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Alleingang ins All: Deutsche Industrie rüstet zum Solo-Flug auf den Mond

Von , Bremen

Deutschland scheint fest entschlossen, sich zunächst im Alleingang auf den Weg zum Mond zu machen. Wissenschaft, Raumfahrt-Industrie und Politik zeigten sich auf einer Konferenz erstaunlich einig: Es wird eine deutsche Mond-Forschungssonde geben.

Es war wieder einmal der US-Präsident, der mit einer Rede den Rest der Welt aufschreckte. 2004 kündigte George W. Bush die Rückkehr zum Mond und bemannte Flüge zum Mars an - und löste damit unter den anderen Nationen mit Raumfahrt-Ambitionen hektische Betriebsamkeit aus. Alle wollen einen Platz in der ersten Reihe haben, wenn die Amerikaner im Jahr 2024 - so die derzeitige Planung - mit dem Bau einer permanenten Mondbasis beginnen.

Neben den USA und Russland haben Großbritannien, Japan, China, Indien und Deutschland eigene Mond-Missionen angekündigt. Die Deutschen aber wollen nicht einfach nur dabei sein, sondern beanspruchen zumindest in Europa eine Führungsposition. Beim Bremer Kongress "To Moon and Beyond" ("Zum Mond und darüber hinaus") wurde das überdeutlich.

Drei Tage lang tauschten sich Wissenschaftler, Vertreter der Raumfahrtindustrie und Politiker aus. Immer deutlicher kristallisiert sich heraus, dass der vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geplante Satellit tatsächlich gebaut wird. Bisherigen Informationen zufolge soll die deutsche Raumsonde 300 bis 400 Millionen Euro kosten und 2013 starten. Dabei handelt es sich zwar nur "um Schätzungen, die auf den Erfahrungen bisheriger ähnlicher Missionen beruhen", sagte DLR-Projektleiter Friedhelm Claasen am heutigen Freitag in Bremen.

Realistisch sein dürften diese Angaben dennoch, zumal aus der Politik hinsichtlich der Finanzierung äußerst wohlwollende Signale kommen. 300 bis 400 Millionen Euro, gestreckt über einen Zeitraum von sechs Jahren, würden im Bundeshaushalt mit 50 bis 70 Millionen Euro jährlich zu Buche schlagen. Das, so hieß es in Bremen, sei nicht allzu viel, gemessen am derzeitigen deutschen Raumfahrt-Jahresetat von 800 Millionen Euro. "Der Orbiter wäre parallel zu den bestehenden Programmen finanzierbar", sagte Ex-Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), heute Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Wirtschaft und Technologie, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die Technologie für den Orbiter ist in Deutschland zweifellos vorhanden. Die Kamera des Satelliten, die den Mond bis auf einen Meter genau kartieren soll, könnte sich am Design der erfolgreichen Stereo-Kamera an Bord der europäischen Sonde "Mars Express" orientieren. Deren Entwickler und Betreiber Gerhard Neukum von der Freien Universität Berlin dürfte denn auch den Auftrag für die Kamera an Bord des Mond-Orbiters erhalten.

Ausschreibungen sollen noch diesen Monat beginnen

Neben der Kamera soll der "Lunar Exploration Orbiter", so sein möglicher Name, auch Radar- und ein Hyperspektralgeräte an Bord haben, um die Zusammensetzung der Oberfläche zu studieren. Ein Staubsensor soll die Frage beantworten, ob der Mond durch Meteoriteneinschläge an Masse verliert. DLR-Mann Claasen sprach in Bremen von insgesamt 13 geplanten wissenschaftlichen Instrumenten. Nähere Details wollte er nicht verraten, da man bisher noch nicht in der Phase der Ausschreibungen sei. Allerdings soll die Industrie noch in diesem Monat mit Machbarkeitsstudien beauftragt werden, sagte Claasen zu SPIEGEL ONLINE.

Wissenschaftler, die an den bisherigen Planungen beteiligt waren, äußern sich begeistert über das mögliche Potential der Mondsonde. "Es sind fantastische Instrumente geplant", sagte Neukum. "Und wir haben in Deutschland das Know-how, sie zu realisieren." Mehr als ein Drittel der geschätzten 300 bis 400 Millionen Euro für den Mond-Orbiter sollen laut Neukum in die wissenschaftlichen Instrumente fließen. "Damit werden sie besser als alles Bisherige."

Gegenüber den USA stehe Deutschland in keinem Konkurrenzverhältnis. "Wir agieren komplementär zu den Amerikanern", erklärt Neukum. "Wo die USA gut sind, versuchen wir nicht, sie zu überflügeln. Dafür sind wir in Bereichen stark, in denen die Amerikaner weniger vorzuweisen haben." Zudem eigne sich der Mond hervorragend als Testgebiet für spätere Marsmissionen. "Fast alles, was man für den Mars braucht, kann auf dem Mond entwickelt und getestet werden."

"Zehn Fähnchen auf dem Mond sind nicht unser Ziel"

Die Instrumente des Mond-Orbiters könnten auch Fragen über die Entstehung der Erde und des Sonnensystems liefern, da die Oberfläche des Mondes nicht, wie die der Erde, einem stetigen Verwitterungsprozess ausgesetzt ist. Die Spuren von Asteroiden-Einschlägen oder des Sonnenwinds bleiben dort wesentlich länger bestehen. Experten halten es deshalb unter anderem für möglich, mit Hilfe des Mondes die Geschichte der Sonnenaktivität zu rekonstruieren - und so zu klären, welchen Einfluss sie auf Wärme- und Kälteperioden der Erde hat. Klimaforscher dürften an solchen Daten großes Interesse haben.

Denkbar ist auch die Errichtung eines Radioteleskops auf der erdabgewandten Seite des Mondes. Mit ihm könnten Forscher das All auch in Frequenzbereichen studieren, die bisher von der Erde aus verborgen blieben - wegen des störenden Einflusses der Atmosphäre. Der Mond würde das Teleskop auch wirksam gegen störende Strahlung von der Erde und der Sonne abschirmen.

Solche Planspiele zeigen, dass in Wissenschaft und Raumfahrtindustrie bereits über die Zeit nach dem Mond-Orbiter nachgedacht wird. Der nächste Schritt der Europäer wäre eine Landesonde, die den Mond vor Ort erforschen und möglicherweise sogar Proben zur Erde bringen könnte.

Bei den Verhandlungen über eine solche Mission wäre ein erfolgreicher Mond-Satellit äußerst hilfreich, so das Kalkül beim DLR. "Dann könnten wir unser Gewicht bei der Esa einbringen und eine Führungsposition beanspruchen", sagte Walter Döllinger, Direktor für Raumfahrtprogramme beim DLR, kürzlich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ein deutscher Alleingang wäre aber bei einer Landungsmission schon aus finanziellen Gründen kaum denkbar. "Spätestens dann könnten wir das nur noch im Rahmen eines europäischen Projekts machen", sagte SPD-Politikerin Bulmahn. Nationale Eitelkeiten seien dabei allerdings fehl am Platz. "Zehn Fähnchen auf dem Mond können nicht unser Ziel sein."

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