ISS-Astronaut Alexander Gerst im Außeneinsatz  Raus ins All

Sechseinhalb Stunden allein im All: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat für einen Außeneinsatz die ISS verlassen, um mit einem Kollegen Wartungsarbeiten durchzuführen - streng überwacht von Raumfahrtexperten im Esa-Zentrum in Köln.

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DPA/ NASA TV

Das Europäische Astronautenzentrum in Köln. Heute herrscht kontrollierte Aufregung. Ein kleiner Raum im zweiten Stock, fünf Männer starren gespannt auf ein knappes Dutzend Monitore, die vor ihnen auf dem breiten Kontrolltisch stehen oder an der Wand hängen. Zahlenkolonnen, Tabellen, Grafiken, jede Menge Daten, aus denen sie herauslesen, ob alles glatt läuft. Ständig kommt jemand zur Tür herein, horcht nach, wie es aussieht, ob es vorangeht.

Das Interesse fokussiert sich auf einen kleinen Bildausschnitt des Monitors unten links. Darauf zu sehen: eine runde, metallisch glänzende Klappe, die auf einem großen, das ganze Bild ausfüllenden weiß-silbrigen Kubus sitzt: die Quest-Luftschleuse der Internationalen Raumstation ISS. Jeden Moment müsste die Luke aufgehen, müssten zwei Astronauten heraussteigen: der Amerikaner Reid Wiseman und der Deutsche Alexander Gerst.

Es ist Gersts großer Tag: Es beginnt seinen Außenbordeinsatz. Die Aufgaben, die anstehen, seien die spannendsten seines Lebens, wie Gerst selbst sagt: Zusammen mit seinem US-Kollegen Wiseman verlässt er die ISS, um an der Außenhaut der Station Wartungsarbeiten durchzuführen. Sechseinhalb Stunden allein im All. Nur die Raumanzüge trennen die beiden vom tödlichen Vakuum des Weltraums.

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Alexander Gerst: "Let's take a walk on the wild side"
Gefährlich ist ein solcher Einsatz immer; das zeigte nicht zuletzt der des Italieners Luca Parmitano im Juli letzten Jahres. Aufgrund einer verstopften Pumpe des Lebenserhaltungssystems füllte sich sein Helm mit Wasser. Eineinhalb Liter nur, doch da diese sich in der Schwerelosigkeit über das ganze Gesicht verteilen, machen sie das Atmen unmöglich. Der Einsatz musste abgebrochen werden, beinahe wäre der erfahrene italienische Kampfpilot im All ertrunken.

"Das war eine wirklich sehr brenzlige Situation", sagt Tim Irawan, Biomedizinischer Ingenieur der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA und als solcher mit zuständig für die Überwachung von Gerst während seiner Mission. Er sitzt nun mit Hans Schlegel, dem letzten Deutschen, der als Astronaut auf der ISS war und drei weiteren ESA-Kollegen vor den Monitoren. Sie verfolgen, wie der Luftdruck in der Luftschleuse allmählich auf Vakuum-Niveau fällt. Erst dann kann die Tür nach außen geöffnet werden.

Aus den Lautsprechern im Raum ertönt eine Stimme. "Das ist Doug Wheelock", sagt Hans Schlegel, "Er ist ebenfalls ein Astronautenveteran, der von Houston aus in Kontakt mit der ISS steht, um Hinweise zu geben." Wheelock wünscht seinen Nachfolgern alles Gute. Im Hintergrund rauscht leise die Klimaanlage, andere Stimmen ertönen aus den Lautsprechern, darunter die von Barry Wilmore, der an Bord der ISS den Einsatz seiner beiden Kollegen koordiniert. Er ist auf einem der Monitore zu sehen, wie er in Pulli, Hose und Socken durch eines der Module schwebt und dabei Checklisten auf einem Klemmbrett abarbeitet. "Ready to exit the hatch!" - "Bereit zum Ausstieg!" ruft nun eine Funktstimme.

Spektakulärer Einsatzort

Dann plötzlich gegen 14:30 Uhr mitteleuropäischer Zeit geht die Luke auf. Erst schwebt Wiseman heraus, einige Minuten später Gerst. "Alles im All geht langsam voran", erklärt Hans Schlegel. "Der größte Feind dort ist die Hektik."

Gerst und Wiseman sichern sich als erstes mit Kabeln an der Außenhaut der ISS und führen einen gegenseitigen Check des Raumanzugs durch, bevor sie richtig loslegen. Hauptziel ihres Einsatzes ist, eine nicht mehr voll funktionsfähige Kühlpumpe an ihre Endposition zu bringen. Bei einem früheren Außeneinsatz war diese Pumpe ausgetauscht worden, allerdings keine Zeit mehr geblieben, die alte Pumpe, die trotz Defekt noch wertvolle Dienste leistet, an ihren neuen Einsatzort zu bringen.

Dies übernehmen nun Gerst und Wiseman - und das auf spektakuläre Weise: Während Wiseman sich bis zum neuen Platz der Pumpe hangelt und diesen vorbereitet, wird Gerst sich am Roboterarm der ISS befestigen und die alte Pumpe aus ihrer Verankerung lösen. Dann bugsiert Bordingenieur Barry Wilmore den deutschen Kollegen per Roboterarm wie an einem Kran zum neuen Zielort, und dort befestigen dann Wiseman und Gerst die Pumpe.

Licht, um Besuchern den Weg zu weisen

"Das Pumpmodul per Hand dorthin zu bringen wäre viel zu gefährlich", sagt Schlegel. "Es wiegt mehrere hundert Kilogramm. Die sind zwar im All genauso schwerelos wie die Astronauten, aber leider auch sehr träge zu bewegen. Es erfordert viel Kraft, sie in Gang zu setzen und mindestens genauso viel, sie wieder zu bremsen. Per Roboterarm gelingt das natürlich viel präziser." Sonst bestünde zudem die Gefahr, dass die Pumpe ein Loch in die Außenhaut der ISS schlägt. Oder die Pumpe selbst leckt und giftiges Ammonium tritt aus.

Außerdem installieren Gerst und Wiseman heute ein neues Licht für die Kamera an einem Knotenpunkt des US-Labormoduls Destiny, an dem auch Besuchsvehikel andocken. Das bisherige Licht ist ausgefallen, wird aber gebraucht, um Besuchern der ISS den Weg zu leuchten und Außenaufnahmen zu machen. "Letztlich geht es bei dem ganzen Außeneinsatz darum, die ISS fit für die Zukunft zu machen, auch für die kommerzielle Raumfahrt", sagt Hans Schlegel.

Sechseinhalb Stunden dauert der Einsatz insgesamt. Die größte Gefahr dabei, außer einer defekten Wasserpumpe? "Ist schwer zu sagen", sagt Schlegel. "Eigentlich ist man auf alle Eventualitäten vorbereitet, alle Notfälle wurden trainiert." Die Astronauten stehen beim Einsatz unter permanenter Beobachtung und haben sich vor dem Einsatz zwei Stunden lang in der Schleuse an die neuen Druckverhältnisse angepasst und reinen Sauerstoff geatmet.

Einstweilen wird es Alexander Gersts einziger Außeneinsatz im Weltall bleiben. Bei einem weiteren Weltraumspaziergang in einer Woche wird er die Rollen mit Barry Wilmore tauschen und den Einsatz der beiden US-Amerikaner von Bord der ISS aus koordinieren. Am 10. November dann kehrt Gerst zur Erde zurück. Ob für immer, steht noch in den Sternen.

Update: Nach 6 Stunden und 13 Minuten ist der Einsatz erfolgreich beendet. Gerst und Kollege Reid Wisemann sind kurz nach 21 Uhr wieder an Bord der ISS. Einen genauen Bericht zum Spaceewalk lesen Sie Mittwochvormittag bei uns.

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