Asteroiden: Geisterfahrer im Weltall

Von Christoph Seidler

Sonnensystem: Faszinierende Asteroiden Fotos
DPA / NASA / JPL-Caltech / UCLA / MPS / DLR / IDA / PSI

Was ist, wenn ein größerer Asteroid die Erde trifft? Forscher nehmen die Gefahr durchaus ernst und erörtern, ob man kosmische Geisterfahrer aus ihrer Bahn schubsen kann. Manche Unternehmer haben ganz andere Pläne: Sie wollen auf Himmelskörpern Rohstoffe abbauen.

Wir haben es wohl alle schon einmal im Hollywood-Film gesehen. Und es ist ein wahrhaft apokalyptisches Szenario: Ein riesiger Asteroid kracht mit unvorstellbarer Wucht auf die Erde. Dabei wird nicht nur die Einschlagsregion großräumig verwüstet. Der kosmische Geisterfahrer wirbelt beim Impakt auch so viel Staub auf, dass die Temperaturen auf der ganzen Welt stark sinken - weil das Sonnenlicht nicht mehr bis zur Erdoberfläche durchkommt.

Auf der gesamten Erde kennen Geologen riesige Krater, die von solchen Ereignissen künden. Der Einschlag eines mächtigen Asteroiden soll auch die Dinosaurier und viele andere Arten ausgelöscht haben. Astronomen zählen um die 900 Himmelskörper von mindestens einem Kilometer Durchmesser, die unsere Erdbahn kreuzen. Auch weniger mächtige Brocken können beträchtliche Schäden anrichten. Vor allem von diesen kleineren Exemplaren werden ständig neue entdeckt.

Andererseits sind die scheinbar so gefährlichen Brocken womöglich auch schuld daran, dass es überhaupt Leben auf der Erde gibt. Und weil sie aus der Frühzeit unseres Sonnensystems stammen, können sie Wissenschaftlern auch wichtige Hinweise zur Entstehung von Planeten liefern. Waghalsige Rohstoffmanager hoffen gar darauf, mit Asteroiden eines Tages gute Geschäfte zu machen.

Es gibt also ganz unterschiedliche Blickwinkel auf Asteroiden. Da sind zunächst…

…die Abwehr-Experten:

Bruce Willis in "Armageddon": So sieht Hollywood die Experten für Asteroidenabwehr Zur Großansicht
DPA/ Buena Vista

Bruce Willis in "Armageddon": So sieht Hollywood die Experten für Asteroidenabwehr

Diese Gruppe treibt vor allem die Frage um, wie sich die Erde vor einem kosmischen Geisterfahrer schützen lässt. Weltraumorganisationen wie Esa und Nasa arbeiten dazu gemeinsam an Lösungen. "Einen schweren Satelliten mit hoher Geschwindigkeit auf den Asteroiden draufzuschießen, ist die technisch einfachste Art, den Asteroiden so aus der Bahn zu schubsen, dass er der Erde nicht mehr zu nahe kommen kann", sagt Esa-Mitarbeiter Detlef Koschny. "Ohne Sprengkörper."

Koschny arbeitet am Europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrum Estec im niederländischen Noordwijk. Er sagt, ein vollautomatisch ausgeführter Schubser für einen Asteroiden sei sicherer als eine Art Taskforce-Einsatz mit Astronauten im Weltall. Bruce Willis kann also zu Hause bleiben. "Es ist gut, wenn bei einem Treffer keine Menschen in der Nähe sind" - anders als beim Katastrophenfilm "Armageddon", wo Retter schnell eingreifen müssen, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren.

Das europäische Projekt NEO-Shield soll in rund zwei Jahren eine Blaupause für eine Test-Mission zu einem Asteroiden liefern. Seit Jahren befassen sich Weltraumexperten mit Techniken zur Abwehr. Greifbare Ergebnisse gab es bisher nur wenige - es ist ja vermutlich auch noch etwas Zeit: Der nächste gefährliche Himmelskörper sei für das Jahr 2048 errechnet - mit einer Einschlagswahrscheinlichkeit von 1 zu 1800, sagt Koschny.

Esa-Experte Detlef Koschny: So sehen die Fachleute tatsächlich aus Zur Großansicht
DPA / Barucci

Esa-Experte Detlef Koschny: So sehen die Fachleute tatsächlich aus

Mittlerweile scheint klar, dass der 325-Meter-Asteroid Apophis die Erde sowohl 2029 als auch 2036 verfehlen wird. Laut Koschny werden rund 350 Asteroiden als gefährlich eingeschätzt. Die Wahrscheinlichkeit eines Asteroideneinschlags auf die Erde sei zwar vergleichsweise gering, aber nicht zu unterschätzen.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass man von einem Asteroiden erschlagen wird, liegt zwischen einem Flugzeugabsturz und einem Haibiss", sagt Koschny. Das sei eine recht theoretische Berechnung - Vorsicht sei aber trotzdem geboten. "Bei Haien im Wasser steht auf Schildern am Strand: 'Hier bitte nicht baden'."

"Wir müssen uns viel eher um die kleineren Objekte Sorgen machen - sowas wie das Tunguska-Ereignis in 1908", so Koschny. Da habe ein 40 Meter großer Brocken 2000 Quadratkilometer Wald flachgelegt. "Das passiert alle 300 bis 500 Jahre, das heißt, es kann morgen schon wieder passieren", warnt der Experte - und verweist darauf, dass so ein Ereignis auch Städte verwüsten könne. Es gibt allerdings auch Menschen, die einen ganz anderen Zugang zum Thema haben. Sie sind…

…die Rohstoffsucher:

Manager von Deep Space Industries: Hoffnung auf Rohstoffe Zur Großansicht
REUTERS

Manager von Deep Space Industries: Hoffnung auf Rohstoffe

Leute wie David Gump interessieren sich für die Bodenschätze, die sich auf den Himmelskörpern womöglich eines Tages abbauen lassen. Es geht um seltene Metalle wie etwa Platin oder Nickel. Aber auch als Methanlieferant könnten Asteroiden interessant sein. Vielleicht lassen sie sich als eine Art Zapfsäule im All zum Auftanken von Raumfahrzeugen nutzen.

Gump ist Chef der US-Firma Deep Space Industries - und das ist schon das zweite Unternehmen innerhalb kurzer Zeit, das Pläne für einen Rohstoffabbau im Weltraum vorgelegt hat. Vor wenigen Tagen gaben Gump und seine Leute bekannt, dass sie in zwei Jahren einen kleinen Erkundungssatelliten zur Suche nach Asteroiden starten wollen. Ein Jahr später soll dann ein Raumfahrzeug folgen, das auch Materialproben nimmt.

Langfristig will die Firma nicht nur Materialien aus dem All holen, sondern sie dort auch verarbeiten. Dazu soll eine extraterrestrische Fabrik entstehen, die mit Hilfe von 3D-Druckern zum Beispiel Solarzellen produzieren kann. Doch in Wahrheit wird der Goldrausch im All noch eine ganze Zeit auf sich warten lassen. Es ist nämlich durchaus fraglich, ob sich das Geschäft überhaupt lukrativ betreiben lässt. "Wir befinden uns noch in einem frühen Stadium", gesteht auch David Gump ein.

Exploration im All (grafische Darstellung): Großer Forschungsbedarf Zur Großansicht
DPA / Planetary Resources

Exploration im All (grafische Darstellung): Großer Forschungsbedarf

Auch die Konkurrenz der Firma Planetary Resources muss erst noch zeigen, dass sich ihre im vergangenen Jahr bekanntgegeben Pläne zum Asteroidenbergbau wirtschaftlich umsetzen lassen. Mit Google-Chef Larry Page und Weltraumtourist Charles Simonyi hat sich die Firma namhafte Unterstützer ins Boot geholt. Auch Planetary Resources will zunächst Teleskope ins All schicken, um nach passenden Asteroiden zu suchen. Im Blick hat man etwa 8900 Exemplare, welche die Erde in einem relativ geringen Abstand passieren - und in einer Flugzeit von einigen Monaten erreicht werden können.

"Wir erwarten nicht, dass diese Firma über Nacht schwarze Zahlen schreibt. Das wird einige Zeit dauern", sagt Eric Anderson, einer der Gründer der Firma. Das Unternehmen geht nach eigenen Angaben davon aus, dass ein 30 Meter großer Asteroid Platin im Wert von 25 bis 50 Milliarden Dollar enthalten könnte, wenn man heutige Preise ansetzt. Bei der Gewinnung der Metalle vor Ort bestehe aber noch großer Forschungsbedarf, erklärte das Unternehmen.

Und hier kommt eine weitere Gruppe ins Spiel, sie sind…

… die Asteroidenforscher:

Asteroidenlander "Mascot": "Geeigneten Ort für Probensammlung finden" Zur Großansicht
DLR

Asteroidenlander "Mascot": "Geeigneten Ort für Probensammlung finden"

Bei vielen Diskussionen über Asteroiden stellen die Experten früher oder später fest, dass sie bisher noch viel zu wenig über die Himmelskörper wissen. Und überhaupt: Erst ein einziges Mal hat bisher ein Raumfahrzeug Materialproben von einem Asteroiden zur Erde gebracht - und auch das nur in winzigsten Mengen. Mit der Sonde "Hayabusa 1" hatte die japanische Weltraumagentur Jaxa im Jahr 2010 ein paar Milligramm Staub vom Asteroiden Itokawa eingesammelt.

An der Nachfolgemission arbeiten nun auch deutsche Forscher mit. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) steuert den Lander "Mascot" ("Mobile Asteroid Surface Scout") für die Mission "Hayabusa 2" bei. Ziel ist ein winziger Himmelskörper namens 1999 JU 3. Sein Gestein verfügt über einen vergleichsweise großen Kohlenstoffanteil. Außerdem könnte es einst in Kontakt mit Wasser gekommen sein.

Vermutlich im Jahr 2018 soll "Hayabusa 2" bei 1999 JU 3 ankommen und den Asteroiden zunächst für ein Jahr begleiten - bevor dann der Lander "Mascot" aus etwa einhundert Metern Höhe abgesetzt wird. "Wir helfen der Muttersonde, einen geeigneten Ort für die Probensammlung zu finden", sagt Christian Grimm vom DLR-Institut für Raumfahrtsysteme in Bremen.

Ursprünglich hatten die Europäer mit einem Roboter selbst Material von einem Asteroiden einsammeln wollen. Doch dann wurde die Mission "Marco Polo" eingestampft. Nun ist das DLR zusammen mit der französischen Raumfahrtbehörde CNES als Juniorpartner bei der japanischen Reise dabei.

In einigen Jahren könnten auch Menschen auf einem Asteroiden landen. Zumindest hat die US-Weltraumbehörde Nasa entsprechende Pläne. Zuerst muss sie dafür aber ihren neuen Astronautentransporter bauen. Für den ersten Test haben sich die Amerikaner gerade mit den Europäern zusammengeschlossen. Und im Stillen hofft man bei der Esa wohl auch auf ein Ticket, sollte das Gefährt dereinst einmal zu einem Asteroiden aufbrechen.

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Mit Material von dpa

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1.
amerlogk 27.01.2013
Wenm wir schon sowas wie eine Bundeswehr haben, sollten wir gerne 25% des Budgets aufwenden um ein Asteroidenabwehrsystem zu haben.
2. Forscher
Herr Gerhardus 27.01.2013
Diese Gefahr . . . dann ist alles aus. Religionen, Wissenschaft alles für nichts.
3.
cassandros 27.01.2013
Zitat von amerlogkWenm wir schon sowas wie eine Bundeswehr haben, sollten wir gerne 25% des Budgets aufwenden um ein Asteroidenabwehrsystem zu haben.
Bundeswehr. Aha. Welche Waffengattung soll das übernehmen? Die Marine? Das Pionierbattallion ?
4. Erstaunlich
montecristo 27.01.2013
Das mit einer derartigen Wahrscheinlichkeit die ganze Meschheit ausgerottet werden könnte, dies aber noch nicht zu internationalen Abwehrmechanismen geführt hat, ist doch erstaunlich. Daran sieht man, wie wenig es der Mensch schafft Prioritäten zu setzen.
5.
Layer_8 27.01.2013
Zitat von sysopWas ist, wenn ein größerer Asteroid die Erde trifft? Forscher nehmen die Gefahr durchaus ernst und erörtern, ob man kosmische Geisterfahrer aus ihrer Bahn schubsen kann. Manche Unternehmer haben ganz andere Pläne: Sie wollen auf Himmelskörpern Rohstoffe abbauen. Asteroiden - Gefahr für Erde, Lebensbringer oder Rohstofflieferant - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/asteroiden-gefahr-fuer-erde-lebensbringer-oder-rohstofflieferant-a-879840.html)
Was ist, wenn ein größerer Asteroid die Erde trifft? Dann ändert sich eventuell das ganze Ökosystem der Erde. Arten werden verschwinden, neue Arten werden evolvieren. Ein neues Gleichgewicht wird sich einstellen. Klimatisch und biologisch. Alles schon dagewesen, nichts neues also.
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