Kochen für Alexander Gerst Lieber mal einen Löffel mehr Sahne

Weniger Beilage, mehr Hauptgericht. Und bitte mehr Speck auf die Käsespätzle. Astronaut Alexander Gerst hat klare Vorstellungen, wie sein Essen im All schmecken soll. Wir haben mit dem Koch gesprochen, der seine Wünsche erfüllt.

DPA

Ein Interview von


Die Dosen sind bereits an Ort und Stelle. Wenn Astronaut Alexander Gerst und zwei weitere Raumfahrer am Mittwoch von Baikonur in Kasachstan aus ins All starten, können sie in ihrer engen "Sojus"-Kapsel kaum Ausrüstung und Versorgungsgüter mitnehmen. Diese werden regelmäßig mit unbemannten Raumtransportern zur Internationalen Raumstation (ISS) gebracht. Bei einem der Transporte in diesem Jahr sind dabei auch schon Behälter mit ganz besonderem Inhalt in den Orbit gekommen. Sie enthalten Gersts Wunschessen, das sogenannte Bonus Food.

Normalerweise haben die Bewohner der ISS die Auswahl unter mehr als einem Dutzend Standardmenüs. Doch traditionell dürfen die Raumfahrer bei etwa zehn Prozent ihrer Verpflegung eigene Schwerpunkte setzen. Die kommt dann zu besonderen Anlässen - Feiertage, Geburtstage und ähnliches - zum Einsatz. Denn auch im All ist Essen natürlich mehr als Nahrungsaufnahme, es ist ein wichtiges Ritual mit einer sozialen Funktion.

Die Zeiten, in denen Astronautennahrung nur eine undefinierbare Paste aus Tuben war, sind vorbei. Längst kochen auch Sterneköche fürs All. Die Astronauten nutzen ihr Bonus Food auch als PR-Instrument. Als Italiener backt man Pizza, als Niederländer isst man Käse, als Brite ein Bacon-Sandwich, als Däne Rhabarberdessert mit Vanillesauce - und so weiter.

Gerst kann während seiner Zeit auf der Raumstation aus insgesamt sechs verschiedenen Bonus-Gerichten wählen, die er mit der ISS-Crew teilen wird. Es handelt sich vor allem um Spezialitäten aus seiner baden-württembergischen Heimat: Käsespätzle mit Speck, Maultaschen mit Spinat, Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle. Dazu kommen Hühnerrahm-Geschnetzeltes, indisches Hähnchen und ein Zwetschgen-Dessert mit dem schönen Namen Ofenschlupfer.

Köche fürs All müssen ein paar einfache Regeln beachten: Vor allem darf das Essen nicht krümeln - weil die Brösel sonst unkontrolliert durch die Station driften. (Fürs Bacon-Sandwich des Briten Tim Peake gab es eine Ausnahmegenehmigung.) Außerdem sollten die Speisen mindestens zwei Jahre haltbar sein.

Alles Weitere erklärt Jörg Hofmann im Interview, er hat Gersts Bonus Food zusammen mit Kollegen entwickelt. Dafür hatte er nur sechs Monate Zeit - auch weil sich Sternekoch Harald Wohlfahrt, der bei der letzten Mission mit für Gerst gekocht hatte, nach einem Streit mit den Eigentümern seines Restaurants seinen Job dort aufgeben musste.

Zur Person
  • Wonge Bergmann / LSG Group
    Jörg Hofmann, 42, arbeitet als Koch bei der LSG Group. Das Unternehmen ist eine 100-prozentige Lufthansa-Tochter. Dort werden mit rund 34.000 Mitarbeitern jedes Jahr knapp 700 Millionen Essensportionen für die Fluggäste dieser Welt produziert. Als Koch hat Hofmann unter anderem sieben Jahre mit dem Drei-Sterne-Koch Juan Amador gearbeitet - und schickt sein Essen nun ins All.

SPIEGEL ONLINE: Spätzle, Maultaschen, Saitenwürstle - ging's nicht ein bisschen weniger gut bürgerlich?

Jörg Hofmann: Genau diese Gerichte hat sich Alexander Gerst gewünscht. Das ist für uns entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Hat Gerst sich tatsächlich alle sechs Gerichte selbst ausgesucht?

Hofmann: Nicht ganz. Er hat sich die Käsespätzle ausgesucht, die Linsen mit Spätzle und Saitenwürstle, die Maultaschen und das Indian Butter Chicken. Der Rest kam von uns.

So trainieren Astronauten

SPIEGEL ONLINE: Von persönlichen Vorlieben mal abgesehen, worauf muss man achten, wenn man für einen Astronauten kocht?

Hofmann: Dass es schmeckt. (Lacht.)

SPIEGEL ONLINE: Sonst noch was?

Hofmann: Der Geschmack ist wirklich das wichtigste. Wir haben aber auch ein paar Einschränkungen durch den medizinischen Dienst der Esa bekommen. So durften wir Salz nur in einer bestimmten Menge verwenden - und Pökelsalz gar nicht.

Die Mission "Horizons"
    Alexander Gersts zweiter Flug ins All, die Mission "Horizons", startet am Mittwoch um 13.12 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan. Die Mission dauert voraussichtlich bis zum 12. Dezember. Während des zweiten Teils seines Aufenthalts wird er als erster Deutscher das Kommando auf der ISS übernehmen. Auf dem wissenschaftlichen Programm stehen 67 europäische Experimente, 41 von ihnen kommen aus Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Hofmann: Zu viel Salz wäre problematisch für die Astronauten, weil es den Knochenschwund verstärkt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Raumfahrer klagen, dass ihr Geschmacksempfinden im All beeinträchtigt ist. Wie verhindern Sie, dass alles fade schmeckt, wenn Sie kaum Salz verwenden dürfen?

Hofmann: Bei den Spätzle zum Beispiel haben wir das über die Rinderbrühe gelöst. Mineralstoffe sind ja genug vorhanden. Und wenn ich das lange genug einkoche, wird das auch geschmackvoll.

Das wissenschaftliche Programm (Auswahl)
Müde Muskeln im All
"Myotones" ist eines der medizinischen Experimente, an denen Gerst teilnehmen wird. Wissenschaftler wollen damit die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden menschlichen Muskels untersuchen. Die Ergebnisse sollen auch in die Rehabilitation nach Knochenbrüchen einfließen.
Minilabor für große Kälte
Erst vor wenigen Tagen startete die Nasa-Forschungsapparatur "Cal" („Cold Atom Lab“) zur ISS - ein Minilabor zur Erforschung ultrakalter Atome. Dort werden Atomwolken auf die kälteste Temperatur im gesamten Universum herabgekühlt - nämlich fast auf den absoluten Nullpunkt von minus 273,15 Grad Celsius. Sie können unter anderem beim Messen von Gravitationswellen und beim Entwickeln von Quantencomputern bedeutsam sein.
Liveblick in die Zelle
Premiere wird auf der ISS auch das Fluoreszenzmikroskop "Flumias" feiern. Das Gerät wird bei Gersts "Horizons"-Mission erstmals in einer Demonstrationsversion auf der Raumstation eingesetzt. Mit ihm lassen sich Vorgänge in Zellen live beobachten.
Den Körper vermessen, ohne Kabel
Beim Experiment "Metabolicspace" handelt es sich um ein am Körper tragbares Analysesystem für Körper- und Stoffwechselfunktionen. Im Gegensatz zu bisherigen Messsystemen kommt "Metabolicspace" ohne hinderlichen Kabelsalat aus - es handelt sich um einen Gurt.
Schöner schwitzen
Das Wohlbefinden von Astronauten während des Trainings verbessern soll das Experiment "Spacetex 2". Dabei handelt es sich um eine speziell für die ISS hergestellte Funktionskleidung, die den Wärmeaustausch optimieren soll.
Neue Kamera für heißen Ofen
Den sogenannten Elektromagnetischen Levitator („EML“) installierte Gerst bereits am Ende seiner "Blue Dot"-Mission 2014 auf der Raumstation. Im Zuge der Mission "Horizons" soll der Hightech-Schmelzofen nun eine Highspeedkamera erhalten. Mit dem EML werden materialwissenschaftliche Fragen untersucht, die beispielsweise für die Optimierung industrieller Gießprozessen wichtig sind.
Maschineller Kumpel im All
Das mobile Assistenzsystem "Cimon" soll Gerst bei seinem Alltag auf der Station unterstützen. Damit kommt zum ersten Mal auf der ISS eine künstliche Intelligenz zum Einsatz - in "Person" eines maschinellen Assistenten, der unter anderem Stimme und Gesicht erkennen kann. Mit "Cimon" soll unter anderem die Mensch-Maschine-Interaktion mit künstlicher Intelligenz erprobt werden.
Die Sache mit der Minirakete
Nach einer Idee aus dem Zuschauerkreis der "Sendung mit der Maus" wird Gerst zudem experimentell testen, ob auf der ISS eine mit Luft angetriebene Minirakete fliegen kann. Dafür greift der Raumfahrer ausschließlich auf Materialien zurück, die ohnehin auf der Raumstation vorhanden sind.
Und: Nicht wirklich ein Experiment, aber auch spannend
Auch mit einer Zeitkapsel wird sich Gerst auf der ISS befassen. Mit wissenschaftlichen Experimenten hat die Aluminiumkugel aber nichts zu tun: Sie enthält auf einem Datenträger gespeicherte Zukunftsvorstellungen von Schülern. Gerst wird die Zeitkapsel auf der ISS versiegeln und nach seiner Rückkehr dem Bonner "Haus der Geschichte" übergeben, das sie dann 50 Jahre lang verschlossen aufbewahren wird.

SPIEGEL ONLINE: Weil sich das Geschmacksempfinden im Flugzeug reduziert, trinken unglaublich viele Menschen Tomatensaft. Gibt es im All eine Entsprechung dazu?

Hofmann: Warum die Menschen im Flieger Tomatensaft trinken, habe ich nie so richtig verstanden. Mir schmeckt der oben wie unten gleich schlecht. Im All ist die Sache aber noch etwas komplizierter. Da hängt das Geschmacksempfinden von der jeweiligen Person ab. Das kann bis zur Geschmacksblindheit führen. Das heißt, manche Astronauten schmecken gar nichts mehr.

SPIEGEL ONLINE: Weiß man, warum das so ist?

Hofmann: Es spielen wohl viele Faktoren eine Rolle. Die fehlende Gravitation, die trockene Luft, Schleimhäute schwellen an. Wer schlecht riechen kann, kann auch schlecht schmecken.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn mit den Kalorien? Wer den ganzen Tag schwebt, verbraucht doch vielleicht auch weniger.

Hofmann: Ganz im Gegenteil! Weil sich der Körper im Vergleich zum Leben auf der Erde komplett umorientieren muss, werden ganz viele Muskelpartien zusätzlich beansprucht. Im All verbraucht man also mehr Kalorien als auf der Erde. Bei unseren Gerichten haben wir eher wenig drauf geachtet, was diätisch ist. Uns ging es vor allem darum, dass es schmeckt. Wir haben uns also an der Oma orientiert…

SPIEGEL ONLINE: An Ihrer Oma oder der von Alexander Gerst? Deren Träublespudding, ein Grießpudding mit Roten Johannisbeeren, hatte der Astronaut bei seiner letzten Reise mit im All.

Hofmann: Nein, sagen wir mal, an der Oma im Allgemeinen. Die verwendet im Zweifel lieber mal einen Löffel mehr Sahne. Fett ist ein Geschmacksträger. Die meisten der Gerichte sind auch stärkehaltig. Das bringt dann auch noch mal mehr Kalorien.

"Musste ganz dringend zur Toilette"

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SPIEGEL ONLINE: Alexander Gerst hat die Menüs vorher getestet. Mussten Sie irgendwo nacharbeiten? Oder sind gar bestimmte Speisen aus dem Programm geflogen?

Hofmann: Er hat eine Beilage rausgenommen, weil er mehr Hauptgerichte haben wollte. Das haben wir gemacht. Und er wollte Speck auf seine Käsespätzle. Den hat er auch gekriegt. Und er wollte mehr Essig in seinen Linsen haben.

SPIEGEL ONLINE: Und das hat er auch bekommen?

Hofmann: Aber ja.

SPIEGEL ONLINE: Hat Gerst sich auch etwas gewünscht, das Sie im nicht erfüllen konnten?

Hofmann: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Geschmack ist das eine, Optik das andere. Ist es für einen ambitionierten Koch nicht frustrierend, wenn das Ergebnis am Ende ein bisschen aussieht wie Hundefutter?

Hofmann: Wenn man das Erwärmen auf der ISS mitrechnet, wird das Essen drei Mal gekocht. Dann kann das nicht mehr so toll aussehen. Wenn man Spinat drei Mal warm macht, wird er eben braun. Mir macht das aber nichts aus, wenn Alexander Gerst glücklich ist. Und außerdem…

SPIEGEL ONLINE: Ja?

Hofmann: Außerdem ist die Sache so cool! Da ist es mir egal, dass es aussieht wie Hundefutter. Wie viele Leute gibt es denn, die es schaffen, ihr Essen ins Weltall zu schicken?

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