50 Jahre Raumfahrt: "Plötzlich musste man im All etwas Sinnvolles tun"

Die Mission zur russischen Raumstation "Mir" machte Reinhold Ewald zum neunten Deutschen im All. Im Interview erklärt der heutige operationelle Leiter des "Columbus"-Moduls der Raumstation ISS, wie man ins All kommt - und warum der Cowboy-Astronaut ein Auslaufmodell ist.

Zur Person: Reinhold Ewald Fotos
dapd/ NASA

SPIEGEL ONLINE: Herr Ewald, mit dem Beruf des Astronauten ist ein Helden-Image verbunden. Im Film geht es da meist mehr um Physis als um Physik: Man denkt an Zentrifugen, quälende Tests, Ausdauer- und Krafttraining. Dominiert heute die Forschung?

Ewald: Von den ersten Astronauten erwartete man in erster Linie physische Fitness. Aber jetzt betreiben wir ja schon seit 50 Jahren Raumfahrt und haben die physischen und medizinischen Faktoren viel mehr unter Kontrolle, als das in den Zeiten von Jurij Gagarin der Fall war. Damals wusste man einfach nicht, ob es irgendwo Faktoren geben würde, die dazu führen könnten, dass ein Mensch diesen Flug ins All nicht überlebt. Deshalb waren die meisten der frühen Kosmonauten und Astronauten Testpiloten - durchtrainierte Menschen, die auch in den engsten Kurven noch einen lockeren Spruch auf den Lippen hatten und wussten, wo oben und unten ist. Das alles kann ich nicht bieten.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen ging es ja auch nicht mehr nur darum, hoch und dann heil wieder hinab zu kommen.

Ewald: Die Raumfahrt hat sich weiterentwickelt. Als klar war, dass Raumfahrzeuge von den Piloten nicht die Extreme erforderten, die man mit Prototypen von Strahlflugzeugen erlebt, konnten auch Menschen ins All fliegen, die sich mehr um inhaltliche Dinge kümmern sollten. Mit dem Beginn der "Skylab"-Zeit (1973 bis 1979, d. Red.), spätestens aber mit den Space Shuttle konnten dann in den USA auch zunehmend Wissenschaftler in diese ehemals geschlossene Riege der Testpiloten im Astronautencorps vordringen.

SPIEGEL ONLINE: Daredevil trifft Homo faber?

Ewald: Eine interessante Melange! Diese Rednecks, dieser "Right Stuff", die in keiner Lebenssituation zugeben konnten, dass sie nicht Herr der Lage sind. Und dann gab es da plötzlich diese Notwendigkeit, im All etwas Sinnvolles zu tun, für das man eine teils erhebliche Ausbildung brauchte. Was nicht heißen soll, dass Piloten nicht auch großartige Wissenschaftler sein können, aber das ist normalerweise eben nicht Teil ihrer täglichen Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Es ist also doch mehr als ein Klischee: Es gibt diesen Cowboy-Typus des wagemutigen Raumpiloten.

Ewald: Natürlich gibt es den, und das differenzierte sich dann in der Shuttle-Zeit erst einmal so aus, dass vorn eben die Piloten saßen, und hinten werkelten die sogenannten Payload Specialists, die von deren Handwerk wenig wussten - und umgekehrt.

SPIEGEL ONLINE: Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft im All?

Ewald: Sehr schön hat das der amerikanische Astronaut Mike Mullane in seinem Buch "Riding Rockets" aufgeschrieben. Der kam von der fliegerischen Seite, war auch im Vietnam-Krieg Pilot. Und der schildert nun, wie er als 28-Jähriger, der mit Armee und Kriegseinsatz schon ein Leben hinter sich hatte, plötzlich auf Leute trifft, deren größter Stress bis dahin die rechtzeitige Abgabe ihrer Prüfungsarbeit war. Die Piloten empfanden das teils als grob unfair, dass solche Leute quasi einen Freiflugschein ins All bekamen, während sie sich da so durchbeißen mussten. Herrlich geschrieben, voller Seitenhiebe, aber in der Synthese sagt er dann doch: Ich habe die anerkennen gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Und in Europa? Was muss man bei der Esa mitbringen, um ins All zu fliegen?

Ewald: Man sieht diese zwei Ansätze auch in unserem Astronautencorps. Da sind Leute dabei, die sich durch fliegerische Ausbildung und Können empfohlen haben, und es sind Leute, die sich durch eine wissenschaftliche Karriere ausgewiesen haben. Die meisten Wissenschaftler im Corps sind Physiker, Chancen haben aber beispielsweise auch Geologen, Biologen, Chemiker oder Mediziner - Menschen mit naturwissenschaftlichem Hintergrund. Auf der anderen Seite hat man auch Luft- und Raumfahrtingenieure, daneben auch ausgebildete Testpiloten, die in der Regel ein technisches Diplom mitbringen.

SPIEGEL ONLINE: Und muss man auch wagemutig sein? Ungefährlich ist der Job ja nicht gerade.

Ewald: Die Raumfahrt ist kein Kamikaze-Unternehmen. Es ist ein seriös betriebenes Projekt, das natürlich sein - der Begriff ist ja gerade sehr populär - Restrisiko birgt, das jedem Anwärter klar mitgeteilt wird. Jeder hat da seine individuelle Rechnung, anhand der er entscheidet, ob es ihm wert ist, das einzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man sich Ihre Biografie ansieht, könnte man den Eindruck bekommen, Sie hätten von klein auf darauf hingearbeitet, Astronaut zu werden.

Ewald: Apple-Chef Steve Jobs sagte einmal, dass man immer nur erkennen kann, ob die Punkte in einem Leben ein Muster ergeben, wenn man sie in Rückschau verbindet. Ich habe offenbar an den richtigen Stellen die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich hätte aber auch mit anderen Karrierewegen leben können.

SPIEGEL ONLINE: War Astronaut zu werden kein Kindheitstraum?

Ewald: Ich habe viel Science Fiction gelesen und gesehen. Ich bin kein Trekkie, aber "Raumpatrouille Orion" war für meine Generation ein Fernseherlebnis. Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssee" hat mich später beeindruckt, weil es eben auch die physikalischen Verhältnisse im All richtig darstellte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dann auch Physik studiert, gingen aber am Ende in die astronomische Forschung.

Ewald: Astronomie habe ich aufgegriffen, weil ich an grundlegenden Fragen interessiert war. Ich wollte an unerforschten, spannenden, immer wieder neuen Sachen arbeiten, die die großen Fragestellungen angehen: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Ich fand die Möglichkeit faszinierend, aus dem Licht ferner Galaxien Rückschlüsse auf ihre Zusammensetzung und Geschichte zu ziehen. So bin ich zur Radioastronomie gekommen. Dass damit vielleicht "hochfliegende" Arbeitsmöglichkeiten verbunden sein würden, habe ich nicht geahnt.

SPIEGEL ONLINE: Kann man denn überhaupt darauf hinarbeiten, Astronaut zu werden?

Ewald: Man bekommt zu keinem Zeitpunkt versprochen, dass man definitiv irgendwann ins All fliegt. Nur wenige, die zunächst ausgewählt werden, haben am Ende das Glück. Wenn man dann in so einer Auswahl ist, ist man noch immer einige Jahre von einem Raumflug entfernt, in denen jede medizinische Untersuchung auch die letzte sein kann. Wenn man dann tatsächlich davorsteht, kann man sein Glück kaum glauben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich bereits 1986 für das Astronautenprogramm der Esa beworben, wurden 1990 genommen und durchliefen dann zweimal die Vorbereitungsphase, bevor es für Sie 1997 wirklich ins All ging. Haben Sie da wirklich zweimal zwei Jahre lang trainiert?

Ewald: Das Erstaunliche daran, wie die Russen damals Raumfahrt betrieben, war wirklich das Timing. Wenn man sagte, ich will einen Mann auf eine Mission schicken - der Zeitplan für die Starts stand ja über Jahre -, dann rechneten die zurück und sagten: Okay, dann schickt uns den mal zu dem und dem Termin. Und dann wurde man wirklich auf den Punkt trainiert, mit einem strammen Programm. Das war Bedingung, da musste man sich drauf einstellen. Es war also eine Zeit, in der wir die Heimat tatsächlich sehr selten gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht so ein Ausbildungsprogramm aus?

Ewald: Es ging darum, im Rahmen des Trainings die Teams so aufeinander einzuspielen, dass am Ende sowohl der Pilot die wissenschaftlichen Teile des Programms gut bedienen konnte, als auch der Wissenschaftler versteht, worum es bei der Bedienung eines Raumschiffs geht. Neben dem operationellen Training findet dabei auch vieles im Klassenraum statt, wo man sich die Dinge mit wissenschaftlichen Methoden lernend erschließt. In Russland kommt dann immer auch die Frage des Spracherwerbs dazu: Esa-Astronauten, die mit russischen Kosmonauten ins All wollen, müssen Russisch lernen.

SPIEGEL ONLINE: War der Flug ins All vor 14 Jahren der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Ewald: Es war sicher ein Höhepunkt, es hat vieles von dem, was ich erreicht habe, heute tue oder darstelle auf Kiel gesetzt. Für die Anwärter ist das natürlich immer die Crux: Die Ausbildung ist schön und man profiliert sich für spannende Tätigkeiten in der Raumfahrt, aber es fehlt noch die Aura, die man sich dann mit dem Raumflug erwirbt.

SPIEGEL ONLINE: Manche vermarkten diesen Nimbus dann.

Ewald: Das finde ich nicht gut. Claude Nicollier, mit vier Flügen der erfahrenste europäische Astronaut, hat einmal gesagt: Für jeden Tag im All habe ich auf der Erde 200 Tage gearbeitet. Da stellt sich dann doch die Frage, worin man mehr Arbeit und Gedanken investiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ruhm und Ehre kein Antrieb?

Ewald: Es ist keine gute, hinreichende Motivation. Für einen Wissenschaftler sollte allein schon die Gelegenheit, an einem Raumflug teilzunehmen, eine Belohnung sein. Für die Pioniere, die man mit Konfettiparaden empfangen hat, war das bestimmt noch eine andere Sache als heute: Ich war der neunte Deutsche im All, über 500 Menschen waren inzwischen dort oben. Ansonsten neigt der Rheinländer ja eher dazu, zu sagen: Wat fott is, is fott (etwa: Was vorbei ist, ist vorbei, Red.). Ich habe auch vor und nach dem Flug spannende Jobs in der Raumfahrt gehabt, in der auch hierzulande Tausende von Menschen mit vielfältigen, anspruchsvollen und aufregenden Aufgaben arbeiten.

Die Fragen stellte Frank Patalong

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Reinhold Ewald
Reinhold Ewald, geboren am 18. Dezember 1956, ist Physiker und ehemaliger Astronaut der europäischen Weltraumbehörde Esa. 1997 flog er als neunter Deutscher ins All zu einer dreiwöchigen Mission auf der russischen Raumstation "Mir". Ab 2002 war er für die operationelle Durchführung der Aktivitäten der Esa-Astronauten auf Flügen mit russischen "Sojus"-Raumschiffen zur Internationalen Raumstation ISS verantwortlich. Zurzeit leitet er die Esa-Abteilung für den ISS-Missionsbetrieb. Damit ist er auch verantwortlich für den Betrieb des europäischen "Columbus"-Labormoduls, das seit 2008 Teil der ISS ist.