Von Christoph Seidler, Darmstadt
Die himmlische Verwandtschaft hat man nicht gern zu Besuch - denn sie würde einem ziemlich rüpelhaft das Wohnzimmer verwüsten. Wenn ein größerer Asteroid mit der Erde kollidiert, drohen katastrophale Folgen. Als 4,6 Milliarden Jahre alte Relikte aus der Frühzeit unserer kosmischen Heimat kreisen riesige Schwärme von Felsbrocken gemeinsam mit uns um die Sonne - und manchmal gerät einer von ihnen auf die schiefe Bahn.
Rund 150 Exemplare mit einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer und einem potentiell gefährlichen Kurs finden sich in den Datenbanken der Astronomen. Die Einschläge können brachial sein: So wurde die Erde vor 65 Millionen Jahren von einem Zehn-Kilometer-Geschoss getroffen, was ein massives Artensterben auslöste - die Dinosaurier eingeschlossen. Dass es wieder solch einen Treffer geben wird, ist statistisch gesehen nur eine Frage der Zeit.
Jenseits von ein paar wissenschaftlichen Gedankenspielen und Hollywood-Filmen gab es bisher auf der Erde dennoch keine Vorbereitungen auf einen kosmischen Geisterfahrer. Eine internationale Arbeitsgruppe hat bei der Europäischen Weltraumagentur Esa in Darmstadt jetzt erste Ideen für den Schutz vor einem katastrophalen Einschlag vorgestellt - ein erster Schritt auf einem sehr, sehr langen Weg.
Jones gehört zur sogenannten NEO Mission Planning and Operations Group, in der Raumfahrer, Wissenschaftler und Vertreter der Vereinten Nationen zusammenarbeiten. Ein bisschen wirkt das wie im Film "Space Cowboys", in dem eine Altherrenriege um Clint Eastwood die Welt retten soll - in diesem Fall immerhin mit Erfolg.
Kosmisches Rollkommando gegen renitente Flugkörper
Die Argumentation von Raumfahrer Jones ist einfach: Neue Teleskope wie die 1,4-Gigapixel-Kamera "Pan-Starrs" auf Hawaii oder das geplante Large Synoptic Survey Telescope in Chile werden in den kommenden Jahren die Suche nach Asteroiden auf eine neue Stufe heben. Kanada will im kommenden Jahr einen Suchsatelliten starten. Deutschland hat mit dem "Asteroidfinder" ähnliches vor. Mit seiner Hilfe soll erstmals der Bereich zwischen Erde und Sonne auf gefährliche Flugkörper abgesucht werden.
Wenn nun aber immer mehr potentiell gefährliche Objekte entdeckt werden, wird sich immer häufiger die Frage stellen, wie die Menschheit damit umgehen soll: Wartet man ab und nimmt das Risiko eines katastrophalen Einschlags in Kauf? Oder schicken wir dem renitenten Flugkörper ein kosmisches Rollkommando auf den Hals?
Der ehemalige "Apollo"-Astronaut Rusty Schweickart warnt: "Die Entscheidungsfrequenz wird viel höher sein als die Einschlagsfrequenz." Die Menschheit, so wirbt Schweickart, habe bereits jetzt die Technologien, um zumindest mittelgroße Asteroiden von einer verhängnisvollen Bahn abzubringen - zum Beispiel durch den gezielten Crash einer schweren Sonde in den Himmelskörper.
Fehlen würden allerdings die politischen Vereinbarungen, damit die Technik im Notfall auch tatsächlich zum Einsatz kommt. "Es ist wichtig, dass wir diese Entscheidungen zusammen treffen", sagt Schweickart. Sergio Camacho vom Weltraumausschuss der Uno ergänzt: "Wir müssen die Ressourcen der Staaten zusammenlegen, die Fähigkeiten und die Ausstattung." Doch in der Realität wird es dafür zahllose Arbeitsgruppen, Ausschüsse, Konferenzen und Resolutionen brauchen. Weltrettung für Fortgeschrittene ist das, selbst wenn sich sogar die Generalversammlung der Vereinten Nationen mit dem Thema befassen will.
USA verdreifachen Mittel für Asteroidensuche
Im Zweifelsfall werden es am Ende wohl wieder die USA richten müssen. Das Land ist derzeit ohnehin dabei, eine Führungsrolle bei der weltweiten Asteroidenabwehr zu übernehmen. Gerade hat John Holdren, Wissenschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, das in einem Brief an den US-Kongress klargestellt. 2011 werden die Finanzmittel für die Beobachtung potentiell gefährlicher Flugkörper von 5,8 auf 20,3 Millionen Dollar mehr als verdreifacht.
Eine Arbeitsgruppe der Nasa unter Führung von Schweickart und Jones, die sogenannte Task Force on Planetary Defense, hat noch weit Größeres vor: In einem vor wenigen Wochen vorgelegten Bericht an die Nasa-Spitze fordert das siebenköpfige Gremium 250 bis 300 Millionen Dollar pro Jahr, und das ein Jahrzehnt lang. Mit dem Geld sollen Beobachtung und Bahnverfolgung der Asteroiden ebenso bezahlt werden wie die Entwicklung von Abwehrtechniken.
Der plötzliche Tatendrang lässt sich leicht erklären: Bis 2025 sollen Nasa-Astronauten nach drei- bis sechsmonatiger Reise durchs All auf einem Asteroiden landen, um Techniken für einen Flug zum Mars zu testen. So jedenfalls steht es in den Raumfahrtplanungen von Präsident Obama. Bei der Umsetzung des Plans gibt es allerdings Probleme - allen voran bei der Frage, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Denn nur ein paar Dutzend bekannte Exemplare sind nach aktuellen Statistiken zum betreffenden Zeitpunkt überhaupt einigermaßen spritsparend anzufliegen. Umso attraktiver ist ein Ausbau der Asteroidenbeobachtung für die Nasa, da sich auf diese Art auch attraktive Reiseziele finden lassen.
Roboter sollen auf Asteroiden landen
Einmal identifiziert, würde dann wohl zunächst eine Robotermission zu dem betreffenden Asteroiden fliegen - und die könnte vielleicht auch aus Europa oder Japan kommen. "Für die Nasa ist internationale Kooperation in diesem Bereich sehr wichtig", sagt Ex-Astronaut Jones - denn die spart Geld. Für internationale Partner wäre eine erfolgreiche Maschinen-Mission andererseits eine Chance, einem ihrer Astronauten ein Ticket für einen bemannten Nasa-Flug zu sichern.
Aktuell gilt das größte Interesse der Asteroidenforscher übrigens dem Brocken 2004-MN4, kurz Apophis. Der 300-Meter-Asteroid kommt der Erde am 13. April - ein Freitag - des Jahres 2029 ungemütlich nahe. Nach aktuellen Berechnungen wird er 30.000 Kilometer über unseren Köpfen vorbeischrammen. 2036 nähert sich Apophis der Erde dann noch einmal - und niemand weiß genau, wie hoch das Einschlagsrisiko dann sein wird.
Krachte Apophis auf die Erde, worauf derzeit nichts hindeutet, wär ein mehrere Kilometer breiter Krater an Land oder eine stellenweise bis zu 100 Meter hohe Flutwelle im Ozean zu erwarten, glauben Experten. Eine in dieser Woche vorgestellte Studie des Planetary Science Institute weist außerdem auf eine weitere, bisher kaum beachtete Gefahr hin: Nach einem Asteroiden-Treffer im Ozean dürften gewaltige Mengen an aufgewirbeltem Meerwasser auch der Ozonschicht der Erde massiv zusetzen - und damit für einen drastischen Anstieg der UV-Strahlung an der Erdoberfläche sorgen.
"Es ist sicher gut, wenn wir uns auf eine Mission zu Ablenkung des Asteroiden vorbereiten", sagt Nicolas Bobrinsky, der sich bei der Esa unter anderem um die Erfassung von gefährlichen Flugkörpern und Weltraumschrott kümmert. Ex-Astronaut Schweickart äußert sich schon jetzt extrem optimistisch: "Wenn wir die bürokratischen Schwierigkeiten überwinden, müssen wir nie wieder von einem Asteroiden getroffen werden."
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