Alexander Gerst "Wind im Gesicht - das habe ich vermisst"

Seine Aufnahmen aus dem All haben ihn zum Star gemacht, jetzt stehen Astronaut Alexander Gerst wieder irdische Zeiten bevor. Ein Gespräch über ein Leck in der Raumstation, die schwerfällige Rückkehr und Weltraumsouvenirs.

Alexander Gerst
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Alexander Gerst

Ein Interview von


Man darf sich von dem Begriff nicht täuschen lassen. Das Ganze heißt zwar "weiche Landung" - aber wenn Raumfahrer mit einer engen "Sojus"-Kapsel von der Internationalen Raumstation (ISS) zur Erde zurückkehren, dann ist das Aufsetzen alles andere als weich. Wie ein Auffahrunfall mit dem Auto fühle es sich an, sagen Leute, die dabei gewesen sind.

Der aus Deutschland stammende Astronaut Alexander Gerst hat diese Erfahrung jetzt bereits zum zweiten Mal gemacht. Zusammen mit dem Russen Sergej Prokopjew und der Amerikanerin Serena Auñón-Chancellor ist er kurz vor Weihnachten in der winterlichen Steppe Kasachstans gelandet. Zuvor hatte er fast 200 Tage an Bord der ISS verbracht, einen Teil davon auch als Kommandant.

Von Kasachstan aus ging es für Gerst mit dem Flugzeug nach Köln, zur Untersuchung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zu Weihnachten durfte er noch kurz seine Familie im baden-württembergischen Künzelsau besuchen. Nun steht wieder Reha auf seinem Programm, außerdem soll er wissenschaftliche Experimente am Boden nachbereiten, die er im All unternommen hat.

Länger als Gerst war kein Deutscher im All. Doch wie geht es nun für ihn weiter? Das verrät er hier im Interview.

Zur Person
  • REUTERS
    Alexander Gerst, 42, ist promovierter Geophysiker. Seit 2010 gehört er zum Astronautenkorps der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). In den Jahren 2014 und 2018 war er zwei Mal zu einem Langzeitaufenthalt auf der Internationalen Raumstation (ISS). Insgesamt verbrachte er dabei 362 Tage in der Schwerelosigkeit. In der Öffentlichkeit erzielte er vor allem mit seinen Fotos und Videos aus dem All viel Aufmerksamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Leichtigkeit des Alls muss Ihr Körper jetzt wieder mit der Schwerkraft auf der Erde klarkommen. Wie fühlt sich das an?

Alexander Gerst: Kurz nach der Landung wirkt es, als sei man in den Sitz reinzementiert. Man kann sich nicht bewegen - bis man wieder lernt, die Steuerbefehle an seine Muskeln zu geben. Wie beim letzten Flug habe ich durch das viele Training auf der Raumstation sogar an Muskelmasse zugelegt. Es ist eher die Koordination, die ich neu lernen muss. Das Gleichgewichtsorgan muss sich auch wieder an die Schwerkraft gewöhnen. Die ersten ein, zwei Tage hatte ich noch das Gefühl, dass der Boden manchmal schwankt. Das hat sich jetzt aber schon wieder komplett gegeben. Der kleine Muskelkater rund um die Wirbelsäule hält sich aber noch hartnäckig.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie nach der Rückkehr auf die Erde besonders genossen?

Gerst: Meine Familie zu sehen. Und einfach wieder ein bisschen die Natur zu erleben. Ich war im Wald spazieren, um den frischen Wind um die Nase zu spüren. Das habe ich vermisst. Wind im Gesicht. Und Regen. Es sind solche kleinen Dinge, nach denen man sich sehnt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben nach der Landung gewitzelt, dass sie in diesem Jahr keine Weihnachtsgeschenke besorgen konnten. Haben Sie wenigstens sich selbst ein Souvenir aus dem All mitgebracht?

Gerst: Ich hatte einen kleinen Beutel mit persönlichen Gegenständen auf der Station, den ich auch wieder mit zurück zur Erde gebracht habe. Erinnerungsstücke an meine Familie und Freunde waren da drin, Fotos, ein Buch mit Geschichten und andere Sachen. Aber die bekomme ich erst im Februar wieder, wenn ich in Russland bin. Bei meiner Rückreise von Kasachstan nach Köln konnte ich nur die Sachen mitnehmen, die ich gerade anhatte. Aber getragene Astronautenunterwäsche eignet sich als Souvenir nur bedingt.

SPIEGEL ONLINE: Rechnet man Ihre beiden Raumflüge zusammen, haben Sie jetzt rund ein Jahr im Weltraum verbracht. Sie haben Hunderte wissenschaftliche Experimente betreut. Aber die meisten Menschen kennen Sie vor allem wegen Ihrer Fotos auf Twitter. Ist Ihnen das nicht zu wenig?

Gerst: Ich bin selbst Wissenschaftler, und es liegt mir sehr am Herzen, die Einzigartigkeit der Experimente dort oben zu vermitteln. Aber wenn meine Bilder zum Nachdenken anregen, dann freut mich das auch. Dann habe ich einen wichtigen Teil meines Jobs erfüllt. Wir fliegen ja nicht nur für die Wissenschaft in den Weltraum. Letztendlich geht es bei der Raumfahrt ja um das Gewinnen neuer Perspektiven, auf uns selbst und auf unsere kosmische Umgebung. Dass die Öffentlichkeit durch meine Mission einen anderen Blick auf unseren Planeten erhält, ist für mich von großer Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse Ihrer beiden Flüge?

Gerst: Das Fantastische an den Experimenten, die wir in der Schwerelosigkeit durchführen, ist, dass wir sie auf der Erde einfach nicht durchführen können. Egal, wie viel Aufwand wir betreiben würden. Auf der Raumstation lernen wir vieles, was uns Menschen hier unten weiterhilft, in fast allen Bereichen der Wissenschaft. Wenn man zum Beispiel ein Gegenmittel für die Parkinson-Krankheit finden will, die ja durch Kristalle des LRRK2-Proteins im Gehirn ausgelöst wird, dann muss man diese Proteinkristalle im Labor nachzüchten. Auf der Erde stoßen die Forscher dabei an ihre Grenzen, die Kristalle sind zu klein. Auf der Raumstation hingegen konnten wir wesentlich größere Exemplare züchten - die die Forscher nun mit großem Interesse zurück auf der Erde erwarten. Dies ist nur ein Beispiel von vielen Hunderten Experimenten.

SPIEGEL ONLINE: In der "Sojus"-Kapsel, mit der Sie zur ISS geflogen sind, wurde im All ein Loch entdeckt. Wie muss man sich das vorstellen, hat es irgendwo gezischt und dann sind Sie dahin geschwebt?

Gerst: Über mehrere Tage hinweg ist den Ingenieuren im Nasa-Kontrollzentrum an ihren Anzeigen aufgefallen, dass irgendwo Luft aus der Station entweicht. Das hat erst ganz langsam angefangen und wurde später immer mehr. Wir haben dann schließlich nach Notfallprozedur die einzelnen Module der ISS abgeriegelt, um zu schauen, wo der Druck sinkt. So sind wir auf das Orbitalmodul der "Sojus" gekommen. Da haben wir dann mit einem Ultraschallmessgerät gesucht - und innerhalb weniger Sekunden das hinter einer Wandverkleidung liegende Loch gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Und wo kam das Loch nun her?

Gerst: Das interessiert uns natürlich genauso sehr wie Sie. Immerhin hätte das mit Klebstoff abgedichtete Loch auch schon in der autonomen Flugphase vor dem Andocken an die ISS undicht werden können, und damit wesentlich mehr Probleme bereiten können. Deshalb ist wichtig, dass die Ingenieure der Untersuchungskommission die genaue Ursache herausfinden. Es ist relativ offensichtlich, dass das Loch von der Innenseite gebohrt wurde. In den sozialen Medien wurde diese Information dann teils so missverstanden, dass sich der Vorfall im Weltraum ereignet haben muss. Aber warum sollte ein Astronaut auf die Idee kommen, sein Raumschiff zu beschädigen? So wie das Loch aussieht, muss es schon vor dem Flug entstanden sein. Offensichtlich hat man es dann mit Klebstoff verschlossen, der sich im All jedoch nach und nach abgelöst hat.

SPIEGEL ONLINE: Auch Max Surajew, der "Sojus"-Kommandant Ihres ersten Fluges, hat so etwas gemutmaßt.

Gerst: Ich kenne Max gut, und wir sind Freunde. Er hat mir, nachdem er so zitiert wurde, sofort eine bestürzte E-Mail geschrieben und auch am Telefon gesagt, dass er da missverstanden worden ist. Er meinte, dass man verrückt sein müsste, sein eigenes Raumschiff von innen anzubohren. Er wollte damit nicht sagen, dass das auch passiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich beim Rückflug Gedanken um das geflickte Loch gemacht?

Gerst: Nein, wir hatten es zuvor ja gut repariert. Wir haben anschließend den Flicken täglich mit dem Ultraschalldetektor untersucht - und er war stabil. Für den Rückflug hatte das Loch keinerlei Relevanz. Vor der Landung haben wir das Orbitalmodul ohnehin wie immer abgesprengt - und es ist in der Erdatmosphäre verglüht.

SPIEGEL ONLINE: Kurz vor Ihrer Abreise von der Raumstation haben Sie noch eine Videobotschaft an Ihre ungeborenen Enkel veröffentlicht. War das nicht ein bisschen viel Pathos?

Gerst: Das müssen andere beurteilen. Ich wollte keine speziellen Reaktionen in der Öffentlichkeit erreichen, und ich war ehrlich gesagt überrascht von den vielen positiven Kommentaren. Das war eher ein persönliches Projekt, das mir, schon vor einer Weile spontan beim Betrachten der Erde von der Cupola aus eingefallen ist, quasi als verbale Zeitkapsel. Die große Zustimmung freut mich aber.


Im Video: Gerst entschuldigt sich bei ungeborenen Enkeln

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie das Thema ja selbst in die Öffentlichkeit getragen, daher sei die Frage gestattet: Wie steht es um Ihre Familienplanung?

Gerst: Das werde ich jetzt ständig gefragt. Es ist aber nichts in Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Auf einer Konferenz Ende 2019 stellen Europas Staaten die Weichen für die Weltraumpolitik der kommenden Jahre. Sollte Deutschland mehr Geld für die bemannte Raumfahrt zusagen?

Gerst: Das ist wichtig, nicht nur für Deutschland, sondern für alle Mitgliedsländer der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Wir sind gerade in einer sehr wichtigen Phase, in der wir unsere Investitionen vielfach zurückbekommen. Wir haben so viele wichtige Experimente gleichzeitig laufen wie noch nie. Jetzt das Geld für die ISS abzudrehen, wäre verrückt. Gleichzeitig müssen wir jetzt in ein gerade gestartetes neues Projekt investieren, damit wir in 15 oder 20 Jahren dessen Früchte ernten können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom "Lunar Gateway", einer Station in der Nähe des Mondes, die vor allem die Amerikaner vorantrieben.

Gerst: Wir müssen verstehen, dass wir jetzt doppelt investieren müssen, in die Forschung im niedrigen Erdorbit und in das neue Gateway. Das Geld wird ja aber nicht in den Weltraum geschossen. Man investiert es in die Industrie, in Europa, in Deutschland. Die Technik wird ja hier auf der Erde gebaut. Das bringt Arbeitsplätze, und es hilft auch enorm durch Technologietransfer auf andere Gebiete. Die Wirtschaftsberatungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers hat ausgerechnet, dass jeder in Europa in die astronautische Raumfahrt investierte Euro fast zwei Euro an zusätzlicher Wirtschaftsleistung generiert.

SPIEGEL ONLINE: Manche Astronauten in den USA kritisieren das Gateway-Projekt. Die Station sei einfach zu teuer.

Gerst: Ich halte das Projekt für gut, weil es eine internationale Kooperation zusammenbringt, in der jeder seinen Teil beitragen kann. Das hat auch bei der ISS funktioniert. Aus meiner Sicht ist das der einzige Weg, um in der Exploration den nächsten Schritt zu gehen, d.h. wieder in Richtung Mond zu kommen, und diesmal auf nachhaltige Weise. Staaten, die mit Astronauten zur Oberfläche wollen, können das tun. Und andere, die eher auf Roboter setzen, werden diese auch vom Gateway aus auf den Weg schicken können. Internationale Kooperationen sind zwar schwerfällig und gehen vielleicht nicht immer genau in die Richtung, in die man am liebsten möchte. Aber das ist der einzige Weg, der einen weiterbringt. Und so wird das auch beim Lunar Gateway sein.

SPIEGEL ONLINE: Bevor Sie wieder von einem Flug träumen können, will jetzt erst einmal der nächste deutsche Astronaut Matthias Maurer ins All. Außerdem hoffen Ihre Kollegen aus Frankreich, Großbritannien oder Italien auf einen zweiten Einsatz. Wie lange werden Sie jetzt warten müssen?

Gerst: Als Astronaut weiß man nie, ob man noch mal fliegt. Wenn man die Luke oben an der Raumstation zumacht, ist jedem von uns klar, dass das vielleicht unser letzter Flug war. Es kann immer was dazwischenkommen, gesundheitlich, technisch oder politisch. Ich habe aber auch nichts dagegen, dass bei mir jetzt für eine Weile ein bisschen Ruhe einkehrt. Es ist gut und fair, dass jetzt meine Kollegen dran sind. Und Matthias fliegen zu sehen, fände ich besonders toll. Ich möchte ihn vom Boden aus unterstützen. Langfristig würde ich mich, wie jeder Astronaut, über eine weitere Mission natürlich sehr freuen.

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SPIEGEL ONLINE: Vor ihrer Astronautenkarriere haben Sie als Geowissenschaftler Vulkane erforscht. Zieht es sie nicht mal wieder raus ins Feld?

Gerst: Das Gute ist, dass ich beides machen kann. Ich bin noch in engem Kontakt mit meinen früheren Kollegen aus Hamburg. Wenn ich auf einen Vulkan steigen will, dann habe ich durchaus die Chance dazu. Die Esa hat auch Kooperationen mit Universitäten. Und um aktiv im Astronautenkorps zu bleiben, muss ich eigentlich nur gesund bleiben - und ab und zu ein paar technische Fähigkeiten auffrischen. Das Steuern von Roboterarmen zum Beispiel. Und einmal im Jahr muss man zeigen, dass man es noch schafft, in den Raumanzug zu schlüpfen und unter Wasser einen Außeneinsatz durchzuführen.

insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
dietereng 29.12.2018
1. Sehr geehrter Herr Gerst
Mit Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung sind sie allen Deutschen voraus und müssen sich meiner Meinung nach keine Gedanken mehr an Ihre Rente machen. Geforscht haben sie unter Bedingungen die man keinem Arbeitnehmer abverlangen kann aber sie machen sogar Sendungen für die Maus um auch den kleinsten Mitbürgern das Leben im All schmackhaft zu machen sage ich mal. Nun sollten sie sich meiner Meinung nach an die irdischen Dinge halten, aber das muss jeder selber für sich entscheiden. Ich wünsche Ihnen alles gute!
deroth 29.12.2018
2. Schönes Interview - peinliche Rechtschreibung und Zeichensetzung
Ein wirklich tolles Interview! Alexander Gerst ist einfach ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Allerdings frage ich mich, ob bei SPON eigentlich korrekturgelesen wird. Die Rechtschreibung und Zeichensetzung ist schon peinlich...
Tineup 29.12.2018
3. Der Junge muss an die frische Luft
Ganz schön blass ist er jetzt, unser Astro-Alex. Gut, dass jetzt Winter ist mit niedrigem Sonnenstand. So kriegt er nicht sofort einen Sonnenbrand, wenn er rausgeht. Ich wünsche ihm alles Gute und Danke für die vielen wunderbaren Botschaften aus dem All!
melnibone 29.12.2018
4. Das eigentliche ...
wofür wir Herrn Gerst noch mehr würdigen sollten ... hat er bereits an anderer Stelle unmissverständlich gesagt. Das war pures Weltgesellschafts-Augenauswischen, freundlich und sehr souverän von ihm formuliert. Spiegel-Online ist halt so super kontrovers unterwegs ... grins. Aber heute habe ich keine Verve mehr. Also dann: ... sehr braves und nettes Interview mit einer Person, die allen Respekt und Anerkennung verdient. Guten Rutsch.
schmuella 30.12.2018
5. Erde
"SPIEGEL ONLINE: Manche Astronauten in den USA kritisieren das Gateway-Projekt. Die Station sei einfach zu teuer. Gerst: Ich halte das Projekt für gut, weil es eine internationale Kooperation zusammenbringt, in der jeder seinen Teil beitragen kann ..." Derzeit stehen die Zeichen auf der Erde auf Sturm, zumindest was das Verhältnis zwischen den USA/Europa und Russland angeht. Wären die Menschen "hier unten" ähnlich gelagert wie die Wissenschaftler aus dem Orbit, wäre es wahrscheinlich friedlicher auf der Erde. Aber leider verfolgen die Erdenbürger andere Interessen. Es geht um Ressourcen, Macht und Geld. So war es schon immer und wird wahrscheinlich immer so bleiben. Bis die Natur sich eine neue Spezies einfallen lässt.
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