Asien Millionen verfolgen längste Sonnenfinsternis des Jahrhunderts

Begeisterung und Furcht: Millionen Menschen haben in Asien die längste totale Sonnenfinsternis dieses Jahrhunderts verfolgt - mit durchaus gemischten Gefühlen. Während die einen das seltene Spektakel genossen, sprachen andere von einem "sehr gefährlichen Moment im Universum".


Neu-Delhi - Um 1.58 Uhr deutscher Zeit schob sich über dem Arabischen Meer der Mond vor die Sonne. Wenig später erreichte das Ereignis den direkt im Kernschatten der Sonnenfinsternis liegenden westindischen Bundesstaat Gujarat.

In der Hauptstadt Neu-Delhi konnten die Menschen bei klarem Himmel miterleben, wie sich 80 Prozent des Mondes vor die Sonne schoben. In Mumbai hatten die "Sofi"-Fans weniger Glück: Wegen dichter Monsun-Regenwolken war das Spektakel hier nicht zu sehen, die speziellen Sonnenbrillen im Nehru-Planetarium erwiesen sich als wertlos. Stattdessen hüllten sich die Beobachter in Regenjacken und spannten Regenschirme auf.

Natürlich wurde auch Geld mit dem Naturereignis verdient: Ein Sonderflug der Firma Cox and Kings hob von Neu Delhi Richtung Osten ab, um den Fluggästen eine direkte Beobachtung der Finsternis zu ermöglichen. Die 21 Sitzplätze der Boeing 737-700 auf der Sonnenseite wurden für 79.000 Rupien (rund 1200 Euro) verkauft.

Nicht überall auf dem Subkontinent herrschte grenzenlose Begeisterung angesichts des seltenen Spektakels: In Indien fürchten viele Menschen negative Auswirkungen der verdunkelten Sonne. So nahmen in der als heilig geltenden Stadt Varanasi Hunderttausende gläubige Hindus unmittelbar nach Ende der Finsternis ein reinigendes Bad im Ganges. In Neu-Delhi verschoben etliche Schwangere die für diesen Tag geplante Geburt per Kaiserschnitt.

Der 22. Juli sei ein "sehr gefährlicher Moment im Universum", warnte der indische Astrologe Raj Kumar Sharma. "Wenn die Sonne, die Anführerin unter den Gestirnen, krank ist, dann bedeutet das, dass es auf der Welt große Probleme geben wird."

"Plötzlich habe ich es gesehen"

Der Korridor in einer Breite von 258 Kilometern zog sich von Indien über Nepal, Bhutan, Bangladesch, Burma und China zu den südjapanischen Inseln. Nach den Berechnungen der Astronomen hatte er eine Länge von 15.000 Kilometern.

In China war das Spektakel ab 3.13 Uhr zu beobachten. Die totale Sonnenfinsternis war unter anderem in der zentralchinesischen Stadt Chongqing zu sehen. Die Behörden hatten damit gerechnet, dass etwa 300 Millionen Menschen im Tal des Jiangtse das seltene Naturschauspiel miterleben können. Vielerorts behinderte jedoch auch hier schlechtes Wetter den Blick auf das Ereignis.

Auch in Shanghai regnete es während der Sonnenfinsternis zeitweise, ab und zu riss die Wolkendecke jedoch auf. "Die Wolken zogen auf, dann bildeten sich Lücken und plötzlich habe ich es gesehen", schwärmte der Geschäftsmann Glenn Evans aus den USA, der in Shanghai arbeitet. In den Ufercafés der Stadt wurden spezielle Sonnenfinsternis-Frühstücke serviert.

Die längste Sonnenfinsternis gab es in Japan

In Japan war die Sonnenfinsternis auf der Insel Akuseki mit über sechs Minuten am längsten unter den von Menschen bewohnten Orten der Welt zu sehen. Normalerweise wohnen auf der Insel 68 Menschen - anlässlich des Naturereignisses kamen mehrere hundert.

Der deutsche Filmregisseur Roland Emmerich nutzte die Sonnenfinsternis am Mittwoch, um in der Hauptstadt Tokio Werbung für seinen neuen Katastrophenfilm "2012" zu machen. Der noch nicht ganz fertige Streifen, der im November in die Kinos kommt, bezieht sich auf die Prophezeiung der Maya, deren Sonnenkalender am 21. Dezember 2012 endet und als Anlass dient, das Ende der Welt in ihrer bisherigen Form zu datieren.

Eigentlich wollte Emmerich mit seinen Gästen und Journalisten die Sonnenfinsternis auf dem Dach des 238 Meter hohen Mori Towers in Roppongi Hills verfolgen, einem schicken Konsumtempel in Tokios Szeneviertel Roppongi. Doch daraus wurde nichts: Die Sonnenfinsternis versteckte sich hinter dicken Regenwolken. Wer Glück hatte, konnte für Sekunden immerhin die Sonnensichel sehen.

Die Sonnenfinsternis überzog einige der am dichtesten besiedelten Gebiete der Erde, so dass sie die größte Beobachterschar in der Geschichte der Menschheit gehabt haben dürfte. Eine Finsternis ähnlichen Ausmaßes haben die Astronomen erst wieder für das Jahr 2132 errechnet. Die nächste Sonnenfinsternis wird sich am 11. Juli 2010 ereignen, jedoch lediglich im Südpazifik zu beobachten sein.

Sonnenfinsternisse faszinieren die Menschheit seit jeher. In China wurde das Phänomen, bei dem sich der Mond zwischen Erde und Sonne schiebt und damit einen Schatten auf die Erde wirft, traditionell so erklärt, dass ein Drache das Himmelsgestirn verschluckt. In der hinduistischen Mythologie werden die Dämonen Rahu und Ketu für die Verfinsterung verantwortlich gemacht.

ala/dpa/AFP

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