"Apollo"-Jubiläum Die Montur der Mondhelden vergammelt

Schlechte Nachrichten zum Mondlandungsjubiläum: Die Anzüge der "Apollo"-Astronauten lösen sich auf. Die High-Tech-Klamotten für das All kommen mit den Bedingungen auf der Erde nicht klar - und verwandeln sich langsam in unappetitlichen Matsch.


Sie wurden gebaut, um den fragilen Körper des Menschen vor den Gefahren des Alls zu schützen. Immerhin schwanken die Temperaturen auf dem Mond zwischen 120 Grad Celsius am Tag und minus 150 Grad in der Nacht. Sogar Einschläge winziger Meteoriten sollten die Anzüge aushalten. Nur für eines wurden sie nicht gebaut: die Ewigkeit. Die Raumanzüge, in denen die "Apollo 11"-Astronauten am 20. Juli 1969 den Mond betraten, sind heute reif für den Altkleidercontainer.

"Vor allem drei Faktoren haben den Anzügen zugesetzt", erklärt Cathleen Lewis, Kuratorin am Smithonian Air and Space Museum in Washington, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Das Licht, die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur." Was also den Temperaturunterschieden auf dem Mond und der Luftleere des Raums nicht gelang, schafften die schwülen Sommer der US-Hauptstadt. Das Gummi bröckelt, die Metallteile rosten, die Plastikverbindungen werden zu Brei.

Die Anzüge bestehen aus immerhin 21 Lagen unterschiedlicher Materialien. Direkt auf dem Körper liegt ein weicher Overall, in den Plastikschläuche zur Wasserzirkulation genäht sind. Darüber kommt eine Nylondecke mit Ventilationsschlitzen und dann ein mehrschichtiger Anzug zum Druckausgleich, bestehend aus verschiedenen synthetischen Materialien. Damit die Astronauten sich bewegen können, sind Taille, Knie und Ellenbogen mit aufgeschäumtem Gummi gepolstert. Gegen die Hitze schützt eine Folie aus Polyethylen-Terephthalat (PET), aus dem zum Beispiel auch Getränkeflaschen hergestellt werden, im Wechsel mit feuerfesten Materialien. Die Außenhaut schließlich besteht aus weißem Teflon.

"Es ist sehr, sehr hartnäckiger Staub"

Dazu kommen Metallteile wie Reißverschlüsse aus Kupfer und Plastikanschlüsse für Schläuche. Eine Komponente, die nicht zum ursprünglichen Design gehört, rundet den Materialmix ab: Mondstaub. "Die Anzüge sind unglaublich dreckig," sagt Lewis. "Der Staub hat sich ganz tief in das Gewebe gerieben - es ist sehr, sehr hartnäckiger Staub."

Problem Nummer eins sind die Kunststoffteile. Kunststoff besteht aus langen synthetisch erzeugten Polymeren. Diese kettenförmigen Verbindungen aus Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und anderen Atomen wollen vor allem eins: sich auflösen. Dabei hilft der Sauerstoff der Luft, der unter ultraviolettem Licht in hochreaktive Radikale gespalten werden kann. Diese rasenden Wilden attackieren dann die Polymere und zertrümmern sie.

Der meistbenutzte Kunststoff in den Raumanzügen ist Polyvinylchlorid, besser bekannt unter seinem Kürzel PVC. Erst Weichmacher verwandeln das eigentlich harte und spröde Material in einen brauchbaren Werkstoff - und auf lange Sicht in eine eklige Pampe. "Sie verflüssigen sich", beklagt Lewis. Sickern die Weichmacher aus dem PVC, wird es wieder bröckelig - und klebrig. "Und die Weichmacher stecken dann in den anderen Gewebeschichten und lassen sich nicht ohne weiteres wieder daraus entfernen."

Problem Nummer zwei sind die Metallteile an Reißverschlüssen sowie an den Hals- und Handschuh-Verbindungsstücken. Die Luftfeuchtigkeit reicht schon aus, um sie zum Rosten zu bringen. "Und man darf auch nicht vergessen, dass Armstrong, Aldrin und Collins ihre Anzüge ganz schön vollgeschwitzt haben", ergänzt Lewis. Das aggressive Salz des Schweißes, das nun schon seit 40 Jahren die Anzüge verkrustet, tut sein Übriges, um die Metalle zu zersetzen.

Viel lässt sich gegen den Zerfall der "Apollo 11"-Anzüge nicht ausrichten. "Wir halten die Luftfeuchtigkeit, die Lichteinwirkung und die Temperatur gering in den Vitrinen," sagt Lewis. "Und wir müssen die Anzüge geöffnet ausstellen, damit die Luft im Inneren zirkulieren kann. Sonst entsteht in den Anzügen ein Mikroklima, im dem der Zerfall noch schneller vor sich geht." Die Helme mit den goldbeschichteten Visieren und die Handschuhe mit den Fingerspitzen aus Silikon können deshalb nur noch separat gezeigt werden.

Ein Patentrezept für die Konservierung von Raumanzügen gibt es nicht. Zumal für jede Mission wieder neue Anzüge aus anderen Materialkombinationen geschneidert wurden. "Die älteren Anzüge des 'Mercury'-Programms zum Beispiel waren mit Schrift aus metallischer Farbe bedruckt. Die frisst sich nun in das Gewebe hinein", sagt Lewis.

Das besondere Problem der "Apollo 11"-Anzüge ist vor allem, dass sie die wohl begehrtesten Stücke der Ausstellung sind. Keine anderen Raumanzüge haben so viel Zeit im Licht und in der Luft der Ausstellungsräume verbracht wie die drei von Armstrong, Aldrin und Collins. Aufhalten lässt sich der Zerfallsprozess nicht mehr. "Wir können nur versuchen, ihn zu verlangsamen", erklärt Lewis. Ihre Kollegin Mary Baker hat es einmal auf den Punkt gebracht: "In 500 Jahren wird es die Mona Lisa immer noch geben. Aber keinen 'Apollo'-Anzug mehr."

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