Satellitenaufnahmen: "Isons" Höllenritt in die Sonnenglut

Von Thorsten Dambeck

SOHO (Esa / Nasa)

Was passierte mit Komet "Ison" bei seiner Annährung an die Sonne? Aufnahmen zeigen, dass er erst zerfiel, dann seinen Schweif verlor. Und plötzlich hatte "Ison" zwei Schweife - wie kam es dazu?

Am Donnerstagabend raste Komet "Ison" durch den sonnennächsten Punkt seiner Bahn. Knapp einen Sonnendurchmesser entfernt, passierte er den brodelnden Gasball um unser Zentralgestirn. Stellenweise wurde sein Kometenkern bei dem geringen Abstand extrem heiß, Astronomen schätzen die Temperaturen auf 2000 bis 3000 Grad Celsius. Kann ein Komet, der hauptsächlich aus Eis besteht, so etwas überstehen?

Die Nasa hatte ihren Sonnensatelliten SDO (Solar Dynamics Observatory) extra aus seiner üblichen Beobachtungsrichtung geschwenkt, um einen besseren Blick auf "Isons" Sonnenpassage zu haben. Offenbar vergeblich, wie SDO-Forscher Dean Pesnell einräumen musste: "Der Komet scheint verschwunden und sich in den letzten Stunden aufgelöst zu haben." Denn die SDO-Bilder zeigten nur gähnend leeres Weltall, da, wo eigentlich der Komet oder zumindest seine Relikte hätten sein sollen.

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Schicksal des Kometen: Wieder da
SDOs rätselhafte Fehlanzeige führte zum womöglich voreiligen Abgesang auf den Kometen. Denn andere Satelliten haben den heißen Ritt durch die Atmosphäre der Sonne, die Korona,als erfolgreich aufgezeichnet. Vor allem durch die Instrumente des europäisch-amerikanischen Sonnenspähers SOHO waren die Forscher quasi live dabei.

Anders als Pesnell kommen sie zu positiveren Einschätzungen: "'Ison' hat den Bahnbereich mit dem geringsten Sonnenabstand überstanden", sagt Hermann Böhnhardt vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) bei Göttingen. Der Kometenexperte erkennt auf aktuellen SOHO-Fotos sogar zwei Staubschweife. "Einer stammt aus den Tagen vor der Sonnenbegegnung, der andere entstand in den Stunden der größten Sonnennähe - so etwas hatten wir erwartet."

Meinung geändert

Auch Karl Battams hat seinen anfänglichen Pessimismus revidiert. "Isons" schicksalhafte Sonnenbegegnung könnte dem Astrophysiker vom Naval Research Laboratory zufolge so abgelaufen sein: Bereits auf dem Hinweg begann der Komet zu zerfallen, seine Fragmente waren jedoch nicht allzu groß. Als Beleg deutet Battams die großen Staubmengen, die sich in dieser Phase zu einem langen, dünnen Schweif auswuchsen - dieser ist auf den SOHO-Bildern klar zu erkennen.

Dann flog "Ison" in die Korona, was den Auflösungsprozess weiter vorantrieb: Der Komet verlor komplett seine Gashülle und seinen Schweif - ähnlich wie der "Lovejoy"-Komet im Jahr 2011, der ebenfalls bei seiner Sonnenpassage seinen Schweif einbüßte. Doch als "Ison" sich dann wieder von der Sonne entfernte, scheint zumindest etwas von seinem Kometenkern übrig geblieben zu sein. Denn "Ison" nahm seine Aktivität wieder auf und stieß erneut Gas und Staub aus! Battams: "Genau wie damals bei 'Lovejoy' wächst der Schweif wieder nach."

Der Forscher betont, das dieses Szenario vorläufig ist und in entscheidenden Punkten noch unvollständig. "Wir haben keine Ahnung, wie groß der verbleibende Kometenkern ist, wenn es ihn überhaupt gibt." Deshalb sei es zu früh für eine Prognose, ob es "Ison" Anfang Dezember an den Abendhimmel schaffen wird.

Geheimnisse des Urstoffs

Klar ist aber jetzt schon, dass "Isons" Sonnenritt eine Fundgrube für die Forscher ist. Seit langem hatten sie sich auf die einmalige Gelegenheit vorbereitet, so auch am Göttinger MPS. Wissenschaftler um Werner Curdt haben gestern erstmals den Spektrografen SUMER (Solar Ultraviolet Measurements of Emitted Radiation) des SOHO-Satelliten benutzt, um die chemische Zusammensetzung eines Kometen zu entschlüsseln.

Das ist möglich, weil "Ison" bei der Wechselwirkung mit der heißen Korona seine spektralen Fingerabdrücke hinterlassen hat. Mit den Messungen betreten die Forscher Neuland: "Von einem so frischen Kometen, der zudem so nahe an die Sonne herangekommen ist, sind nie zuvor Spektren aufgenommen worden."

Die Beobachtungen fanden in einem kritischen Moment statt, als "Ison" für alle anderen Teleskope unsichtbar war. Denn das Sonnenlicht wird üblicherweise durch eine Blende im Strahlengang abgeschirmt. Curdt: "Genau zur größten Sonnennähe, als der Komet in anderen Teleskopen hinter der Blende verschwand, trat SUMER in Aktion."

Hunderte Spektren konnten die MPS-Forscher aufzeichnen, bevor nach 50 Minuten "Ison" aus ihrem Blickfeld gerast war. Die Auswertung wird noch einige Zeit dauern. Die Daten werden wohl einige Geheimnisse über den Urstoff aus der Geburtsstunde des Sonnensystems preisgeben.

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1. Wie Phönix aus der Asche
step26 29.11.2013
Eine Gruppe von Astronomen und Astroamateuren vom Max-Planck-Institut für Astronomie, dem Planetarium Hamburg, dem Teleskophersteller Baader Planetarium und von der ISON-Webseite www.jahrhundertkomet.de, die gerade in Österreich in knapp 2000 Meter Höhe Kometen beobachten, haben bereits gestern Abend, nur wenige Stunden nach dem Sonnenvorbeiflug von ISON, der Aussage von NASA und ESA widersprochen, dass der Komet tot sei! Im Gegenteil: die Helligkeit des Kometenkopfs steigt nach der Umrundung der Sonne nun wieder an, was darauf hindeutet, dass es noch einen Kometenkern als Reservoir geben muss! Weitere aktuelle Infos und Bilder gibt es hier: www.jahrhundertkomet.de
2. Ignorante Wissenschftler ?
yoghurt_lx 29.11.2013
Die Erkenntnisse von Deep Impact und anderen Missionen inklusive Beobachtungen wurden einfach ignoriert. Immer wieder wird das alte Modell des "Schneeballs" betont. Nahaufnahmen von Missionen der Nasa zeigen eindeutig eine grobe felsige Oberfläche so wie bei Asteroiden. Im Prinzip sind Kometen nichts anderes als Asteroiden mit einer anderen Flugbahn, denn man beobachtete auch Asteroiden mit Schweif, sogar Venus besitzt unter diversen Umständen einen gut sichtbaren. Wurde ignoriert. Kometen welche aus "Wasser und Eis" bestehen können nicht über Stunden einer Temperatur von mehreren tausend Grad Celsius überstehen. Gestein kann das sehr wohl. Schweif und Corona des Kometen werden vom Sonnenwind erzeugt. Nahe an der Sonne sind die geladenen Partikel aka "Sonnenwind" noch nicht derartig beschleunigt um einen Effekt auf den Kometen zu haben. Deshalb verschwand der Schweif sobald der Komet eine gewisse Grenze überschritten hatte. Wird ebenfalls ignoriert. Ich erwarte das die Daten aus dem Spektrum der MPS-Forscher so wie bei Deep Impact ebenfalls ignoriert werden, denn diese passen zu 100% nicht mit dem Modell des "Schneeballs" zusammen.
3.
DrStrang3love 30.11.2013
Zitat von yoghurt_lxDie Erkenntnisse von Deep Impact und anderen Missionen inklusive Beobachtungen wurden einfach ignoriert. Immer wieder wird das alte Modell des "Schneeballs" betont.
Nahaufnahmen von Missionen der Nasa zeigen eindeutig eine grobe felsige Oberfläche so wie bei Asteroiden.[/QUOTE] Die Wissenschaftler ignorieren die Ergebnisse von Deep Impact keineswegs, *Sie* allerdings scheinen sie nicht verstanden zu haben. Deep Impact hat auf dem untersuchten Kometen Tempel 1 *massig* Wassereis gefunden, sowohl auf der Oberfläche (wenn auch weniger als erwartet, da der Komet mit einer recht dicken Staubschicht bedeckt ist) als auch im Auswurfmaterial nach dem namensgebenden Deep Impact. ---Zitat--- Kometen welche aus "Wasser und Eis" bestehen können nicht über Stunden einer Temperatur von mehreren tausend Grad Celsius überstehen. Gestein kann das sehr wohl. ---Zitatende--- Tja, dummerweise überstehen die allermeisten Kometen das tatsächlich nicht. Von den im Artikel genannten die Sonne beobachtenden Sonden werden ständig Kometen entdeckt, die der Sonne zu nahe kommen und schlicht verdampfen. Nur wird das selten so groß aufgehängt wie bei ISON. ---Zitat--- Im Prinzip sind Kometen nichts anderes als Asteroiden mit einer anderen Flugbahn, denn man beobachtete auch Asteroiden mit Schweif, sogar Venus besitzt unter diversen Umständen einen gut sichtbaren Wurde ignoriert. Schweif und Corona des Kometen werden vom Sonnenwind erzeugt. Nahe an der Sonne sind die geladenen Partikel aka "Sonnenwind" noch nicht derartig beschleunigt um einen Effekt auf den Kometen zu haben. Deshalb verschwand der Schweif sobald der Komet eine gewisse Grenze überschritten hatte. Wird ebenfalls ignoriert. ---Zitatende--- Dummerweise haben die Schweife der Venus und der Sonnenwind eine chemisch deutlich andere Zusammensetzung als Kometenschweife. Und die Grenze zwischen "Asteroiden" und "Kometen" kann ziemlich fließend sein. Einer Theorie nach sind einige Asteroiden tatsächlich nichts anderes als Kometen, die die meisten flüchtigen Bestandteile (sprich: Eis) verloren haben.
4. Ison NICHT zerfallen..
spon-facebook-10000172819 30.11.2013
Komet ISON gibts noch, inzwischen ist er auch im SDO wieder aufgetaucht - nur zum sagen....
5.
yoghurt_lx 30.11.2013
Zitat von DrStrang3loveDie Wissenschaftler ignorieren die Ergebnisse von Deep Impact keineswegs, *Sie* allerdings scheinen sie nicht verstanden zu haben.
Natürlich, das wird es sein. Seltsam das diese "Wissenschaftler" ebenfalls so einiges nicht verstanden haben, wiez.B. die Gravitation. Einschlagort und Bild des Auswurfmaterials etwa 11.5 Minuten später. Deep Impact's Effect on Tempel 1 | NASA (http://www.nasa.gov/mission_pages/deepimpact/multimedia/pia13858.html) 6 Jahre später und nach seiner Sonnenannäherung wird der Ort wo das Projektil einschlug noch einmal fotografiert. NASA - Tempel 1 Impact Site (http://www.nasa.gov/mission_pages/stardust/multimedia/Schultz4.html) Mit gute Willen lässt sich hier ein Miniatur Einschlagskrater sehen. Die Erklärung war, das der Krater sich selber heilte und der Staub wieder zurück gefallen ist. Klingt sehr logisch, aber leider benötigt man dafür dann eine etwas andere Konstante für die Gravitation. Na dann erklären Sie mir einmal diesen netten Fund. Astronomy & Astrophysics (http://www.aanda.org/articles/aa/full/2008/07/aa7072-07/aa7072-07.html) Von massig Wassereis kann man da nicht sprechen, aber Sie Wissen das sicher besser. Die Unterschiede auf Tempel 1 zwischen vorher und nachher. NASA - Changes to Smooth Terrain (Annotated) (http://www.nasa.gov/mission_pages/stardust/multimedia/changecomp.html) Der Text unterhalb beschreibt die Unterschiede sehr gut. Es gibt also kein verdampfen. An manchen Stellen wie den Kliff wurde das Material bis zu 30 Meter erodiert während die zwei Krater neben der Einschlagstelle weitgehend unverändert blieben. Die Venus erzeugt einen Schweif und der besteht nicht aus ihren "Eis". Der besteht aus feinen Staub, genau so wie der feine Staub welcher von Tempel 1 erodiert wurde. Änderungen in der chemischen Zusammensetzung der Schweife sind nicht verwunderlich wenn die Oberfläche aus anderen Material besteht. Das "Eis" existiert in ihrer Phantasie und hat absolut nichts mit dem Unterschied zwischen Kometen und Asteroiden zu tun.
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