Asteroiden-Einschläge: Crashrest im Katastrophenkeller

Von Jens Radü

Die Statistik ist beängstigend: Alle 100.000 Jahre trifft ein kilometergroßer Asteroid unsere Erde, reißt einen riesigen Krater, vernichtet Leben. Im Berliner Naturkundemuseum sammeln Forscher faszinierende Gesteinsproben dieser planetaren Narben - Besuch im Keller der Desaster.

DPA/ NASA

Dieser Brocken hätte als gewöhnlicher Pflasterstein enden können. Doch eine Katastrophe, die mit einem Schlag halb Süddeutschland ausradierte, machte ihn schließlich zum geologischen Kleinod. "Er sieht nicht sehr glücklich aus, oder?", sagt der Impaktforscher Thomas Kenkmann, als er den gelblichen Stein in beiden Händen wiegt. "Ursprünglich war das harter Granit und jetzt kann man ihn mit dem Daumen zerbröseln."

Der brüchige Klumpen ist stummer Zeuge eines Infernos, das sich vor 14,4 Millionen Jahren ereignete: Ein kilometergroßer Asteroid ging auf Kollisionskurs mit der Erde, raste mit fast 70.000 Kilometern pro Stunde ungebremst durch die Atmosphäre und schlug zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alb ein. Schockwellen donnerten mit Überschallgeschwindigkeit durch den Boden, der plötzlich butterweich wurde. Millionen Tonnen Gestein sprengte der kosmische Brocken aus dem Untergrund, aufsteigende Staubschwaden verdunkelten den Himmel. Alles Leben in mehr als 100 Kilometer Umkreis wurde innerhalb eines Augenblicks vernichtet. Zurück blieb ein Trichter mit 25 Kilometern Durchmesser - das Nördlinger Ries, der größte Meteoritenkrater Deutschlands.

Im Hauptquartier der Kraterdetektive

"Die Schockwellen haben auch unseren Granitbrocken hier tiefgreifend verändert", erklärt Kenkmann und streicht über die grobe Abbruchkante des faustgroßen Steins. "Auf ihn wirkte plötzlich ein Druck von 600.000 Atmosphären, das entspricht der Sprengkraft von 2500 Wasserstoffbomben." Vorsichtig legt Kenkmann den bröckelnden Felsblock aus dem Ries wieder zurück ins Regalfach.

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Planetare Narben: Die spektakulärsten Meteoritenkrater

Etwa 3000 Gesteinsproben haben Kenkmann und sein Team hier, im Keller des Berliner Naturkundemuseums, zusammengetragen, 2000 weitere lagern in einer Nördlinger Außenstelle. Es ist das größte Crash-Archiv der Welt. Summende Neonröhren bescheinen die gewaltigen Stahlschränke, in denen die Kraterproben deponiert sind. Australien, Litauen, Norwegen - die beschrifteten Schubladen erzählen von Expeditionen in alle Winkel unseres Planeten. "Wir versuchen hier, Belegmaterial von allen Meteoritenkratern der Erde zusammenzutragen", sagt Kenkmann und zeigt auf einer mit roten Punkten übersäten Wandkarte, wo ihn die nächste Reise im April hinführen wird.

Tausend mögliche Killer-Asteroiden entdeckt

Es geht nach Südamerika, wo der bisher jüngste Krater liegt: Am 15. September 2007 schlug in der Nähe des peruanischen Dorfes Carancas ein Meteorit ein und hinterließ eine 15 Meter große kreisrunde Narbe im Erdreich. Bei dem Aufschlag wurde niemand verletzt. "Aber stellen Sie sich vor, das wäre in einem dicht besiedelten Gebiet Deutschlands passiert. Die Folgen wären verheerend gewesen", sagt Kenkmann. Der Carancas-Meteorit war mit wenigen Metern Durchmesser zwar nicht mehr als ein kosmischer Zwerg. "Aber er hat uns alle komplett überrascht, niemand hat ihn vorher entdeckt", sagt Kenkmann.

Dabei scannen weltweit Teleskope den Nachthimmel auf der Suche nach potentiellen Killer-Asteroiden. Die Objekte, die mehr als einen Kilometer Durchmesser haben und auf ihrem Weg durch unser Sonnensystem immer wieder an der Erde vorbeischrammen, sind zum Großteil erfasst: 766 solcher "NEOS" ("Near Earth Objects") haben die Astronomen bis Ende 2008 entdeckt, mit etwa tausend rechnen die Experten insgesamt zwischen Sonne und Neptun. "Einschlagprozesse sind schließlich der fundamentalste Prozess in unserem Sonnensystem", erläutert Kenkmann. Kosmischer Alltag also: Ob Mond, Merkur oder Mars - alle sind übersät mit Kratern.

Bei der Erde sind die jedoch nicht ganz so offensichtlich: "Unsere Erde ist ein dynamischer Planet. Durch die Plattentektonik und Verwitterungsprozesse verheilen solche Wunden oft verhältnismäßig schnell", sagt Kenkmann. Und so melden sich bei ihm und seinem Team Forscher aus aller Welt, die auf vermeintliche Meteoritenkrater gestoßen sein wollen und die Berliner um eine offizielle Expertise bitten. Im abgelegenen Norden Australiens haben die Kraterdetektive so zuletzt den weltweit ersten elliptischen Trichter untersuchen können. "Der ist wahrscheinlich durch einen Schrägschuss entstanden", erklärt Thomas Kenkmann und nimmt eine Gesteinsprobe in die Hände. Der Meteorit, der dort vor etwa einer Milliarde Jahre niederging, traf die Erde offenbar im steilen Zehn-Grad-Winkel, so dass der Krater vom Hubschrauber aus oval erscheint.

Experimente mit der Riesenkanone

176 Punkte konnte Kenkmann auf der Übersichtskarte bereits aufkleben, und jedes Jahr kommen noch einmal zwei bis drei neue Kraterfunde hinzu. Riesenhafte Exemplare wie das Nördlinger Ries sind zwar selten - aber die Statistik lehrt schreckhafte Gemüter das Fürchten: Denn alle 100.000 bis 300.000 Jahre wird unser Planet von einem Asteroidencrash heimgesucht, der "globale Zerstörung" verursacht.

Was das bedeutet, demonstriert Thomas Kenkmann am "Impaktometer" in den Ausstellungsräumen des Naturkundemuseums: Per Schieberegler kann er die Größe und Geschwindigkeit eines Meteoriten verändern und ihn anschließend auf Berlin niedergehen lassen. Beim größten anzunehmenden Brocken verschwindet der 3,5-Millionen-Stadtstaat in einem gähnenden Loch. "Da wird gerade die Siegessäule fortgeschleudert", kommentiert Kenkmann die Animation des Impaktometers.

Die Daten für die Simulation haben Kenkmann und seine Kollegen selbst errechnet. Zusammen mit den Freiburger Wissenschaftlern vom Ernst-Mach-Institut beschießen sie Sandstein-Blöcke mit zentimetergroßen Kugeln und analysieren dann, wie groß der Krater wird. Für ein realistisches Ergebnis muss das Geschoss allerdings bedeutend schneller sein als eine Pistolenkugel. Und so haben die Forscher eine 40 Meter lange Riesenkanone entwickelt, die das Projektil auf 20.000 Kilometer pro Stunde beschleunigt. "Der Krater, den die zentimetergroße Kugel dabei in den Stein schlug, war 25 Zentimeter groß", erklärt Kenkmann und umkreist die Einschlagstelle am Sandsteinblock mit einem Bleistift. "Und unsere Messung lässt sich beliebig auf größere Objekte übertragen."

Bis hin zu Giganten, die nicht nur der Menschheit, sondern den Planeten selbst in seinen Grundfesten erschüttern könnten. "Dafür bräuchte es allerdings Asteroiden mit einem Durchmesser von mehreren hundert Kilometern", sagt Kenkmann. Die sind zwar selten, doch es gibt sie: Bis zu 900-Kilometer-große Objekte ziehen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter ihre Bahn.

Und mindestens einen verbrieften Killer-Einschlag dieser Art hat es gegeben: Vor 4,5 Milliarden Jahren, in der Urzeit unserer Erde, wurde sie von einem Himmelskörper gestreift, der in etwa so groß war wie der Mars. Es war kein Volltreffer, trotzdem jagten Milliarden Tonnen Trümmer ins All und verklumpten schließlich. So hatte der planetare Mega-Crash am Ende sogar etwas Produktives: den kosmischen Trümmerklumpen nennen wir heute Mond.

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