Asteroidengefahr: Weltrettung für Fortgeschrittene

Von , Darmstadt

Wenn ein Asteroid auf der Erde einschlägt, drohen Verwüstungen, Flutwellen und Störungen der Atmosphäre - doch bisher hat sich die Welt kaum um die Gefahren gekümmert. Das soll nun anders werden - eine Gruppe internationaler Experten arbeitet an einem Plan gegen die kosmischen Geisterfahrer.

ESA

Die himmlische Verwandtschaft hat man nicht gern zu Besuch - denn sie würde einem ziemlich rüpelhaft das Wohnzimmer verwüsten. Wenn ein größerer Asteroid mit der Erde kollidiert, drohen katastrophale Folgen. Als 4,6 Milliarden Jahre alte Relikte aus der Frühzeit unserer kosmischen Heimat kreisen riesige Schwärme von Felsbrocken gemeinsam mit uns um die Sonne - und manchmal gerät einer von ihnen auf die schiefe Bahn.

Rund 150 Exemplare mit einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer und einem potentiell gefährlichen Kurs finden sich in den Datenbanken der Astronomen. Die Einschläge können brachial sein: So wurde die Erde vor 65 Millionen Jahren von einem Zehn-Kilometer-Geschoss getroffen, was ein massives Artensterben auslöste - die Dinosaurier eingeschlossen. Dass es wieder solch einen Treffer geben wird, ist statistisch gesehen nur eine Frage der Zeit.

Jenseits von ein paar wissenschaftlichen Gedankenspielen und Hollywood-Filmen gab es bisher auf der Erde dennoch keine Vorbereitungen auf einen kosmischen Geisterfahrer. Eine internationale Arbeitsgruppe hat bei der Europäischen Weltraumagentur Esa in Darmstadt jetzt erste Ideen für den Schutz vor einem katastrophalen Einschlag vorgestellt - ein erster Schritt auf einem sehr, sehr langen Weg.

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"AsteroidFinder": Suche nach der kosmischen Bedrohung
Die gute Nachricht: In absehbarer Zeit wird kein bekannter Asteroid zu einem akuten Problem. Und damit auch gleich zur schlechten Nachricht: Die vermeintliche Sicherheit ist trügerisch, denn viele mittelgroße Geschosse sind noch nicht aufgespürt. Im kommenden Jahrzehnt, so vermuten Fachleute, werden die Datenbanken der Astronomen mit neuen Funden geflutet. "Wir werden viele besorgniserregende Objekte entdecken. Bis zu 100.000 davon könnten gefährlich sein", sagt der frühere Nasa-Astronaut Tom Jones im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Jones gehört zur sogenannten NEO Mission Planning and Operations Group, in der Raumfahrer, Wissenschaftler und Vertreter der Vereinten Nationen zusammenarbeiten. Ein bisschen wirkt das wie im Film "Space Cowboys", in dem eine Altherrenriege um Clint Eastwood die Welt retten soll - in diesem Fall immerhin mit Erfolg.

Kosmisches Rollkommando gegen renitente Flugkörper

Die Argumentation von Raumfahrer Jones ist einfach: Neue Teleskope wie die 1,4-Gigapixel-Kamera "Pan-Starrs" auf Hawaii oder das geplante Large Synoptic Survey Telescope in Chile werden in den kommenden Jahren die Suche nach Asteroiden auf eine neue Stufe heben. Kanada will im kommenden Jahr einen Suchsatelliten starten. Deutschland hat mit dem "Asteroidfinder" ähnliches vor. Mit seiner Hilfe soll erstmals der Bereich zwischen Erde und Sonne auf gefährliche Flugkörper abgesucht werden.

Wenn nun aber immer mehr potentiell gefährliche Objekte entdeckt werden, wird sich immer häufiger die Frage stellen, wie die Menschheit damit umgehen soll: Wartet man ab und nimmt das Risiko eines katastrophalen Einschlags in Kauf? Oder schicken wir dem renitenten Flugkörper ein kosmisches Rollkommando auf den Hals?

Der ehemalige "Apollo"-Astronaut Rusty Schweickart warnt: "Die Entscheidungsfrequenz wird viel höher sein als die Einschlagsfrequenz." Die Menschheit, so wirbt Schweickart, habe bereits jetzt die Technologien, um zumindest mittelgroße Asteroiden von einer verhängnisvollen Bahn abzubringen - zum Beispiel durch den gezielten Crash einer schweren Sonde in den Himmelskörper.

Fehlen würden allerdings die politischen Vereinbarungen, damit die Technik im Notfall auch tatsächlich zum Einsatz kommt. "Es ist wichtig, dass wir diese Entscheidungen zusammen treffen", sagt Schweickart. Sergio Camacho vom Weltraumausschuss der Uno ergänzt: "Wir müssen die Ressourcen der Staaten zusammenlegen, die Fähigkeiten und die Ausstattung." Doch in der Realität wird es dafür zahllose Arbeitsgruppen, Ausschüsse, Konferenzen und Resolutionen brauchen. Weltrettung für Fortgeschrittene ist das, selbst wenn sich sogar die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit dem Thema befassen will.

USA verdreifachen Mittel für Asteroidensuche

Im Zweifelsfall werden es am Ende wohl wieder die USA richten müssen. Das Land ist derzeit ohnehin dabei, eine Führungsrolle bei der weltweiten Asteroidenabwehr zu übernehmen. Gerade hat John Holdren, Wissenschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, das in einem Brief an den US-Kongress klargestellt. 2011 werden die Finanzmittel für die Beobachtung potentiell gefährlicher Flugkörper von 5,8 auf 20,3 Millionen Dollar mehr als verdreifacht.

Eine Arbeitsgruppe der Nasa unter Führung von Schweickart und Jones, die sogenannte Task Force on Planetary Defense, hat noch weit Größeres vor: In einem vor wenigen Wochen vorgelegten Bericht an die Nasa-Spitze fordert das siebenköpfige Gremium 250 bis 300 Millionen Dollar pro Jahr, und das ein Jahrzehnt lang. Mit dem Geld sollen Beobachtung und Bahnverfolgung der Asteroiden ebenso bezahlt werden wie die Entwicklung von Abwehrtechniken.

Der plötzliche Tatendrang lässt sich leicht erklären: Bis 2025 sollen Nasa-Astronauten nach drei- bis sechsmonatiger Reise durchs All auf einem Asteroiden landen, um Techniken für einen Flug zum Mars zu testen. So jedenfalls steht es in den Raumfahrtplanungen von Präsident Obama. Bei der Umsetzung des Plans gibt es allerdings Probleme - allen voran bei der Frage, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Denn nur ein paar Dutzend bekannte Exemplare sind nach aktuellen Statistiken zum betreffenden Zeitpunkt überhaupt einigermaßen spritsparend anzufliegen. Umso attraktiver ist ein Ausbau der Asteroidenbeobachtung für die Nasa, da sich auf diese Art auch attraktive Reiseziele finden lassen.

Roboter sollen auf Asteroiden landen

Einmal identifiziert, würde dann wohl zunächst eine Robotermission zu dem betreffenden Asteroiden fliegen - und die könnte vielleicht auch aus Europa oder Japan kommen. "Für die Nasa ist internationale Kooperation in diesem Bereich sehr wichtig", sagt Ex-Astronaut Jones - denn die spart Geld. Für internationale Partner wäre eine erfolgreiche Maschinen-Mission andererseits eine Chance, einem ihrer Astronauten ein Ticket für einen bemannten Nasa-Flug zu sichern.

Aktuell gilt das größte Interesse der Asteroidenforscher übrigens dem Brocken 2004-MN4, kurz Apophis. Der 300-Meter-Asteroid kommt der Erde am 13. April - ein Freitag - des Jahres 2029 ungemütlich nahe. Nach aktuellen Berechnungen wird er 30.000 Kilometer über unseren Köpfen vorbeischrammen. 2036 nähert sich Apophis der Erde dann noch einmal - und niemand weiß genau, wie hoch das Einschlagsrisiko dann sein wird.

Krachte Apophis auf die Erde, worauf derzeit nichts hindeutet, wär ein mehrere Kilometer breiter Krater an Land oder eine stellenweise bis zu 100 Meter hohe Flutwelle im Ozean zu erwarten, glauben Experten. Eine in dieser Woche vorgestellte Studie des Planetary Science Institute weist außerdem auf eine weitere, bisher kaum beachtete Gefahr hin: Nach einem Asteroiden-Treffer im Ozean dürften gewaltige Mengen an aufgewirbeltem Meerwasser auch der Ozonschicht der Erde massiv zusetzen - und damit für einen drastischen Anstieg der UV-Strahlung an der Erdoberfläche sorgen.

"Es ist sicher gut, wenn wir uns auf eine Mission zu Ablenkung des Asteroiden vorbereiten", sagt Nicolas Bobrinsky, der sich bei der Esa unter anderem um die Erfassung von gefährlichen Flugkörpern und Weltraumschrott kümmert. Ex-Astronaut Schweickart äußert sich schon jetzt extrem optimistisch: "Wenn wir die bürokratischen Schwierigkeiten überwinden, müssen wir nie wieder von einem Asteroiden getroffen werden."

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Yo
Layer_8 29.10.2010
Zitat von sysopWenn ein Asteroid auf der Erde einschlägt, drohen Verwüstungen, Flutwellen und Störungen der Atmosphäre - doch bisher hat sich die Welt kaum um die Gefahren gekümmert. Das soll nun anders werden - eine Gruppe internationaler Experten arbeitet an einem Plan gegen die kosmischen Geisterfahrer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,726202,00.html
könnte Sinn machen. Selbst "kleinere" Asteroiden könnten Explosionen hervorrufen, welche der Sprengkraft von 100 bis 1000 Hiroshima Bomben entsprächen. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt nur einige 100 bis 1000 Jahre, dass sowas eintrifft. Kam gerade in 3Sat.
2. p =
Riff 29.10.2010
Zitat von Layer_8könnte Sinn machen. Selbst "kleinere" Asteroiden könnten Explosionen hervorrufen, welche der Sprengkraft von 100 bis 1000 Hiroshima Bomben entsprächen. Die Wahrscheinlichkeit dafür beträgt nur einige 100 bis 1000 Jahre, dass sowas eintrifft. Kam gerade in 3Sat.
Wahrscheinlichkeiten werden in Jahren angegeben? Kurios. Eine neue Art von Mathematik.
3.
AxelSchudak 29.10.2010
Zitat von RiffWahrscheinlichkeiten werden in Jahren angegeben? Kurios. Eine neue Art von Mathematik.
Nö, nur eine andere Art die mathematische Wahrscheinlichkeit anzugeben. Für Leute, die das missverstehen WOLLEN, sind das: ein Prozent bis ein Promille jährlich.
4. Es ist sinnvoll und höchste Zeit,...
konnat 29.10.2010
..dass an Asteroiden-u.Kometenabwehr gearbeitet wird. Ein "Brocken", von sagen sagen wir einmal 1 km Durchmesser, würde weltweit zu einem Impaktbeben von verheerendem Ausmaß führen. Auf diesem Planeten stehen über 400 AKW. Sollten davon auch nur 15-20 nicht standhalten und durchschmelzen, ist an Leben, so wie wir es kennen, auf Jahrtausende nicht mehr zu denken.
5. Bloss keine Bange!
yrickoff 29.10.2010
Ist im wesentlichen Geldbeschaffungspanik der NASA der die Themen weglaufen. sollte ein Planetenkiller auf uns zukommen könnten wir den eh mit nichts aufhalten. selbst ein kleiner Broken mit 150m ~ 200m Durchmesser würde auf Atomracketen unbeeindruckt reagieren, zumal der Richtungsvektor erhalten bleibt. in 50 Jahren stehen uns ggf Methoden zur Verfühgung, wie Natobot die Triebwerke bauen oder Superkannonen, aber das ist noch ein langer Weg.
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