Asteroiden-Abwehr Planlos im Weltall

Ein Asteroidentreffer mit katastrophalen Folgen könnte die Erde in Jahrhunderten ereilen - oder schon morgen. Die Menschheit wäre schutzlos: Eine internationale Organisation gibt es ebenso wenig wie konkrete Abwehrprogramme. Einen Brocken aus der falschen Richtung würden wir nicht einmal kommen sehen.

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Sonde, Asteroid: Aus dem Orbit rammen?
NASA

Sonde, Asteroid: Aus dem Orbit rammen?

Vorvergangene Woche war es wieder einmal knapp: Ein Asteroid schrammte in 43.000 Kilometern Entfernung an der Erde vorbei - das ist nur ein Neuntel der Entfernung bis zum Mond. Obwohl der Brocken mit 30 Metern Durchmesser eher zu den kleineren zählte, hätte er verheerende Schäden anrichten können, wenn er die Erde getroffen hätte. Die Druckwelle, die beim Verglühen in der Atmosphäre entstanden wäre, wäre mit der Explosion von über hundert Hiroshima-Bomben zu vergleichen gewesen, rechnet Christian Gritzner, Asteroiden-Experte an der TU Dresden, vor. 1908 schlug ein Asteroid in der sibirischen Tunguska-Region ein - und verwüstete ein Gebiet doppelt so groß wie Berlin.

Bei Anflug aus der falschen Richtung - Pech gehabt

Wäre der Weltall-Vagabund der Erde tatsächlich zu Leibe gerückt, niemand hätte sich zuständig gefühlt. Weil die Gefahr durch Asteroideneinschläge als gering betrachtet wird, hapert es an Abwehr-Forschung und internationaler Koordination. Einzig die Beobachtung so genannter Near Earth Objects (NEOs) wird zentral geregelt, im Minor Planet Center in Cambridge, USA. Dort laufen die Informationen von Sternguckern weltweit zusammen. Allerdings sind auch ihre Beobachtungen lückenhaft: Auf der Südhalbkugel, so Gritzner, gibt es kein einziges Teleskop zur Beobachtung von Asteroiden. "Wenn etwas aus der falschen Richtung kommt, haben wir Pech gehabt."

Asteroid 2004 FH: Verdammt knapp vorbei
NASA

Asteroid 2004 FH: Verdammt knapp vorbei

Auch wenn man einen Asteroiden auf Kollisionskurs rechtzeitig erspähen würde, wäre der Nutzen der Entdeckung derzeit eher gering. Es gibt bislang kein getestetes System, um einen "Planetenkiller" - einen Asteroiden, der eine globale Katastrophe auslösen könnte - von seiner Bahn abzubringen. Groß ist das Risiko glücklicherweise nicht: Einen solchen Treffer erleidet die Erde statistisch betrachtet nur einmal in einer Million Jahren.

Theoretisch sind verschiedene Abwehr-Varianten denkbar, erläutert Gritzner. Da wäre etwa die Holzhammermethode: Man schieße eine Atomrakete in Richtung des potenziellen Weltzerstörers und zünde sie in unmittelbarer Nähe. Das Problem dabei ist, dass eine solche Explosion im All unabsehbare Folgen hätte. Möglicherweise würde der Brocken nur in viele kleinere zerbröseln, die dann auf der Erde verteilt fürchterliche Schäden anrichten könnten.

Eine sanftere Variante wäre ein "Impaktor", gewissermaßen eine Bombe ohne Sprengsatz, die nur durch die Wucht des Aufpralls die Bahn eines Asteroiden ändert. Erste Erkenntnisse in dieser Richtung wird die "Deep Impact"-Mission der Nasa erbringen: Am 4. Juli 2005 wird eine Sonde ein Mini-Raumschiff auf den Kometen "Tempel 1" abschießen und die Folgen beobachten. Um einen großen Asteroiden nennenswert abzulenken, bräuchte man aber wohl eine deutlich größere Masse als die 370 Kilogramm des "Deep Impact"-Impaktors.

Hunderte Tonnen Treibstoff auf die Oberfläche

Tunguska-Treffer von 1908: 50 Megatonnen Sprengkraft
AP

Tunguska-Treffer von 1908: 50 Megatonnen Sprengkraft

Denkbar wäre auch, einen Raketenmotor zum Asteroiden fliegen zu lassen, ihn dort zu landen, zu verankern und im geeigneten Moment zu zünden, um den Weltraumfelsen umzulenken. Doch auch hier stellt sich das Problem der großen Masse: Um ein Objekt mit einem Kilometer Durchmesser oder mehr zu bewegen, bräuchte man Hunderte Tonnen Treibstoff, mithin 25 oder 50 Ariane-Raketen voll Sprit, erklärt Gritzner. Der Treibstoff müsste im All dann umgefüllt und der betankte Motor aus dem Orbit zum Asteroiden geschickt werden - alles in allem keine wirklich praktikable Lösung. "Das würde nur für sehr kleine Objekte funktionieren", meint Gritzner.

Eher machbar erscheint da eine Methode, bei der große Sonnenspiegel zum Kollisionskandidaten geschickt würden. Die könnten dann gezielt an einer Seite Licht auf die Oberfläche bündeln und damit Materie verdampfen. Dadurch hätte der Asteroid gewissermaßen seinen eigenen Antrieb, die Verdampfung würde Schub erzeugen und damit die Bahn des Objekts verändern - wenn auch sehr viel langsamer als ein Raketenmotor. Das Problem bei dieser Variante: Die Spiegel müssten längere Zeit in einem stabilen Orbit um den Asteroiden gehalten werden, und sie dürften nicht verschmutzen oder auf andere Art blind werden.

Wie sich Material aus dem All tatsächlich unter einem solchen Brennglas verhalten würde, könnte man auch auf der Erde testen: Etwa beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln, denn dort gibt es einen "Sonnenofen". Aber, klagt Gritzner, "für solche Projekte gibt es kein Geld".

"Wohlwollendes Interesse, und das war's dann"

Asteroiden-Einschlag: Keiner ist zuständig
NASA/ Don Davis

Asteroiden-Einschlag: Keiner ist zuständig

Getestet wurde von diesen Ansätzen noch keiner. Nicht einmal die Nasa scheint sich allzu ernsthaft mit dem Problem der Asteroiden-Abwehr zu beschäftigen. Zwar gibt es in den USA ein NEO-Office, aber das hat einen vergleichsweise schmalen Etat. Insgesamt, berichtet die Zeitschrift "Scientific American", gibt die Nasa seit 1998 jährlich 3,5 Millionen Dollar für die Suche nach Asteoriden aus. Das Team des NEO-Office zählt ganze vier Mitarbeiter. Zum Vergleich: Die aktuelle Mars-Mission der beiden Rover "Spirit" und "Opportunity" verschlang rund 800 Millionen Dollar.

Wie wichtig der Nasa die Asteroidenforschung tatsächlich ist, ist schwer herauszufinden. Im Jet Propulsion Laboratory, zu dem das NEO-Office offiziell gehört, weiß man nichts von den Asteroidenjägern in den eigenen Reihen. Pressestelle und zentrale Telefonvermittlung reagierten auf die Frage nach dem Asteroiden-Suchbüro mit Verwunderung - erst aus dem Impressum herausgesuchte Namen einzelner Forscher riefen vage Gefühle des Wiedererkennens hervor.

Unbekannt ist, ob auch das US-Militär sich mit dem Schutz vor Asteroiden beschäftigt. Internationale Kooperationen gibt es in diesem Bereich jedenfalls nicht. Eine kürzlich in Kalifornien abgehaltene Konferenz internationaler Experten zum Thema blieb ohne konkretes Ergebnis, eine Zusammenarbeit wurde nicht beschlossen. "Da will keiner Kompetenzen abgeben", vermutet Gritzner, der einen Doktoranden zu der Tagung geschickt hatte.

Sollte ein kleinerer Asteroid Kurs auf Deutschland nehmen, dürfte es schon vor dem Aufprall kräftige Verwirrung geben. Für Katastrophenschutz sind hierzulande die Kommunen zuständig - und die dürften mit der Koordination einer groß angelegten Evakuierung überfordert sein. Zwar gibt es ein Deutsches Komitee für Katastrophenvorsorge, derzeit geleitet von der FDP-Politikerin Irmgard Schwaetzer. Als Experten dort die Problematik vorstellten, sei die Reaktion aber eher dürftig ausgefallen, erinnert sich Gritzner: "Wohlwollendes Interesse, und das war's dann."

Was würde also passieren, wenn sich ein Asteroid auf Kollisionskurs mit Hannover oder Köln befände? Gritzner vermutet, dass in diesem Fall der Kanzler höchstpersönlich würde eingreifen müssen: "Das würde dann eventuell Chefsache werden."



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