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Ab in die Röhre: Deutscher lässt sich für Mars-Experiment einschließen

105 Tage ohne Chance zum Ausstieg: Der Bundeswehrsoldat Oliver Knickel lässt sich in Moskau in einem nachgebauten Raumschiff einschließen, gemeinsam mit fünf Kollegen. Forscher wollen auf diese Art herausfinden, wie zukünftige Mars-Missionen ablaufen könnten.

Paris - Drei Monate auf 180 Quadratmetern, zusammen mit einem Franzosen und vier Russen: Ab dem 31. März wird der Maschinenbauingenieur Oliver Knickel, 28, in Moskau in einem Raumschiffnachbau eingesperrt. Das hat die europäische Weltraumorganisation Esa bekanntgegeben. Der in Hamburg lebende Knickel ist seit 1999 bei der Bundeswehr. Nach einer Offiziersausbildung war er 2002 für drei Monate in Afghanistan. Seit Oktober lehrt er unter anderem an der Fachschule des Heeres für Technik in den Fächern Mathematik, Elektroingenieurswesen und Mechanik. Er spricht Russisch und Französisch.

Während sie im russischen Institut für Biomedizinische Probleme von der Außenwelt abgeschirmt sind, können Knickel, der französische Air-France-Pilot Cyrille Fournier und ihre russischen Kollegen nur über Funk oder E-Mail kommunizieren. Und dann müssen sie zum Teil gehörige Wartezeiten in Kauf nehmen: Kontakte können bis zu 40 Minuten dauern. Wegen der großen Entfernung zur Erde wäre das auch bei einer echten Mars-Mission der Fall. Das abgepackte Essen wird streng rationiert. Wenn einer der Test-Astronauten krank wird, müssen ihn seine Kameraden in der künstlichen Raumstation behandeln.

Auf einen echten Flug zum Mars haben Knickel und seine Kollegen indes kaum Chancen. Die Esa dürfte eine solche Mission, wenn überhaupt, frühestens in rund 30 Jahren durchführen. Die Versuchsteilnehmer aus Moskau wären dann viel zu alt.

Dennoch hatten sich 5600 Interessenten gemeldet, als die Esa im Juni 2007 Kandidaten für die simulierte Marsmission suchte. Der Test ist Vorläufer eines noch längeren Isolationsversuchs über 520 Tage, der einen gesamten Hin- und Rückflug zum Roten Planeten samt Aufenthalt simulieren soll. Er ist ab der zweiten Jahreshälfte geplant. Die Teilnehmer werden an wissenschaftlichen Experimenten teilnehmen, die den Effekt der Isolation auf verschiedene psychische und physische Aspekte wie Stress, Hormonregulierung, Immunität, Schlaf, Stimmung sowie die Effizienz von Nahrungsergänzungsmitteln untersuchen.

Klar ist: Stress im All kann tödliche Folgen haben. Deswegen wird auf der ISS bereits jetzt erforscht, wie sich Eskalationen und Fehlentscheidungen vermeiden lassen. Ein früheres Isolationsexperiment der Russen ging unangenehm aus. Bei der "SFINCSS"-Studie, an der drei Männer und eine Frau in einem Nachbau der Raumstation "Mir" teilgenommen hatten, war es 1999 zu schweren Spannungen zwischen den Crew-Teilnehmern gekommen. Bei einer Prügelei spritze Blut, ein japanischer Proband brach den Versuch vollkommen entnervt ab.

chs/AFP/AP/dpa

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Mars-Experiment: Für drei Monate eingesperrt


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