18 Monate Isolation: Simulierter Marsflug hat begonnen

Die Luke hat sich geschlossen, das Experiment beginnt: Sechs Männer sind 520 Tage von der Außenwelt abgeschottet, um eine Reise zum Mars zu simulieren. Psychologen sehen per Video zu. Auch ein Arzt befindet sich an Bord - damit das Experiment im Notfall weitergehen kann.

Esa

Bloß nicht verrückt werden - dieses Motto gilt für die Crew eines bislang einmaligen Experiments: 18 Monate lang stellen sich sechs Männer den Strapazen einer simulierten Reise zum Mars - so lange würde ein Hin- und Rückflug zum Roten Planeten dauern. Am Donnerstagmittag schloss sich die Luke des Raumschiff-Nachbaus in Moskau. Von nun an bekommen die Teilnehmer weder Tageslicht, noch Kontakt zur Außenwelt.

Im Rahmen des "Mars500"-Projekts untersucht die europäische Raumfahrtbehörde Esa zusammen mit russischen Forschern die Wirkungen eines Fluges zum Mars auf den Menschen. Erforscht werden soll vor allem, inwieweit das Zusammenleben auf engstem Raum und der Leistungsdruck Stress, Depressionen oder Spannungen innerhalb der Crew auslösen können.

Das 15-Millionen-Dollar-Experiment gilt als Meilenstein auf dem Weg zu bemannten Missionen in den interplanetaren Weltraum. Neben zwei Esa-Mitarbeitern nehmen drei Russen und ein Chinese teil. "Wir sehen uns in 520 Tagen wieder", sagte einer der russischen Teilnehmer zum Abschied. Die sechs Männer werden während der kommenden anderthalb Jahre in fünf Kammern mit insgesamt 180 Quadratmetern Fläche leben, die in einer Halle am Rande von Moskau aufgestellt sind. Dazu gehören neben der Raumschiff-Attrappe auch eine Landefähre und eine nachempfundene Mars-Landschaft für Außenmissionen.

Bis zum Ende der Mission am 5. November 2011 bekommen die Teilnehmer weder Freunde noch Familie oder das Tageslicht zu sehen. Die Kommunikation mit der Bodenstation findet genauso wie im Weltraum mit wachsender Entfernung von der Erde zeitverzögert statt - bis zu 20 Minuten in eine Richtung. Bei Krisen ist die Crew erst einmal auf sich gestellt. Ähnlich wie bei der Fernsehsendung "Big Brother" werden die Labor-Astronauten aber ständig per Videokamera überwacht, auch wenn die Bilder nur die Wissenschaftler in der Überwachungszentrale zu sehen bekommen.

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Mars-Experiment: Ab in die Röhre
"Botschka", Tonne, nennen die Männer das beengte Röhrensystem, das sie 520 Tage miteinander teilen müssen: schmale Wohnmodule, vergleichbar mit jenen von der Internationalen Raumstation ISS. Zwar sind die Teilnehmer um Bordarzt Alexander Smolejewski weder kosmischer Strahlung noch der Schwerelosigkeit ausgesetzt. Dennoch soll das Experiment Erkenntnisse liefern, wie der Mensch auf die extremen Belastungen eines Langzeitfluges reagiert, vor allem auf die lange Isolation.

Selbst die vergleichsweise kurzen Missionen der Vergangenheit haben gezeigt, das Raumfahrtmissionen ein unkalkulierbares Risiko darstellen. So diagnostizierten russische Mediziner "gewisse Persönlichkeitsveränderungen" bei manchen Astronauten.

Für die Männer in der Moskauer "Tonne" steht deshalb rund um die Uhr ein Team von Psychologen bereit - auch, um im schlimmsten Fall eingreifen zu können. Abgebrochen werden soll das Experiment jedoch nur im absoluten Notfall. Ist ein Crewmitglied krank oder verletzt, soll Bordarzt Smolejewski zunächst selbst die Versorgung übernehmen, mit telemedizinischer Hilfe von Außen.

Selbst ihre Kost dürfen die Männer nicht selbst bestimmen. Jede Mahlzeit wurde von einem Medizinerteam an der Universität Erlangen im Voraus zusammengestellt, Vitamin- und Kaloriengehalt der Speisen genau erfasst. Hält sich die Crew nicht an den Ernährungsplan, könnten die Vorräte vorzeitig zu Ende gehen.

Läuft alles wie vorhergesehen, wird sich Alexander Smolejewski am 9. Februar 2011 bereitmachen für die letzte Etappe seiner Mission. Dann soll er aus der Landekapsel heraustreten - auf den sandigen Boden des Mars. Selbst die unwirtliche Umgebung auf dem Roten Planeten wurde in Moskau nachmodelliert: in einem Container mit Sand, Steinen und billigen Lichterketten, die den Sternenhimmel imitieren.

boj/beb/AFP

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