Absturz von ISS-Transporter "Sojus"-Unfall stürzt Raumfahrt in die Krise

Ein russischer Transporter mit Versorgungsgütern für die Internationale Raumstation ist abgestürzt. Dieser kosmische Crash könnte die Zukunft der Raumfahrt massiv behindern - denn die russischen Vehikel für Astronauten setzen auf dieselbe Technik.

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AFP

Berlin - Alles sah nach einem Routineflug aus. Am Kopf eines beeindruckenden Feuerschweifs stieg die "Sojus"-Rakete in den stahlblauen kasachischen Abendhimmel - und mit ihr der unbemannte Raumstransporter "Progress M-12M". Genauso, wie es Dutzende ähnlich prall gefüllte Blechkapseln vor ihm getan hatten. Mit 2670 Kilogramm Nachschub an Bord sollte "Progress M-12M" die Vorratslager und Tanks der Internationalen Raumstation auffüllen - mit Treibstoff, Trinkwasser, Lebensmitteln und ähnlich nützlichen Dingen. Auch ein paar Fruchtfliegen für wissenschaftliche Experimente waren an Bord.

Doch fünfeinhalb Minuten nach dem Start an diesem Mittwoch war klar, dass dieser Flug alles andere als Routine werden würde. Die dritte Stufe der Rakete bereitete den russischen Raumfahrtingenieuren Kopfzerbrechen. Wo eigentlich Kerosin und Sauerstoff für den letzten, entscheidenden Schub auf die geplante Umlaufbahn verbrannt werden sollten, gab es nun augenscheinlich ein Problem im Triebwerk mit dem kryptischen Namen RD-0110. Binnen kürzester Zeit stand fest, dass der Transporter nicht mehr zu retten sein würde. Ein Absturz war unausweichlich.

Für die internationale Raumfahrt ist dieses kosmische Malheur fatal. Der Crash von "Progress M-12M" im dünnbesiedelten Altai-Gebirge Südsibiriens ist weit mehr als die Fortsetzung einer - bereits ziemlich beeindruckenden - Pechsträhne der Russen. Im schlechtesten Fall könnte die missglückte Mission die Zukunft der menschlichen Aktivitäten im All entscheidend behindern.

Das Problem ist einfach zu beschreiben - und womöglich schwer zu lösen: Die betreffende Raketen-Oberstufe, die am Mittwoch für das Scheitern der Mission sorgte, wird sowohl für die unbemannten als auch für die bemannten "Sojus"-Raketen verwendet. Das Aggregat der Herstellerfirma Lawotschkin galt bislang als ausgesprochen zuverlässig. Nun stellt sich heraus, dass es das womöglich nicht ist - jedenfalls nicht immer.

DLR-Chef fordert internationale Untersuchung

Da die Russen nach dem Ende des amerikanischen Space-Shuttle-Programms die einzigen Astronauten-Chauffeure zur ISS sind, werden sie sich kritische Fragen ihrer Partner gefallen lassen müssen. Allen voran werden die Amerikaner wissen wollen, wie es um die Sicherheit ihrer Raumfahrer eigentlich bestellt ist. Die Europäer wiederum werden bang daran denken, dass sie ab Ende Oktober die Satelliten ihres Navigationssystems "Galileo" von Französisch-Guayana ins All schicken wollen - auf russischen "Sojus"-Raketen.

Der Chef des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) fordert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE eine internationale Untersuchung des Vorfalls. "Das kann man nicht allein den Russen überlassen", sagt Johann-Dietrich Wörner. Es müsse aufgeklärt werden, was genau mit der Oberstufe der "Sojus"-Rakete passiert sei. "Wir müssen herausfinden, ob es womöglich einen Systemfehler gab", so Wörner.

Was "Galileo" angeht, müsse man über eine Änderung des Zeitplans nachdenken: "Wir werden nicht einfach starten, ohne dass wir ein klares Ergebnis haben, wo der Fehler lag", sagt Wörner. Dass die "Sojus" lange Jahre ohne Probleme geflogen ist, weiß auch der DLR-Chef. Wenn es nun aber einen systemischen Fehler gäbe, zum Beispiel durch Qualitätsprobleme bei Zulieferfirmen, dann könnten aber weitere "Sojus"-Exemplare betroffen sein. Der aktuelle Vorfall zeige, dass "Systeme auch bei den Russen nicht beliebig sicher sind".

Vorratslager auf der ISS sind prall gefüllt - einstweilen

Die Versorgung der sechsköpfigen Besatzung auf der ISS ist nicht gefährdet. Die US-Raumfähre "Atlantis" hatte auf ihrem letzten Flug die Vorratslager ebenso aufgefüllt wie ein unbemannter "Progress"-Transporter. Er hatte erst am Mittwoch von der ISS abgelegt, um Platz für den Neuankömmling "Progress M-12M" zu machen. Der wird nun nicht kommen - und auch seine drei geplanten Bahnkorrekturmanöver für die ISS fallen aus.

Doch auch nach dem aktuellen Absturz wird niemand ernsthaft darüber nachdenken, die Station zu evakuieren. "Die Vorratslager sind ziemlich dick gefüllt", sagt Nasa-Sprecher Kelly Humphries. "Deswegen gehen wir nicht von unmittelbaren Folgen für die Crew aus." Sehr wohl ist es aber möglich, dass die Besatzung in rund zwei Monaten von sechs auf drei Raumfahrer verkleinert werden muss.

Denn früher oder später sind eben doch neue Versorgungsgüter nötig - und wie viele davon tatsächlich zur Station kommen, kann gegenwärtig niemand sagen. Wohl erst im kommenden Jahr wieder werden Europäer und Japaner ihre unbemannten Raumtransporter ATV und HTV wieder ins All schicken können. Die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti will wiederum von - anonymen - Raumfahrtmanagern erfahren haben, dass die weiteren "Sojus"-Flüge erst einmal verschoben werden. Eigentlich sollte die nächste Versorgungslieferung mit "Progress M-13M" Ende Oktober starten.

Nur wenig später soll ein anderes Raumfahrzeug abheben, auf das die Amerikaner große Stücke halten: Läuft alles nach Plan, dann könnten sie mit der "Dragon"-Kapsel des privaten Raumfahrtunternehmens SpaceX zumindest wieder selbst Versorgungsgüter zur ISS karren. Für die Astronautentransporte wird es allerdings auf längere Sicht keine Alternative zur "Sojus" geben. Die Aufklärung des Crashs von "Progress M-12M" ist also entscheidend für die Zukunft der Raumfahrt.

Mit Material von AP



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insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
dennis4132 24.08.2011
1. Na ja,
vielleicht animiert das die Amerikaner, wieder selbst was zu basteln.
corbanx 24.08.2011
2. mitfliegen würde ich trotzdem, aber...
denn die russischen Vehikel... *hust* keine weiteren Fragen, Euer Ehren...
heinerz 24.08.2011
3. Zukunft der Raumfahrt
Zitat von sysopEin russischer Transporter mit Versorgungsgütern für die Internationale Raumstation ist abgestürzt. Dieser kosmische Crash könnte die Zukunft der Raumfahrt massiv behindern - denn die russischen Vehikel für*Astronauten setzen auf dieselbe Technik. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,782261,00.html
Wo ist denn das Problem? Die Zukunft der Raumfahrt liegt eh in China...
Fritzefinger 24.08.2011
4. Schade
Zum Glück hat man in weiser Voraussicht die Vorratslager dementsprechend aufgefüllt, so dass man dort oben weiterarbeiten kann. Bislang galt die russische Technik ja als äusserst zuverlässig. Die Forderung, ein internationales Team zur Fehlersuche einzusetzen, halte ich für legitim und auch pragmatisch. Die Russen werden es, hoffe ich doch, bestimmt auch nicht anders sehen.
rotakiwi 24.08.2011
5. Alte russische Ingenieure würden sagen:
Ёклмн! Zum Glück nur Sachschaden. Die R-7 und ihre Nachfolger samt der bemannten Raumschiffe sind zuverlässiger und sicherer als die Space Shuttles. Wäre der Unfall bei einer bemannten Mission passiert, hätte die Besatzung wohl überlebt. Siehe z.B. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Sojus_18-1
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