Deutscher Astronaut Gerst Hier kommt Alex

Der Astronaut Alexander Gerst fliegt bald zum zweiten Mal ins All. Diesmal wird er sogar Kommandant der Raumstation ISS - als erster Deutscher überhaupt. Wie bereitet er sich vor? Ein Trainingsbesuch.

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Aus dem Sternenstädtchen bei Moskau berichtet


In einem Sojus-Raumschiff ist es höllisch eng. Drei Menschen in Raumzügen kauern in einer mit Ausrüstung vollgepackten Kapsel, ungefähr so groß wie ein Altglascontainer. Es gibt immer drei Plätze. In der Mitte sitzt der Pilot. Bisher war das stets ein Mann und stets ein Russe oder - vorher - Sowjetbürger. Normalerweise fliegt die Kapsel automatisch, doch wenn etwas schiefläuft muss er innerhalb weniger Sekunden handeln.

Links von ihm nimmt der Co-Pilot Platz oder - sehr selten - die Co-Pilotin. Sie helfen bei den Manövern. Wer dagegen rechts in der vollgestopften Kabine untergebracht ist, hat auf der Reise zur Internationalen Raumstation (ISS) genau gar nichts zu melden. "Man könnte ohne weiteres einen Koffer auf dem Platz mitfliegen lassen", so die lakonische Beschreibung des kanadischen Ex-Astronauten Chris Hadfield.

Bei seinem ersten Flug ins All saß der deutsche Astronaut Alexander Gerst im rechten der drei individuell angepassten Schalensitze. Im Mai 2014 war das, die Rakete entfachte ihre 26 Millionen PS unter ihm und seinen Kollegen aus Russland und den USA. Es war der Auftakt für Gersts rund 166 Tage im All. Anfang Juni hebt der 42-Jährige nun wieder mit einer Sojus ab. Zwei Tage soll die Reise zur ISS dann dauern, vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan.

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Alexander Gerst: Leben fürs Schweben

Doch diesmal, im Raumschiff "Sojus MS-09", sitzt Gerst links. Er ist vom Zuschauer zum Co-Piloten geworden. Und das hat ihn einige Mühe gekostet. "Um das Raumschiff zu steuern, muss man ein Jahr Theorie über sich entgehen lassen", sagt Gerst. "Ich muss das Ding zur Not auch alleine fliegen." Es sei "ein Riesenkompliment", dass die Russen ihn nun auch ans Steuer der Raumfähre ließen.

Für seine zweite Mission hat sich Gerst auf der ganzen Welt vorbereitet, hat Routinehandgriffe trainiert und Ausnahmesituationen. Manche Dutzende, manche Hunderte Male: Bei der Esa in Köln hat er sich fit gemacht für die wissenschaftlichen Experimente, bei der Nasa in Houston für den Alltagsbetrieb der Raumstation. Doch den wohl wichtigsten Teil der Ausbildung, sein Sojus-Flugtraining, hat er im sogenannten Sternenstädtchen bei Moskau absolviert, im Kosmonautenzentrum "Jurij Gagarin".

Gagarin überall

In der streng bewachten Anlage wurden seit den Sechzigern die Raumfahrer der Sowjets trainiert, hier wohnten sie auch mit ihren Familien. Manche tun es bis heute. Auch Walentina Gagarina, die Frau des ersten Menschen im Weltall, lebt immer noch im Sternenstädtchen. Aus ihrer Wohnung, so heißt es, könne sie die Statue ihres Mannes Jurij vor dem Haus sehen. Die trägt - nur für sie, so geht die Legende - hinter dem Rücken eine Blume in der Hand.

Seit dem Ende der Sowjetunion begrüßt man auch - gut zahlende - internationale Gäste in der Anlage. Das Areal mit seinen mehreren tausenden Bewohnern ist zwar kein militärisches Sperrgebiet mehr wie früher, die Sicherheitsvorkehrungen sind aber noch immer groß.

Genauso groß ist der Stolz auf die eigene Leistung. Gagarin ist hier omnipräsent. Als Statue draußen und drinnen, als Gemälde an einem Simulator, als riesiges Poster über der mächtigen Zentrifuge, die Raumfahrt-Anwärter an ihre physischen Grenzen treibt.

Die europäische Weltraumorganisation (Esa) und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben nun Journalisten ins Sternenstädtchen eingeladen - damit es vom Training von Gerst und seinen Kollegen auch die passenden Bilder gibt.

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Gagarins Erben: Das Leben im Sternenstädtchen

Der Deutsche wird zusammen mit dem Russen Sergeij Prokopjew, einem eher streng dreinblickenden Ex-Kampfpiloten, und der Amerikanerin Serena Maria Auñón-Chancellor ins All fliegen. Die deutlich fröhlicher scheinende Elektrotechnikerin und Medizinerin ist Tochter eines Exil-Kubaners - und erst kurzfristig zur Crew gestoßen. Auñón-Chancellor sollte eigentlich erst später im Jahr fliegen, löst nun aber eine Kollegin ab.

Ins All nach wie vor nur mit Sojus-Technik

Die Amerikaner - und damit auch die Europäer - werden noch länger mit den russischen Sojus fliegen. "Commercial Crew" heißt das Programm, mit dem die USA eigentlich ihre Astronauten wieder selbst zur ISS bringen wollen. Die nötigen Raumfahrzeuge sollen von den Privatunternehmen SpaceX und Boeing kommen. Doch aus dem ursprünglich geplanten Startdatum 2017 ist inzwischen 2019 geworden. Frühestens.

Solange bleibt die Sojus die einzige Fähre ins All. Und die Raumfahrer müssen sie beinahe im Schlaf bedienen können. An diesem Morgen haben die drei fürs Training ihre weißen Sokol-Raumanzüge angelegt und laufen, jeweils einen elektrischen Lüfter in der Hand, strammen Schrittes auf einen Simulator zu. Er steht in einer riesigen Halle mit grauem Kunststoffboden und spiegelnder weißer Decke.

Rund ein halbes Dutzend Sojus-Kapseln sind hier untergebracht. Und in eine davon zwängen sich die drei nun. Nur dank orangfarbener Halteschlaufen an der Decke der Kapsel kommt Pilot Prokopjew überhaupt an seinen Platz, so eng ist es.

Fiese Szenarien fürs Training

Unter den strengen Augen ihrer Ausbilder sollen die Raumfahrer eine Rückkehr aus dem All proben. Für das Training sind die zehn Kilo schweren Raumanzüge nicht zwingend nötig, aber sie sehen zumindest sehr beeindruckend aus. Sie sollen Leben retten, wenn es zu einem Druckverlust in der Kabine kommt. Für Außeneinsätze im All würden sie nicht taugen, diese Modelle sind noch viel größer und klobiger.

Im engen Simulator sorgen die Sokol-Anzüge vor allem dafür, dass die Gruppe schnell ins Schwitzen kommt - und das, obwohl Lüftungen sie mit je 150 Liter Luft pro Minute kühlen. Das liegt auch daran, dass die Ausbilder sich möglichst fiese Szenarien fürs Training einfallen lassen.

So parkt man eine "Sojus" (besser nicht) ein

Es ist eine Liste des Horrors, die Wladimir Osokin vor dem Simulator aufzählt, während sich drin Gerst und seine Kollegen schinden: ein Fehler des Bordcomputers, auslaufender Treibstoff, ein Druckverlust im Raumschiff, ein kaputtes Lageregelungssystem - und ein Feuer an Bord. All das muten die Trainer hier den Raumfahrern zu. Oft auch gleichzeitig. Die nötigen Kommandos gibt es auf Russisch.

"Das Verhalten der Crew wird genau beobachtet", sagt Osokin, der Abteilungsleiter fürs Sojus-Training. "Für jede Abweichung von der normalen Reaktion gibt es Strafpunkte." Am Ende ihrer Ausbildung bekommt die Crew-Schulnoten. Einzeln, aber auch als Team.

Die 5 ist in Russland die beste Zensur. Und eine 4,7 oder 4,8 gilt für die Sojus-Prüfung als Minimum, sagt Osokin. "Aufgabe der Crew ist es, zu beweisen, dass sie im Unterricht richtig gelernt hat, wie man reagiert."

Diesmal kein Feuer

Zumindest das Feuer ersparen die Trainer an diesem Morgen ihren drei Schützlingen. Und auch einen schweißtreibenden Ausfall der Lüftungen für die Anzüge. Doch insgesamt zwölf andere Fehler spielen sie in die Simulation ein. "Wir haben es geschafft, manuell zu landen", berichtet Gerst anschließend stolz. "Das hat gut geklappt." Am Nachmittag übt er dann allein im Simulator das Umparken einer Sojus von einem Teil der Raumstation zum anderen. Und auch diesmal geht alles glatt.

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Reise ins All: Elf Raumfahrer und ein Maurer

Bei seiner zweiten Mission im All wird der ausgebildete Geoforscher Gerst weit mehr Verantwortung haben als beim ersten Mal. Er ist nicht nur Co-Pilot der Sojus. Er übernimmt auch für rund drei Monate das Amt des Kommandanten auf der Raumstation. Es ist das erste Mal, dass ein Deutscher so einen Posten bekommt. Und nach dem Belgier Frank de Winne ist Gerst auch erst der zweite Europäer in dieser Funktion.

Kommandant der Raumstation - ist das nun mehr als ein pompös klingender Titel? "Das ist eine ganz große Ehre. Etwas, das man nicht hoch genug einschätzen kann", so jedenfalls sieht es Jan Wörner, Chef der Europäischen Weltraumorganisation (Esa). Und Gerst? Der spricht von einer "tollen Aufgabe". Im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen in der Sojus war er schon mal im All. "Ich kann mit meiner Erfahrung den Unterschied machen", gibt er sich selbstbewusst.

Aber was genau wird er tun? "Ich werde aufpassen, dass die Crew alles hat, was sie braucht, dass er ihr gut geht. Ich werde meiner Crew helfen." Bereits im Training bestimme er die Pläne für seine Kollegen mit, sagt Gerst. Und im All gehe es unter anderem darum, dass niemand durch das tägliche Arbeitspensum überlastet werde.

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Alexander Gerst: Leben fürs Schweben

Und dann ist da noch eine Aufgabe für den Kommandanten: "Wenn irgendwo etwas schief geht, muss man Entscheidungen treffen." Notfalls eben auch die Entscheidung, die Raumstation komplett zu evakuieren. Zwei Sojus-Kapseln sind ständig startbereit, um - zum Beispiel im Fall eines Druckverlusts oder eines Ammoniak-Lecks - die Crew zur Erde zu bringen.

Rund 80 Experimente

Doch Gerst hofft darauf, seine ISS-Zeit möglichst ungestört nutzen zu können. Das wissenschaftliche Programm der Reise mit seinen rund 80 Experimenten wird gerade fertiggestellt. Versuche gibt es unter anderem im Bereich der Materialwissenschaften, wo in einem - bei Gersts erster Mission zunächst störrischen - Spezialofen schwebende Metallschmelzen untersucht werden sollen.

Im Bereich Biologie wird sich Gerst unter anderem mit der Genaktivität von Immunzellen befassen. Der Astronaut probiert auch speziell fürs All entwickelte Funktionstextilien aus. Außerdem soll er eine Anlage namens "Icarus" testen, mit der Tierwanderungen auf der Erdoberfläche aus dem All erfasst werden können.

Und dann ist noch der Assistenzroboter "Cimon". Das freundlich dreinblickende, fußballgoße Gerät kann sich dank zwölf kleiner Ventilatoren frei bewegen. Es ist, wenn man so will, eine Art fliegende "Alexa" - nur in schlauer. Sagen jedenfalls die Macher.

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Sowjetische Raumfahrttechnik: Von Koroljows Gnaden

Auf zukünftigen Missionen tief ins All soll solche Technik den Astronauten zur Hand gehen, soll Bedienungsanleitungen genauso referieren können wie verloren gegangene Kaffeelöffel aufspüren und zurückbringen. Aber auch auf der Erde werde die Interaktion von Mensch und Maschine immer wichtiger. So soll "Cimon" auch Erkenntnisse für die Fabriken der Zukunft bringen.

"Wenn es da unten aus ist, ist es aus."

"Weltraumfahrt ist nicht etwas, das wir uns leisten, weil es schön ist. Das macht auch wirtschaftlich Sinn", sagt Gerst. Verfechter der bemannten Raumfahrt rechnen gern vor, dass sie einen Menschen in Deutschland pro Jahr ungefähr so viel koste wie eine Tasse Kaffee. Und dass es für jeden investierten Euro gesamtwirtschaftlich gesehen zwei zurückgebe.

Der nächste Deutsche, der auf eine Reise ins All hofft, ist der Materialwissenschaftler Matthias Maurer. Der Saarländer ist noch keiner konkreten Mission zugeordnet. Er trainiert gerade bei der Nasa in Houston. Wenn alles nach Plan läuft, dann will er irgendwann mit chinesischen Raumfahrern zu deren Raumstation fliegen.

Maurer kennt die Chinesen, hat auch schon mit ihnen geübt. China ist nicht bei der Internationalen Raumstation dabei. Schuld ist ein US-Gesetz, das der Nasa so eine Kooperation verbietet. Doch im Weltraum geht es eigentlich am besten gemeinsam. Das sagt auch Alexander Gerst. Und davon wiederum lasse sich auch viel für das Leben am Boden lernen. Über Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg.

Und darüber, wie wichtig es ist, unseren Planeten zu schützen. "Die Erde, das ist wirklich ein kleines Ding. Wenn es da unten aus ist, ist es aus."

SPIEGEL TV: 166 Tage im Weltall - Mit Alexander Gerst auf der ISS

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