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Alien-Sucher Frank Drake: "Wie sollen denn Außerirdische unsere Tortilla-Chips kaufen?"

Sind wir allein im All? Definitiv nicht, sagt Frank Drake, der Vater des Seti-Projekts, das Außerirdische finden soll. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plaudert der US-Astronom über die Suche nach Aliens - und erklärt, warum wir vermutlich nur wenige entwickelte Zivilisationen aufspüren dürften.

SPIEGEL ONLINE: Auch nach jahrzehntelanger Suche hat die Menschheit noch immer kein Signal von Außerirdischen. Sind wir allein im All?

Drake: Wir sind definitiv nicht allein. Allerdings ist es sehr schwer, die Außerirdischen aufzuspüren. Wenn sie technologisch nur etwas weiter sind als wir, dann könnten sie Technologien nutzen, die sie nicht mehr verraten. Nicht, weil sie sich verstecken wollen, sondern weil wir ihnen nur über verschwendete Energie auf die Spur kommen können. Und wenn sie clever sind, dann verschwenden sie keine Energie.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Seti-Projekt suchen Sie nach Radiosignalen aus fremden Welten. Heißt das, dass wir nur wenig entwickelte Zivilisationen aufspüren können?

Drake: Eine Zivilisation könnte nur kurze Zeit über die von ihr ausgesendeten Radiowellen nachweisbar sein, vielleicht hundert oder 200 Jahre. Primitive Zivilisationen wie die unsere sind am einfachsten zu finden. Wir sind verschwenderisch. Beinahe die gesamte Energie, die unsere Radio- und Fernsehsender abstrahlen, geht direkt ins All, ohne jemals die Erde zu erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, dass Außerirdische von uns als erstes Daily Soaps zu Gesicht bekommen könnten?

Drake: Das ist beängstigend. Vor allem nachts gibt es so viel Gewalt und Blut im Fernsehen. Das ist kein zutreffendes Bild unserer Zivilisation.

SPIEGEL ONLINE: Im vergangenen Jahr haben wir sogar eine Werbung für Tortilla-Chips ins All geschickt.

Drake: Oh, haben wir das? Das wusste ich nicht! Was für eine Ressourcenverschwendung. Wie sollen denn Außerirdische unsere Tortilla-Chips kaufen?

SPIEGEL ONLINE: Und was, wenn das erste außerirdische Signal, das wir auf der Erde empfangen, ebenfalls ein kosmischer Werbespot ist?

Drake: Einer meiner schlimmsten Alpträume ist, dass wir ein Signal auffangen, das sich als Werbung für einen religiösen Kult herausstellt.

SPIEGEL ONLINE: Warum wäre das ein Alptraum?

Drake: Ich möchte mehr über eine Zivilisation erfahren als nur über ihren Glauben an das Überirdische. Religion ist ein wichtiger Teil der Kultur, aber sie hilft möglicherweise nicht, die Lebensqualität einer Zivilisation zu verbessern. Vielleicht ist die Religion der Außerirdischen ja auch wirklich gut, aber das bezweifle ich.

SPIEGEL ONLINE: Besonders religiös klingen Sie nicht.

Drake: Ich bin kein religiöser Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir Menschen genug Geld in die Hand, um nach außerirdischem Leben zu suchen?

Drake: Wir könnten im Prinzip unbegrenzte Ressourcen gebrauchen. Unsere Suchtechnologie kann kaum verbessert werden, aber wir brauchen mehr davon. Wir müssen Millionen von Sternen und Millionen von Frequenzen untersuchen. Und wir müssen es immer wieder tun, weil es sein kann, dass die Außerirdischen nicht die ganze Zeit senden. Am Ende geht es ums Geld. In Deutschland haben Sie zum Beispiel wunderbare Radioteleskope, aber sie wurden noch nie für Seti genutzt. Die Radioastronomen haben Angst, dass sie von der Regierung kritisiert werden. Niemand möchte seine öffentliche Förderung riskieren, weil er bei einem scheinbar dubiosen Projekt mitmacht.

SPIEGEL ONLINE: Aber der Enthusiasmus von Privatmenschen hilft Ihnen weiter. Bei Seti@home stellen Freiwillige einen Teil Ihrer Computerkapazität für die Alien-Suche zur Verfügung.

Drake: In der Tat, wir haben 280.000 aktive Teilnehmer. In diesen Tagen gehen die Zahlen allerdings leicht nach unten. Das mag mit der Finanzkrise zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Wann können diese Menschen realistisch damit rechnen, das erste Signal zu finden?

Drake: Ich sage es ungern: Das Projekt hat viel mit Glücksspiel zu tun. Man weiß, dass bei jeder Zehn-Minuten-Suche die Chancen bei vielleicht eins zu zehn Millionen liegen. Aber schon mit der nächsten Analyse könnte es klappen. Eine Menge der Leute, die bei Seti@home mitmachen, sind Zocker. Die Wetten kosten nichts - und wer gewinnt, der gewinnt so richtig.

SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 1970 glaubte die Menschheit kurzzeitig, ein erstes Signal von Außerirdischen aufgefangen zu haben, das sogenannte Wow-Signal.

Drake: Ich habe nie daran geglaubt. Ich war ziemlich sicher, dass es sich um ein Messartefakt handelte, einen Glitch, wie wir es nennen.

SPIEGEL ONLINE: Und was war es wirklich?

Drake: Wir wissen es nicht. Menschen haben seitdem Hunderte von Stunden damit zugebracht, an genau demselben Platz genau dieselbe Frequenz zu untersuchen. Und nie wieder wurde etwas gefunden. Wenn Sie aber ein Signal nur einmal beobachten, dann ist dass keine beweiskräftige Entdeckung.

SPIEGEL ONLINE: Aber als die Menschheit mit der sogenannten Arecibo-Nachricht eine Botschaft gezielt ins All schickte, haben wir das doch auch nur einmal gemacht.

Drake: Offiziell haben wir sie einmal für drei Minuten gesendet. Das Signal war codiert, Experten in fremden Welten würden das bemerken. Am Tag vor der offiziellen Zeremonie haben wir die Nachricht zur Übung über Stunden versendet. Leider bewegte sich aber die Antenne des Arecibo-Teleskops nicht. Auf diese Weise haben eine Menge Sterne zwölf Sekunden der Nachricht bekommen, also 120 Zeichen.

SPIEGEL ONLINE: Die bisherigen Nachrichten an Bewohner fremder Welten, die Arcecibo-Botschaft und Plaketten an den "Voyager" und "Pioneer"-Raumfahrzeugen, sind dafür kritisiert worden, dass sie zu sehr auf den Menschen bezogen seien. Würden Sie die Nachrichten mittlerweile umschreiben wollen?

Drake: Ich würde den Menschen nach wie vor in den Mittelpunkt stellen. Man kann das narzisstisch finden - aber ich glaube, das ist es, was die Außerirdischen interessiert. Sie wollen nichts über unsere Hunde wissen, sie wollen wissen, was Menschen sind. Wir hatten viele Diskussionen, ob wir unser bestes Bild zeigen sollen, oder ein reales. Wir haben uns für ein Idealbild entschieden.

SPIEGEL ONLINE: Einige Menschen sagen, dass es ohnehin keine gute Idee ist, andere Zivilisationen auf uns aufmerksam zu machen.

Drake: Es gibt paranoide Menschen, die glauben, man könnte uns angreifen. Aber das Argument trägt nicht. Wir offenbaren unsere Existenz durch unsere ganz normalen Rundfunk- und Fernsehsendungen. Alles, was wir absichtlich aussenden, ist nur ein kleiner Beitrag zur Kakophonie dessen, was bereits gesendet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Müssen wir vor kosmischen Invasoren Angst haben?

Drake: Im Durchschnitt dürften kosmische Zivilisationen tausend Lichtjahre von uns entfernt sein. Es würde ihnen nichts bringen, uns anzugreifen. Außerdem würde es jede Menge Geld kosten, eine ernsthafte Attacke zu starten. Wir müssen uns also keine Sorgen machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können wir sicher sein, dass außerirdische Zivilisationen tatsächlich friedlich sind?

Drake: In der Tat fallen die Entwicklung von der Technologie, um sich kosmisch bemerkbar zu machen, und der Atomkraft zeitlich ungefähr zusammen. Und mit Atomwaffen läuft man immer Gefahr, dass ein Irrer den roten Knopf drückt. Aber ich bin sicher, dass jede Zivilisation, die wir finden werden, ein solches Wahnsinnsszenario verhindert haben wird. Sie werden den Flaschenhals in ihrer Geschichte passiert haben und friedfertige Kreaturen sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnten außerirdische Lebensformen aussehen?

Drake: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie kohlenstoffbasiert sind. Wir sind immer ziemlich befangen in der Annahme, dass Außerirdische aussehen wie wir. Aber das liegt nur daran, dass wir keine Alternativen kennen.

SPIEGEL ONLINE: Weil riesige Rundfunkantennen von Satelliten oder optischen Netzwerken abgelöst werden, wird die Menschheit für Außerirdische immer schwieriger aufzuspüren sein. Sollten wir absichtlich Signale senden, um zu zeigen, dass wir noch da sind - und uns in der Zwischenzeit nicht gegenseitig umgebracht haben?

Drake: In den kommenden Jahren werden die wichtigsten kosmischen Zeichen unserer Existenz verschwinden. Und sie werden, zumindest auf absehbare Zeit, nicht durch etwas ersetzt werden, das unsere Anwesenheit ebenso effektiv verrät. Trotzdem wäre das absichtliche Senden von Signalen eine Ressourcenverschwendung. Wir sind durch unsere Radioübertragungen noch für die nächsten 50 Jahre sichtbar. Dann könnten wir aber darüber nachdenken, solarbetriebene Radiosender zu bauen. Deren Betrieb würde nichts kosten, wenn sie einmal gebaut sind.

Das Interview führte Christoph Seidler

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insgesamt 64 Beiträge
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1. '
praise 12.06.2009
Zitat von sysopSind wir allein im All? Definitiv nicht, sagt Frank Drake, der Vater des Seti-Projekts, das Außerirdische finden soll. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plaudert der US-Astronom über die Suche nach Aliens - und warum wir vermutlich nur wenig entwickelte Zivilisationen aufspüren dürften. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,629582,00.html
Drake weiß also angeblich, dass wir "definitiv nicht allein sind", hat aber nicht den leisesten Beleg dafür. Das verrät immerhin einen starken Glauben. :-)
2. hmmm
K.H.I.A. 12.06.2009
Wie heißt es so schön in dem Film "Contact": Es wäre ja eine riesige Platzverschwendung, sind wir die Einzigen. Allerdings ist es mehr als unwahrscheinlich, genau in dem kurzen Zeitpunkt unserer Existenz auf intelligentes außerirdisches Leben zu stoßen. Vielleicht gab es vor 50 Mio. Jahren Welches in der Nähe, oder erst in 50 Mio Jahren in der Zukunft. Das sind kosmisch gesehen keine langen Zeiten. Auf unserem Planeten tut sich in diesen Zeitspannen jedoch eine Menge.
3. Bild unserer Zivilisation
sevens, 12.06.2009
Zitat von sysopSind wir allein im All? Definitiv nicht, sagt Frank Drake, der Vater des Seti-Projekts, das Außerirdische finden soll. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview plaudert der US-Astronom über die Suche nach Aliens - und warum wir vermutlich nur wenig entwickelte Zivilisationen aufspüren dürften. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,629582,00.html
Aus dem Artikel: "Drake: Das ist beängstigend. Vor allem nachts gibt es so viel Gewalt und Blut im Fernsehen. Das ist kein zutreffendes Bild unserer Zivilisation." Tatsächlich? Das, was seit Bestehen der Menschheit an Menschenblut geflossen und an Grausamkeiten vom Menschen am Menschen verübt worden ist, überwiegt die paar lächerlichen Action- und Kriegsfilme doch bei weitem.
4. Allein ...
philisoft 12.06.2009
Da wir weder den Sinn des Universums, seine Größe noch seine Ursache kennen, wäre es schon sehr vermessen, wenn wir uns für die einzige intelligente Spezies hielten. Etwas kalt läuft mir aber schon den Rücken runter bei dem Gedanken, auf eine Art zu treffen, die in ihrer Entwicklung vielleicht schon ein paar Millionen Jahre weiter ist.
5. Knast
r.zmudzinski, 12.06.2009
Zitat von sevensAus dem Artikel: "Drake: Das ist beängstigend. Vor allem nachts gibt es so viel Gewalt und Blut im Fernsehen. Das ist kein zutreffendes Bild unserer Zivilisation." Tatsächlich? Das, was seit Bestehen der Menschheit an Menschenblut geflossen und an Grausamkeiten vom Menschen am Menschen verübt worden ist, überwiegt die paar lächerlichen Action- und Kriegsfilme doch bei weitem.
Die Erde ist eine kosmische forensische Psychiatrie.
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