sich um außerirdische Intelligenz und nicht um einen Neutronenstern oder eine sonstige natürliche Quelle handelt, muss das Signal über eine längere Dauer bei uns ankommen.

Frage: Was könnte eine solche Botschaft enthalten?

Lesch: Zum Beispiel mathematische Informationen. Es wäre toll, wenn wir etwa 15 Nachkommastellen von Pi empfangen würden, die Eulersche Zahl 2,718281 oder die Gleichung a2 + b2 = c2, was sich einfach kodieren lässt. Also ganz elementare Mathematik. Das Ganze würde wohl in digitaler Form geliefert, denn so lässt sich die Radioleistung stark reduzieren. Ein digitaler Sender ist einfach günstiger. Das ist das, was ich erwarte, hoffe aber auf etwas anderes.

Frage: Auf was hoffen Sie?

Lesch: Wenn es gelingt, eine reflektierte Nachricht wieder zu dekodieren, wie es in dem Buch "Contact" von Carl Sagan vorkommt, fände ich das genial. Es muss ja nicht unbedingt die Eröffnung der Olympiade von 1936 sein, aber zum Beispiel die Hochzeit der Queen. Selbst wenn es nur zehn Sekunden sind, reicht das völlig aus, um klar zu machen, dass intelligentes Leben dahintersteckt.

Frage: Aber ist es nicht naiv, im Radiowellenbereich auf Botschaften zu lauschen, nur weil wir die entsprechende Technik beherrschen?

Lesch: Elektromagnetische Wellen sind das ideale Medium zur Informationsübertragung und das schnellste, das es im Universum dafür gibt. Natürlich lassen sich viel mehr Informationen übertragen, wenn man sichtbares Licht – das ja auch zum elektromagnetischen Spektrum gehört – moduliert.

Licht wird aber vom interstellaren Staub geschluckt, außerdem kostet es sehr viel Energie, einen hinreichend intensiven Laser zu erzeugen. Geladene Teilchen – um ein anderes mögliches Übertragungsmedium zu nennen – haben ebenfalls große Nachteile: Sie werden durch das galaktische Magnetfeld abgelenkt. Mit ihnen Informationen zu senden, wäre viel zu aufwändig und wenig zielgenau. Radiowellen sind nun mal das Billigste und Einfachste.

Die Frage ist allerdings, in welchem Frequenzband wir suchen sollen. Die 21-Zentimeter-Welle, die von neutralem Wasserstoff – dem häufigsten Element im Universum – emittiert wird, gibt einen ausgezeichneten Kandidaten ab. Jede technisierte Zivilisation muss sie kennen. Um es bildlich auszudrücken: Im interstellaren Raum treffen sich alle beim Wasserstoff, so wie am Wasser einer Oase in der Wüste. Auch das Seti-Institut in Kalifornien sucht immer in der Nähe der 21-Zentimeter-Linie.

Frage: Können wir eine Botschaft überhaupt entschlüsseln und verstehen oder ist das eher eine Frage der Rechnerleistung?

Lesch: Zunächst muss sie sich klar vom interstellaren Rauschen und von allen anderen Strahlungsquellen unterscheiden. Wenn es sich lohnt, daran zu arbeiten, werden sich genügend clevere Leute Gedanken darüber machen, wie die Botschaft entschlüsselt werden kann und ein entsprechendes Verfahren finden, davon bin ich überzeugt. Sollten extraterrestrische Lebewesen tatsächlich darüber nachdenken, wie sie mit anderen Zivilisationen kommunizieren können, dann fragen sie sich auch, was wir in diesem Universum gemeinsam haben.

Sie werden zum Beispiel annehmen, dass wir wissen, welches das häufigste Element im Universum ist oder dass ein Kreis etwas mit der Zahl Pi zu tun hat. Sie werden genau wie wir gewisse Zahlen kennen, die von wichtiger Bedeutung für das Verständnis des Universums sind. Ich halte eine Kommunikation nur auf dieser Ebene für möglich. Um die Mathematik kommt man dabei überhaupt nicht herum. Und mit modernen großen Parallelrechner-Arrays hat man eine vernünftige Chance, diese Informationen zu finden.

Weiter in Teil 2: Warum sich Harald Lesch nicht vor Aliens fürchtet

Frage: Stephen Hawking kritisierte das Senden von Botschaften ins All, ohne dass wir ahnen können, wer eigentlich zuhört. Glauben Sie, dass es das Risiko wert ist?

Lesch: Wir müssen die Relativitätstheorie ernst nehmen. Wenn jemand über die riesigen kosmischen Entfernungen von A nach B fliegt, dann ist er heimatlos. Denn er war sehr schnell unterwegs und weiß: Niemand kennt ihn mehr, wenn er jemals wieder nach Hause kommt (Anm. der Red.: Lesch meint das Zwillingsparadoxon, also den Umstand, dass ein Reisender in schneller Bewegung langsamer altert als ein ruhender Beobachter). Ich habe nichts gegen Heimatlose, aber ehrlich gesagt sind mir Männer und Frauen mit Familie lieber. Es könnte aber auch sein, dass unsere Nachrichten eine stabile und friedliche Zivilisation erreichen. Ich bin da eher positiv eingestellt und glaube, es schadet nicht, sich dem Universum mitzuteilen.

Frage: Falls Außerirdische völlig entgegen unserem Denken funktionieren, können wir sie dann verpassen?

Lesch: Natürlich sind wir mit einem bestimmten Erkenntnisapparat und Blick ausgerüstet, um Leben als solches identifizieren zu können. Das heißt, wir haben eine bestimmte Vorstellung davon, wie Leben beschaffen ist. Wenn wir weder Stoffwechsel noch Reproduktion erkennen, sehen wir kein Leben, auch wenn es vielleicht da ist. Und unser Planet wird sicher nur dann besucht werden, wenn die anderen ihn als interessant und lebenswert erachten. Wir werden nicht zum Jupiter fliegen, weil wir genau wissen, dass wir da sofort zerquetscht werden. Gäbe es Methanatmer, dann hielten sie unsere Welt für genauso unbewohnbar. Falls also irgendwelche Figuren auftauchen, dann haben sie wahrscheinlich ähnliche Eigenschaften wie wir. Die können wir relativ schnell festlegen: Gehen wir von der Hypothese aus, dass ihr Planet einen G-Stern umkreist.

Lebewesen, die dort erfolgreich sein wollen, brauchen optische Sensoren, keine Frage. Falls eine Atmosphäre vorhanden ist, haben diese Lebewesen auch Sensoren für Schallschwingungen. Ihr "Gehirn" ist weit weg vom Boden, damit es geschützt ist. Die Wesen haben vermutlich eine klar definierte Oberfläche und müssen Energie aufnehmen, also ist eine Form von Stoffwechsel da. Dieser erzeugt Wärme, die irgendwie aus dem Körper wieder raus muss.

Es werden keine Kreaturen sein, die unter Wasser leben, sonst machen sie ein Starkstrom-Experiment genau einmal und dann nie wieder. Und so weiter… Gerade die Beobachtungen im interstellaren Raum deuten ganz stark darauf hin, dass wir bei den Vorstellungen von chemischen Prozessen auf dem richtigen Weg sind. Man sieht unglaubliche Mengen an Kohlenwasserstoff-Molekülen. Das zeigt, dass wir durchaus einige ganz wichtige Dinge verstanden haben, die es zulassen, etwas über das Leben im Universum auszusagen.

Frage: Für wie wahrscheinlich halten sie es, Lebensspuren in unserem Sonnensystem zu finden?

Lesch: Auf dem Mars halte ich die Chance für gleich null. Der ist viel zu kalt, die Atmosphäre ist so dünn wie bei uns in 48 Kilometer Höhe, das heißt: Wasser geht von der gefrorenen direkt in die Gasphase über, wenn es an die Oberfläche kommt. Auf dem Mars kann also kein flüssiges Wasser sein.

Er hat kein eigenes Magnetfeld und ist zu leicht, um eine Atmosphäre zu halten. Die gab es offenbar am Anfang ein paar hundert Millionen Jahre lang und zu dieser Zeit vielleicht auch flüssiges Wasser. Doch seit vier Milliarden Jahren ist er knochentrocken, etwaige Lebewesen haben da schlechte Karten. Beim Jupitermond Europa ist das anders. Er ist von einer Eisschicht umgeben und wird durch Gezeitenkräfte ordentlich durchgeknetet, hat also eine innere Wärmequelle. Wenn es dort halbwegs angenehm ist, kann sich in dieser Brühe durchaus etwas entwickelt haben.

Frage: Mit welchem Alien aus Hollywood würden Sie gern essen gehen?

Lesch: Mit Spock!

Frage: Warum er?

Lesch: Das ist ein unglaublich sympathischer Typ, der sehr menschlich und sehr klar ist, der viel weiß und total entspannt ist. Das bedeutet für mich eine gewisse Heiterkeit. Da ich ein Verfechter der These bin, dass die Naturgesetze, die wir kennen, überall im Universum gültig sind, würde ich mich ungern mit ihm über Physik unterhalten. Aber ich würde gerne wissen wollen, woran er glaubt, welche Lieder er singt, welche Bilder er malt und welche Märchen er seinen Kindern erzählt. Das sagt mir mehr als alles andere.

Die Fragen stellten Stephen Koszudowski und Thomas Wingerter.


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