Aktiver Erdtrabant Gas-Blähungen auf dem Mond

Der Mond ist noch für Überraschungen gut. Eigentlich dachten die Wissenschaftler, dass er seit einer Milliarde Jahren geologisch tot ist - jetzt haben sie Zeichen von ganz besonderer Aktivität auf dem Erdtrabanten entdeckt.

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Der Mond ist geologisch gesehen ein recht langweiliger Ort. Während es mancherorts im Sonnensystem - etwa auf den Saturnmonden Enceladus und Titan und nicht zuletzt auf der Erde - hoch hergeht, hat es auf dem Mond seit rund 3,2 Milliarden Jahren keine vulkanische Aktivität mehr gegeben. Das zumindest haben Analysen der zahlreichen Gesteinsproben von der Oberfläche des Erdtrabanten ergeben. Kraterstatistiken und andere Modelle besagen, dass die letzten geologischen Zuckungen in Form spärlicher Basaltflüsse vor einer Milliarde Jahren zum Erliegen kamen. Heute rumpeln nur noch schwache, von den Gezeiten verursachte Beben durch den Mond.

Jetzt aber haben Wissenschaftler Anzeichen dafür gefunden, dass die Mondoberfläche doch noch durch etwas anderes verändert wird als durch Meteoritentreffer: Ein Team um Peter Schultz von der Brown University in Providence (US-Bundesstaat Rhode Island) hat Spuren von Gaseruptionen entdeckt.

Spuren vergleichsweise frischer Veränderungen

In der sogenannten Ina-Struktur, die Anfang der siebziger Jahre während der Apollo-Mondmissionen der Nasa dokumentiert wurde, sind Anzeichen äußerst junger Veränderungen zu sehen, schreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature". Die Oberfläche des Mondes ist - abgesehen von sehr jungen Kratern - von einer meterdicken Dreckschicht bedeckt, die von vielen tausend Meteoriten-Einschlägen stammt. In der Ina-Struktur aber sind größere Flecken dieses sogenannten Regoliths verschwunden, schreiben Schultz und seine Kollegen.

Der gute Zustand der Oberfläche und Spektralanalysen des Gesteins weisen demnach auf ein geringes Alter der Flecken hin. Die Strukturen seien höchstens zehn Millionen Jahre alt, wahrscheinlich aber noch viel jünger. Denn in der Gegend befänden sich auch nur wenige Einschlagskrater.

Forscher bestimmen das Alter der Oberfläche eines Himmelskörpers unter anderem anhand der Dichte von Meteoritenkratern. In dieser Hinsicht sei die Ina-Struktur mit einem anderen Gebiet auf dem Mond vergleichbar, das zuvor auf ein Alter von zwei Millionen Jahren datiert wurde, schreiben Schultz und seine Kollegen. Möglicherweise verändere sich die Ina-Struktur sogar noch heute.

Pups im All

Die Wissenschaftler liefern auch eine mögliche Erklärung: Immer wieder auftretende Ausbrüche von Gas tief aus dem Inneren des Mondes könnten den Regolith weggeblasen haben. "Solche Ausgasungen haben wahrscheinlich zu den Messungen radiogener Gase bei früheren Mondmissionen beigetragen."

Die Forscher schlagen vor, die Ina-Struktur künftig von der Erde aus im Auge zu behalten, um die genaue Zusammensetzung der Gase zu bestimmen. Das könne wichtige Hinweise auf die Vorgänge im Innern des Mondes und die dort womöglich schlummernden Gasvorräte liefern.

Diedrich Möhlmann vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hält die Studie von Schultz und seinen Kollegen für schlüssig. Sie passe zu den immer wieder auftauchenden Berichten über Gas-Ausbrüche auf dem Mond, die allerdings bisher schwierig zu überprüfen waren, sagt Möhlmann zu SPIEGEL ONLINE. Es sei durchaus logisch, dass es auf dem Mond, der durch die Gezeitenkraft der Erde permanent strapaziert werde, zu solchen Ausbrüchen komme. "Aber leider wissen wir noch viel zu wenig über den inneren Aufbau des Mondes."



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