Vorbeiflug des Asteroiden "2016 QA2" Das war knapp

In der Nacht zum Sonntag ist ein etwa 35 Meter großer Asteroid ziemlich knapp an der Erde vorbeigeflogen. Entdeckt hatten ihn Astronomen erst wenige Stunden vorher.

Orbit des Asteroiden 2016 QA2 (grün-blaue Linie)
NASA/ Astro Arts/ JPL

Orbit des Asteroiden 2016 QA2 (grün-blaue Linie)

Von


Mehr als 600.000 Asteroiden haben Forscher im Sonnensystem schon aufgespürt. Und immer mal wieder gibt es einen, der der Erde besonders nahekommt. Am Sonntagmorgen gegen 3.24 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit war es wieder mal so weit: Ein Brocken mit dem Namen "2016 QA2" rauschte in nur etwa 84.000 Kilometern an der Erde vorbei.

84.000 Kilometer klingt nach einem sicheren Abstand, in kosmischen Dimensionen ist es eine Ministrecke. Der Erddurchmesser liegt bei 12.000 Kilometern, geostationäre Satelliten fliegen in 36.000 Kilometern Abstand, bis zum Mond sind es 380.000 Kilometer.

Annäherungen von Asteroiden bis auf wenige Zehntausend Kilometer gibt es immer wieder. Im Februar 2013 ermittelten Astronomen eine Distanz von nur 28.000 Kilometern, im September 2014 kam ein anderer Asteroid auf 40.000 Kilometer.

Zu klein zum Entdecken

Eine Warnung vorab gab es beim sonntäglichen Vorbeiflug nicht, denn Astronomen hatten den Asteroiden erst wenige Stunden zuvor überhaupt entdeckt. Er raste mit zehn Kilometern pro Sekunde heran. Wegen des spitzen Winkels zur Ebene des Erdorbits konnte er wohl nur in der Dämmerung erspäht werden, sagt Alan Harris vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Mit geschätzt 34 Metern Durchmesser war er zu klein, um ihn aus größerem Abstand sehen zu können.

34 Meter Durchmesser - das klingt nach einem eher kleinen Objekt. Doch "2016 QA2" könnte auch über 50 Meter groß sein oder nur knapp 20 Meter - die Größe lässt sich nicht präzise bestimmen. Hätte der Asteroid die Erde getroffen, wäre das kaum ohne Folgen geblieben.

Der Brocken, der am 15. Februar 2013 über der Stadt Tscheljabinsk explodiert war, war knapp 20 Meter groß. Die Scheiben Tausender Gebäude gingen zu Bruch, mehr als tausend Menschen wurden dabei verletzt.

Fotostrecke

10  Bilder
Tscheljabinsk-Meteorit: Kosmischer Weckruf

"Objekte solcher Größe können die Erde jederzeit und ohne Vorwarnung treffen", sagt DLR-Wissenschaftler Harris, der Abwehrtechniken gegen gefährliche Asteroiden erforscht. "Solche Objekte können größere Schäden anrichten." Je nach Dichte und Zusammensetzung können sie auch die Erdoberfläche treffen und einen großen Krater hinterlassen. "In einer bewohnten Gegend könnte es Tote geben", sagt Harris.

Letztlich kommt es auf die Energie an, die beim Eindringen in die Atmosphäre, dem Auseinanderbrechen und dem möglichen Einschlag freigesetzt wird. Darüber entscheiden die Masse des Brockens, das Material (Metall oder Gestein) sowie Flugbahn und Geschwindigkeit.

Aus der Bahn schubsen?

Als größter Einschlag der jüngsten Zeit gilt das Tunguska-Ereignis am 30. Juni 1908. Damals kam es in der russischen Taiga am Fluss Tunguska zu einer gigantischen Explosion. Ein Hitzesturm knickte alle Bäume um - in einem Gebiet fast so groß wie das Saarland. Über hundert Meter groß könnte der Brocken damals gewesen sein.

Würde ein ähnliches Objekt sich heute der Erde nähern, wäre die Menschheit weitgehend machtlos. Es gibt zwar Ideen für eine mögliche Asteroidenabwehr. Man könnte die sogenannten erdnahen Objekte zerstören, etwa mit Wasserstoffbomben. Man könnte sie auch von ihrer Bahn ablenken.

"Einen schweren Satelliten mit hoher Geschwindigkeit auf den Asteroiden draufzuschießen, ist die technisch einfachste Art, den Asteroiden so aus der Bahn zu schubsen", meint etwa Esa-Mitarbeiter Detlef Koschny. Doch von einer Erprobung solcher Methoden, der erste Schritt zum Aufbau eines Abwehrsystems, ist man noch weit entfernt.

Ablenken kann man zudem nur Objekte, von denen man weiß und deren Bahn man genau kennt. Und schon das ist ein Problem, wie der Fall des Asteroiden "2016 QA2" zeigt. "Es gibt Umlaufbahnen, die sich nur schwer von der Erde aus beobachten lassen", sagt DLR-Experte Harris. "Vielleicht müssen wir Satelliten im All positionieren, die das übernehmen."

Auf jeden Fall haben die Asteroidenjäger noch viel zu tun. Denn schon bald wird der nächste Brocken auftauchen, der unserer Erde nahekommt. Hoffentlich nicht zu nah.

Brocken auf Kollisionskurs


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.