40 Jahre Mondlandung Die Party ist vorbei, der Kater geblieben

Dieser Schritt veränderte die Geschichte: Vor 40 Jahren hüpfte Neil Armstrong als erster Mensch durch den weißen Mondstaub. Was als umjubeltes Mega-Projekt begann, führte die Weltraumbehörde Nasa in eine Krise. Welchen Wert hat die Mondlandung überhaupt für die Menschheit?

Neil Armstrongs Fußabdruck auf dem Mond (20. Juli 1969): Erst die Euphorie, dann die Ernüchterung
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Neil Armstrongs Fußabdruck auf dem Mond (20. Juli 1969): Erst die Euphorie, dann die Ernüchterung

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Der Mensch ist verrückt. Warum sollte er sonst 8000-Meter-Berge hinaufkraxeln, sich lange 42 Kilometer laufend über den Asphalt quälen oder allein in einer wackeligen Kiste den Atlantik überfliegen? Das Setzen großer Ziele hat Methode, wie der Kölner Sportwissenschaftler Hans Stollenwerk herausgefunden hat. Er befragt regelmäßig Marathonläufer nach ihren Beweggründen, drei, vier oder gar fünf Stunden am Stück zu laufen.

Die Herausforderung der 42 Kilometer lockt immer wieder neue Läufer an: "Etwa jeder fünfte Teilnehmer an den großen Marathons wie Köln oder Frankfurt läuft zum ersten Mal", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Etwas Neues, etwas Unbekanntes wagen, die eigenen Grenzen ausloten - letztlich steckt auch dies hinter den Flügen der amerikanischen Astronauten zum Mond vor 40 Jahren, dem Mammutprojekt der US-Raumfahrt schlechthin. Der Mensch ist ein Entdecker, und warum sollte er nicht versuchen, einmal auf jenem Himmelskörper zu stehen, dessen Schönheit Dichter und Maler immer wieder aufs Neue inspiriert hat?

Die Fußspuren im Mondstaub sind jedoch nicht nur auf Entdeckerdrang zurückzuführen: Es ging auch um die Seelenhygiene Amerikas. Das Selbstbewusstsein der Nation war Anfang der sechziger Jahre am Boden zerstört. Erst der Sputnik-Schock, dann der erfolgreiche Flug des Kosmonauten Jurij Gagarin - in der Raumfahrt feierte die Sowjetunion riesige PR-Triumphe und ließ das angeblich so mächtige Amerika alt aussehen.

Gewagte Ansage vom Präsidenten

US-Präsident John F. Kennedy blieb im Wettstreit der Systeme kaum eine Wahl, er musste die Latte noch höher legen. "Ich glaube, dass sich dieses Land dem Ziel widmen sollte, noch vor Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn wieder sicher zur Erde zurück zu bringen", verkündete er am 25. Mai 1961 in einer Rede vor dem US-Kongress.

Eine gewagte Ansage. Schließlich hatten die USA bis dahin kaum Meriten im All gesammelt. Die Weltraumerfahrung der Nasa-Astronauten lag im Minutenbereich. Glaubte der charismatische Kennedy im Ernst an seine eigene Idee? Was motivierte ihn zu seiner vollmundigen Ankündigung? In erster Linie war es wohl der Wunsch, die Kräfte seines Landes in einem gigantischen Projekt zu einen, wie er in einer späteren Rede an der Rice University in Houston verriet. Man wolle zum Mond, nicht weil es einfach sei - sondern ganz im Gegenteil: Weil das Vorhaben schwierig sei, weil es den Einsatz aller Energien und Fähigkeiten verlange, wolle man dorthin. Sein Land sei bereit, das Nötige zu leisten.

Die Euphorie des Präsidenten, die Euphorie des ganzen Landes erklärt zwei Dinge: Erstens hilft sie verstehen, warum das "Apollo"-Projekt kurzfristig erfolgreich sein konnte - immerhin landete am 21. Juli 1969 die Zwei-Mann-Crew von "Apollo 11" dort. Zweitens macht sie aber auch verständlich, warum die freundlichen Herren in den weißen Raumanzügen bereits nach kürzester Zeit daran scheiterten, die Herzen der Menschen zu erreichen.

Der Kampf der Systeme stachelte die Amerikaner an

Erst die Euphorie, dann die Ernüchterung - bis heute hat sich die Welt davon nicht erholt. Die Menschheit tut sich auch deswegen so schwer mit dem Schritt zurück auf den Mond, weil der Kater nach der Party von damals irgendwie noch heute anhält.

Der Kampf der Systeme hatte die Amerikaner angestachelt - und der vage Gedanke an etwas ganz, ganz Großem mitzuarbeiten. Zehntausende Menschen schrubbten über Monate Überstunden im Namen des "Apollo"-Projekts. Und nur wenige echauffierten sich darüber, dass für einige Jahre fünf Prozent des US-Budgets für die Mondfahrten ausgegeben wurden. Für einige mag der Glaube an das Projekt auch eine Reverenz an den 1963 getöteten Hoffnungsträger Kennedy gewesen sein.

Hunderttausende Menschen sahen zu, als am 16. Juli 1969 die "Saturn V"-Rakete mit der "Apollo 11"-Besatzung an Bord in den Himmel donnerte. Als Neil Armstrong und Edwin Aldrin dann auf dem Mond spazierten, lag sich das Volk in den Armen. Weltweit klebte eine halbe Milliarde Menschen an den Fernsehgeräten, um zu sehen, wie Armstrong am 21. Juli seinen ersten Schritt auf den Mond wagte: "That's one small step for a man, one giant leap for mankind." Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.

Doch schon wenig später waren die Bilder den Menschen einfach nur noch langweilig geworden. Die "Apollo"-Übertragungen wurden in den USA zeitweise zu Gunsten der "Doris Day Show" zurückgestellt. Der Mond war bezwungen - und nun? Allenfalls vage Antworten gab es auf diese Frage.

Insgesamt zwölf Astronauten landeten 1969 bis 1972 auf dem Erdtrabanten. Die meisten Menschen erinnern sich heutzutage am ehesten noch an die Beinahe-Katastrophe von "Apollo 13", die Vorlage für einen Hollywood-Film mit Ton Hanks. Keine Frage: Technisch war das "Apollo"-Projekt eine Meisterleistung. Der Bordrechner von Neil Armstrongs Raumschiff hatte weniger Rechenkraft als ein handelsübliches Mobiltelefon im Jahr 2009. Die "Saturn V" war stärker als sämtliche heutzutage eingesetzten Raketen.

Nicht einfach zu beantworten ist die Frage, was das Rennen zum Mond den Amerikanern, was es der Welt gebracht hat. Bei der Nasa kennt man das Problem und versucht die eigene Arbeit mit aufwendig produzierten Flash-Animationen im Internet ins rechte Licht zu rücken. Das Infrarotfiebermessgerät, Metall-Legierungen mit Formgedächtnis, kabellose Headsets - all das verdankt die Menschheit demnach den Ingenieuren der US-Weltraumbehörde. Doch wäre ein kluger Erfinder nicht auch ohne die Vorarbeiten aus Houston auf solche Ideen gekommen?

Vom großen Sprung ist wenig geblieben

Von dem großen Sprung, den Armstrong beim Betreten des Mondes ankündigte, ist zumindest in der bemannten Raumfahrt wenig geblieben. 40 Jahre nach "Apollo" haben die USA nicht nur Schwierigkeiten damit, wieder Menschen auf den Mond zu bringen. Sie verlieren - noch weit schlimmer - nach dem Ende des Space Shuttles sogar für mehrere Jahre die Fähigkeit, überhaupt selbständig Astronauten zu transportieren.

Daran trägt ein Stück weit auch das "Apollo"-Programm Schuld. Dessen Gerätschaften waren so spezifisch für den Flug zum Mond konstruiert worden, dass sie in den folgenden Jahren keinen Nutzen für die bemannte Raumfahrt mehr brachten. Gleichzeitig war das Nasa-Budget so angegriffen, dass bei nachfolgenden technischen Konzepten, namentlich beim Space Shuttle im Detail gespart werden musste - mit tödlichen Folgen, wie die Abstürze von "Challenger" und "Columbia" zeigten.

Derzeit nimmt ein zehnköpfiges Aufsichtsgremium unter Führung des Lockheed-Martin-Managers Norman Augustine das US-Raumfahrtprogramm unter die Lupe. Im August soll der Abschlussbericht vorliegen. Bisher ist Präsident Barack Obama - im Gegensatz zu seinem politischen Ahnen Kennedy - nicht durch Visionen von der bemannten Raumfahrt aufgefallen.

Bleiben Menschen auf dem Mond womöglich eine einmalige Episode? Hans Stollenwerk von der Deutschen Sporthochschule Köln kennt ein ähnliches Phänomen von Menschen, die sich für eine gewisse Zeit mit aller Energie ins Marathonlaufen stürzen - und dann plötzlich wieder damit aufhören. "Joschka-Fischer-Syndrom" nennt er es, und beschreibt damit jene, die schon nach einem, spätestens aber einer Handvoll Marathons vom Laufen genug haben.

Allerdings machen sich nicht alle diese Sorgen. "Die Rückkehr auf den Mond dürfte kaum auf der Kippe stehen", gibt sich etwa der zukünftige Esa-Astronaut Alexander Gerst im SPIEGEL-ONLINE-Interview optimistisch. "Die Amerikaner brauchen ihn schließlich als Testgelände für eine spätere Marsmission." Doch ob es diese Missionen tatsächlich geben wird, werden die kommenden Monate zeigen.

Von der Euphorie und Aufbruchstimmung der "Apollo"-Tage ist einstweilen wenig zu spüren. Ob die Zeit der amerikanischen Dominanz im Weltraum vorbei sei, wurde Edwin Aldrin, der zweite Mann auf dem Mond, unlängst von der "New York Times" zum 40. Jubiläum der Mondlandung gefragt.

Seine Antwort fiel knapp aus: "Ja."

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Seite 1
lomay 07.07.2009
1. wenn....
....es den Amerikanern in den 60er Jahren so relativ glatt von der Hand ging, den Mond zu erreichen, darauf zu landen und dann mit einer (ich saß damals vorm Fernseher) winzig kleinen mit leichten Steuerdüsen ausgerüsteten Mondfähre vom Mond starten zu können, muß man sich jetzt schon fragen, warum die USA der Meinung sind, es bis 2020 oder so noch einmal zu schaffen, dorthin zu gelangen. Hat sich die Technik in 40 Jahren etwa zurück entwickelt? Oder haben wir damals wirklich (was ich mittlerweile glaube) einen in Hollywood gemachten Film gesehen? In den 60ern machte man sich keinen Kopf um Weltraumstrahlung, heute ist selbst ein Besuch auf der erdnahen ISS ein Risiko. Wer wurde also verar...t ???
LJA 07.07.2009
2. Unbedingt
Soll man die Raumfahrt weiter vorantreiben ? Unbedingt. Was wäre denn die Alternative ? Wir bleiben ewig auf unserem kleinen Planeten sitzen und warten demütig und im Einklang mit der Natur darauf, dass uns der nächste Meteoriteneinschlag, der nächste Gammastrahlenblitz oder der nächste Ausbruch eines Supervulkans endgültig aus der Evolutionsgeschichte tilgen ? Nee, das ist mir zu wenig. Ganz konkrete Anwendungen für die nahe Zukunft gibt es auch. So z.B. die Idee, eine Kopie unseres Wissens auf den Mond auszulagern. Von dort könnte es im Falle eines Falles wieder abgerufen werden. Wenn also zumindest einige Zentren unser Zivilisation erhalten bleiben, dann muß man nicht vollkommen von vorn anfangen.
McKracken 07.07.2009
3. Herausforderungen satt
Mag sein, dass es Mitte der 60er Jahre Amerikas größtes Problem war, den Systemkonkurrenten UDSSR zu deklassieren (weltraum-sportlich versteht sich, kriegerisch ging angesichts einer drohenden globalen atomaren Vernichtung nicht mehr). Umweltzerstörung, Bankenkrise, Überbevölkerung, Warnungen des Club Of Rome, Atomar bewaffnete 2. und 3. Welt Diktatoren: all das war ja noch Zukunftsmusik. Jetzt geht's dem "neuen Kennedy" aber genau darum: Ökologisierung der Energiewirtschaft, Globale Atomare Abrüstung, Wirtschaftliche Restauration, Auflösung internationaler Konflikte und das alles auf einmal und möglichst schnell - der Zeitrahmen ist ja fast der selbe, der Etat ein wenig größer. Hoffen wir doch mal, dass in ein paar Jahren ein Amerikaner oder besser: Weltenbürger mit dem gleichen "big leap" Satz die letzte benötigte Zelle in ein Photovoltaikfeld, sagen wir in "Amereuropaslien", einsetzt.
camemberta 07.07.2009
4. ...
Ich hab mich des Längeren und Breiteren mit der Mondlandung beschäftigt, und ich muss sagen, es beeindruckt mich ungemein, was diese Leute geleistet haben. In der kurzen Zeit, mit dem begrenzten technischen Wissen, die wussten bis Apollo 8 ja noch nicht einmal, wie die Mondrückseite aussah (obwohl die Russen das ja mit Luna 3 schon vorher wussten). Ein geradezu unglaubliches Hasardeur-Stück! Da es gut gegangen ist, sind das für mich DIE Helden der Menschheit, und ich schließe da die Forscher und Techniker mit ein, neben dem Mut auch die Fantasie besaßen, dass es möglich ist. So weit ich weiß, gibt es bis heute ca. 30000 Folgeprodukte, die direkt aus der Apollo-Entwicklung hervorgegangen sind, allein das hat die Menschheit wohl ordentlich vorangebracht. Ich habe schon die Hoffnung, dass die weitere Erforschung des Mondes die Menschen mehr verstehen lässt und sich daraus weitere Innovationen entwickeln, z.B. für den Umweltschutz, die Fortbewegung, leichte, aber stabile Baustoffe (gegen starken Wind/Wasser/Erdbeben). Abgesehen davon ist der Mond kein National-Besitz und von daher ein gutes Programm für nationenübergreifende Projekte und Informationsaustausch. Hätten die USA damals auch all diese Zweifel zugelassen, es wäre womöglich heute noch niemand auf dem Mond gewesen.
Libertin 07.07.2009
5. Feierliche Prophezeiung: Weltraum-Lift ist die Zukunft der Raumfahrt
Das Mondprogramm war eine der groessten Menschheitsleistungen ueberhaupt, zu vergleichen vielleicht nur mit der Entdeckung der Neuen Welt. Leider war es nie wirtschaftlich. Es kostet 18.000 bis 25.000 Dollar einen Kilo ins All zu schiessen. Keine einzige Weltraummission hat bis jetzt ihre Kosten wieder eingespielt. Deshalb ist es an der Zeit ueber eine Alternative nachzudenken die uns einen billigen Zugang zum All verschaffen kann. Diese Alternative ist der Weltraumfahrstuhl. Die Idee ist ein etwa 40000 Kilometer langes Kabel ins All zu befoerdern an dem dann Climber dann innerhalb von zwei Wochen hoch und runter fahren koennen. Bis vor kurzem gab es aber kein Material was nicht unter seinem eigenen Gewicht gerissen waere. In den 90er Jahren wurden aber endlich die Carbon-Nanoroehren entdeckt, die ausreichend Zugfestigkeit haben um ein 40000 Kilometer langes Seil zu bilden. Schon heute gibt es Firmen die in der Lage sind 500 Tonnen von diesem Material im Jahr herzustellen, momentan wegen technischer Schwierigkeiten nur in der Laege von einem Meter, aber bald wird man Carbon-Nanoroehren von beliebiger Laege herstellen koennen. Die oekonomischen Moeglichkeiten sind endlos. Mit einem Weltraum-Lift koennte man die Kosten von 25.000 Dollar auf 200 Dollar senken, also um mehr als 99%. Mit einem Quantensprung dieser Groessenordnung wuerde man die Grundlage legen fuer eine weltraumbasierte Wirtschaft. Es waere moeglich Strukturen von beliebiger Groesse im Orbit zusammenzubauen - Weltraumfabriken, Orbitalstaedte und riesige Raumschiffe waeren moeglich. Mit diesen Raumschiffen koennte man den Mars, sogar den Saturn und eben den Asteroidenguertel erreichen. Ein einziger Asteroid enthaelt soviel Metall dass man damit den Bedarf der Menschheit fuer 2 Millionen Jahre decken koennte. Unsere Idee der Rohstoffknappheit entspringt einzig und allein unserer begrenzten Weltsicht, waehrend im Weltall unendlichen Reichtuemer nur darauf warten von uns geerntet zu werden. Die Kolonisierung des Mars waere moeglich wenn man nur die ersten 100 Kilometer ueberwinden kann. Armut und Ueberbevoelkerung koennten der Vergangenheit angehoeren. Die Vision dieser Technologie ist noch groesser als das Internet, die Eisenbahn und das Telefon zusammen. An diesem 7ten Juli 2009 prophezeihe ich feierlich: der Weltraum-Lift ist die Zukunft der Raumfahrt. Er wird die Menschheit in ein neuen Zeitalter fuehren.
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