Arecibo-Teleskop: USA machen All-Abhörgerät taubstumm

Von Thorsten Dambeck

Das Arecibo-Observatorium in Puerto Rico, Standort der größten Radioschüssel der Welt, steht vor dem Aus: Die Geldgeber wenden sich neuen Projekten zu. Forscher warnen vor gefährlichen Folgen. Weltweit existiert kein gleichwertiger Ersatz, um Asteroiden mit Kurs auf die Erde zu entdecken.

Wohl keine wissenschaftliche Einrichtung wurde jemals mit einem derartigen Knalleffekt ins Nirvana gesprengt: Kein Geringerer als James Bond turnte zum Finale von "GoldenEye" durch die gewaltige 300-Meter-Schüssel des Arecibo-Radioteleskops in Puerto Rico. Wo sonst Planetenforscher Asteroiden mit Radarstrahlen abtasten und Astronomen nach Sternenleichen lauschen, brachte "007" seinen Widersacher, den abtrünnigen "006", zur Strecke. Für das Teleskop endet der Sieg des Guten allerdings fatal: Die Antenne explodierte.

Mit weniger rabiaten Mitteln könnten Wissenschaftspolitiker bald die gleiche Wirkung erzielen: Die Mittel für die weltweit größte Radioteleskop-Schüssel sollen gekappt werden. 2011, rund 48 Jahre nach ihrer Eröffnung im November 1963, könnte das Arecibo-Teleskop stillgelegt werden. Die amerikanische National Science Foundation (NSF), die das Observatorium unterhält, plant bereits für die Zeit danach. Statt der legendären Antenne sollen im kommenden Jahrzehnt neue Projekte wie das Atacama Large Millimeter Array in Chile den Radiohimmel abhorchen. Die NSF will allein in dieses Projekt 500 Millionen Dollar stecken, die Finanzierung von Arecibo soll dagegen auslaufen. So empfiehlt es jedenfalls das zuständige NSF-Kommitee.

Als Radargerät unerreicht

Für das neue Projekt müssten zwangsläufig Kürzungen bei älteren Einrichtungen akzeptiert werden - sonst fressen die Betriebskosten eines Tages den gesamten Etat, meint Michael Turner, Astrophysiker an der University of Chicago. Ein ähnliches Schicksal hat auch kleinere nationale Observatorien in Europa getroffen, als die gemeinsame Europäische Südsternwarte (Eso) ihren Betrieb in Chile aufnahm.

Sollten für Arecibo nun keine neuen Sponsoren auf den Plan treten, steht ab 2011 die Schließung ins Haus. Das gleiche Schicksal droht dem Very Long Baseline Array, einem Verbund aus quer über die USA verteilten 25-Meter-Radioteleskopen.

Manche Astronomen laufen jedoch Sturm gegen diese Pläne, denn Arecibo hat die seltene Fähigkeit, auch als riesiges Radargerät zu fungieren. Eine "einzigartige Einrichtung" sei von der Schließung bedroht, sagte etwa Donald Campbell. Der US-Astronom von der Cornell University hat mit der Arecibo-Antenne jüngst die Polargebiete des Mondes nach Eis abgetastet. Lediglich die kalifornische Goldstone-Antenne bietet eine in etwa vergleichbare Radarkapazität, allerdings bei deutlich geringerer Empfindlichkeit.

Planetares Sicherheitsrisiko

Doch bei der kommenden Entscheidung für oder gegen Arecibos Weiterbetrieb geht es nicht nur um wissenschaftliche Fragen. Denn der Riesenradar ist vor allem für die Erforschung von Himmelsobjekten wichtig, die uns noch enger auf die Pelle rücken als unser eigener Mond: erdnahe Asteroiden. Sie stammen ursprünglich aus dem Gesteinstrümmergürtel zwischen Mars und Jupiter. Immer wieder verlassen kleine und größere Brocken ihre Bahnen und werden ins innere Sonnensystem abgelenkt. Manche geraten dabei auf Kollisionskurs mit der Erde.

Noch weiß niemand, ob und wann es in näherer Zukunft zu einem Einschlag kommt. Doch die systematische Suche der vergangenen Jahre erbrachte bis heute immerhin 831 verdächtige Objekte, denen das zuzutrauen ist. Die größeren Brocken mit Durchmessern ab zehn Kilometer gelten als planetares Sicherheitsrisiko: Eine Kollision mit der Erde hätte ein globales Desaster zur Folge. Vor 65 Millionen Jahren könnte das Ende der Dinosaurier und vieler weiterer Arten so vonstatten gegangen sein.

Hunderte von Asteroiden haben Astronomen mit dem Arecibo-Teleskop ins Radar-Visier genommen. Geht es nach der NSF, wäre damit bald Schluss. "Einem vielversprechenden goldenen Zeitalter der Erforschung erdnaher Asteroiden droht das Aus", warnte Steven Ostro vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bei besonders engen Vorbeiflügen der kosmischen Geschosse saß Ostro jahrelang mit den Antennen in Arecibo und Goldstone in der ersten Reihe: Durch präzise Vermessung ihrer Radarreflexe gelangen ihm spektakuläre Porträts des umherschwirrenden Gerölls.

Unter günstigen Bedingungen kann die Arecibo-Antenne noch Oberflächendetails von bis zu zehn Metern Durchmesser ausmachten. Vor allem für die präzise Vorhersage künftiger Kollisionswahrscheinlichkeiten ist Radar unersetzbar. Ostros bislang letzter Streich war die Beobachtung des bizarren Doppel-Asteroiden 1999 KW4, dessen hektische Drehung den Brocken in Stücke reißen könnte.

Radioprogramme für Aliens

Wissenschaftliche Erfolge gelangen in Arecibo auch mit viel weiter entfernten Himmelsobjekten: Anfang der neunziger Jahre fand ein Forscherteam mithilfe der Riesenschüssel die ersten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems. Sie kreisen rund 2600 Lichtjahre von der Erde entfernt um einen Pulsar, ein rotierendes Relikt einer Supernova. Solche Neutronensterne senden gebündelte Radiostrahlen ins All, die von Radioteleskopen wie dem in Arecibo als periodische Pulse aufgefangen werden.

Besonders aufschlussreich war die Bahnanalyse eines anderen Pulsars, der mit einem normalen Stern ein Doppelsystem bildet. Die beiden US-Forscher Joseph Taylor und Russel Hulse haben in Arecibo seine Periode vermessen und starke Indizien für die von Einstein vorhergesagten geheimnisvollen Gravitationswellen gefunden. Die Forscher bekamen dafür 1993 den Nobelpreis. Darüber hinaus wurde die Arecibo-Antenne als Lauschorgan des Seti-Projekts ("Search for extraterrestrial Intelligence") bekannt, das nach Radiobotschaften außerirdischer Zivilisationen sucht. In "Contact" mit Jodie Foster in der Hauptrolle hatte das Observatorium einen zweiten großen Filmauftritt. Auch menschliche Botschaften wurden von Arecibo aus ins All geschickt.

Während solche Untersuchungen auch mit der kommenden Generation von Radioteleskopen möglich sind, verhält es sich in Sachen Asteroidenforschung anders: Keine der vorhandenen oder neuen Anlagen kann sich in punkto Radar mit der Arecibo-Schüssel messen. Das könnte für die Erde durchaus unangenehme Folgen haben, warnt Nasa-Forscher Ostro: "Sollte in unserem Jahrhundert ein Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde entdeckt werden, wird eine Ablenkung des Objektes ohne vorherige Radar-Untersuchungen wahrscheinlich scheitern."

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