ISS-Astronaut Alexander Gerst Völkerverständigung mit 26 Millionen PS

Ein halbes Jahr im All liegt vor dem deutschen Astronauten Alexander Gerst. Sein Nachtstart zur Internationalen Raumstation war ein spektakuläres Schauspiel. Die Raumfahrer haben ihr neues Zuhause bereits erreicht - und richten sich nun dort ein.

Aus Baikonur berichtet

AP/dpa

Erst kommt das infernalische Grollen, dann passiert zwei, drei Herzschläge lang gar nichts. Wenn die 20 Motoren der Sojus-FG-Rakete röhrend ihre Arbeit aufnehmen, wenn sie tonnenweise Kerosin und Flüssigsauerstoff verbrennen, wenn sie eine Leistung von 26 Millionen PS entfachen, dann dauert es trotzdem einen Moment, bis sich der 300-Tonnen-Koloss vom Startplatz erhebt. Erst dann lässt die Feuersäule die nächtliche Steppe hell werden.

"Die Beschleunigung setzt erst einige Zeit nach dem Start der Motoren ein", erklärt Frank De Winne. Der zweifache Raumfahrer aus Belgien leitet das Esa-Astronautenzentrum in Köln - und ist damit auch Chef des deutschen Astronauten Alexander Gerst. Der Vulkanforscher ist am Mittwochabend zusammen mit seinen beiden Kollegen Reid Wiseman (USA) und Maxim Surajew vom Weltraumbahnhof Baikonur gestartet - und hat jetzt 166 Tage im All vor sich.

Es ist ein spektakulärer Nachtstart der Sojus. In Baikonur gibt es - im Gegensatz zu anderen Weltraumbahnhöfen - keinen Countdown. Doch ein Blick auf die Uhr zeigt, wann es losgehen muss: Um 21.57 Uhr deutscher Zeit zünden die Triebwerke. Minutenlang ist die Sojus nach ihrem erst behäbigen, später furiosen Abheben dann am Himmel zu sehen: Die erste Raketenstufe brennt knapp zwei Minuten, die zweite weitere viereinhalb - und die dritte noch einmal knapp vier. Und schon nach zehn Minuten ist die Kapsel in der Erdumlaufbahn, der Internationalen Raumstation auf der Spur.

Baikonur, der traditionsreiche Startplatz in der kasachischen Steppe, ist der einzige Ort der Welt, von dem Menschen überhaupt noch zur Internationalen Raumstation fliegen können. Gersts Crew im Raumschiff "Sojus TMA-13M" hob von exakt derselben Startrampe ab, von der aus Juri Gagarin einst als erster Mensch ins All aufgebrochen war. Die Technik, vom Grundprinzip seither unverändert, hat sich bewährt.

"Jede Unregelmäßigkeit der bisherigen Flüge ist ausgewertet worden - und hat dafür gesorgt, dass die Rakete ständig weiterentwickelt wurde", sagt Weltraum-Veteran Sigmund Jähn. Als DDR-Oberstleutnant startete er 1978 mit einer "Sojus" in Baikonur; nach Kasachstan ist er jetzt gekommen, um Gersts Weg ins All mitzuverfolgen. Zum Start trägt Jähn trotz der Wärme der Steppennacht einen grauen Anzug mit Krawatte - mit weißen Sternchen auf blauem Grund.

Seit März vergangenen Jahres schicken die Russen die ISS-Crews mit einem neuen Verfahren ins All. Statt 34 Erdumkreisungen sind jetzt nur noch vier nötig. Auch Esa-Mann Gerst und seine zwei Kollegen profitierten von diesem beschleunigten Anflug. Er wird auch dadurch möglich, dass die Rakete so abhebt, dass nur rund zwei Minuten vor dem Start die ISS genau über Baikonur ihre Bahn zieht. Zu sehen ist die Station von der Zuschauertribüne aus allerdings nicht, weil sie hoch oben am Nachthimmel noch nicht von der Sonne angeleuchtet wird.

Sechs Stunden in der engen Kapsel

Die sechs Stunden in der Kapsel mussten die Raumfahrer beinahe komplett sitzend verbringen: Gerst ganz rechts, Wiseman links und Surajew, der Kommandant, in der Mitte. Bestenfalls eine kleine Pinkelpause ist normalerweise beim Anflug drin. "Man liegt in den Sitzen mit angezogenen Beinen, das ist nicht sehr bequem", beschreibt Esa-Astronautenchef Thomas Reiter, selbst zweifacher Raumfahrer mit ISS-Erfahrung. "Deswegen ist man froh, wenn man kurz die Gurte losmachen kann."

Am Donnerstagmorgen, 4.14 Uhr deutscher Zeit, machte die Kapsel dann an der ISS fest. Anderthalb Stunden später wurden die Luken geöffnet. Vor den Raumfahrern liegt nun ein halbes Jahr im All. Allein Alexander Gerst soll während dieser Zeit bei hundert wissenschaftlichen Experimenten mitarbeiten. Vor allem darum soll es auf der ISS gehen, betonen Raumfahrtmanager immer wieder. Rund vierzig der Versuche kommen aus Deutschland und Europa. "Eines der Highlights ist für uns der Elektromagnetische Levitator", sagt Volker Schmid, der die Gerst-Mission beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) leitet.

Elektromagnetischer Levitator, hinter diesem etwas sperrigen Namen verbirgt sich ein neuer Ofen, in dem Metallproben geschmolzen werden können, ohne dass sie die Wände des Gefäßes berühren. Die Erkenntnisse sollen zum Beispiel bei der Fertigung von Motorenblöcken oder Turbinenschaufeln helfen. Doch bevor dieser und andere Versuche richtig losgehen, müssen sich die Raumfahrer erst einmal in ihrer neuen Heimat orientieren. "Spätestens nach einer Nacht hat man sich an die Schwerelosigkeit gewöhnt", sagt der frühere Astronaut Thomas Reiter.

Politisch schwierige Zeit

Die Zeit der Schwerelosigkeit soll für die Raumfahrer freilich auch eine Zeit der Leichtigkeit werden, allen irdischen Widrigkeiten zum Trotz. Denn der Bilderbuchstart von Baikonur fällt in eine politisch schwierige Zeit. Wohl auch wegen der Ukraine-Krise hat sich die Dreiercrew der Mission immer wieder bewusst öffentlich in Szene gesetzt: Man will mehr sein als nur Arbeitskollegen, es geht um die Völkerverständigung.

"Wir fliegen als Freunde gemeinsam in den Weltraum", sagte Gerst bei der Abschlusspressekonferenz am Dienstag. "Im All gibt es keine Grenzen, Nationalitäten spielen da keine große Rolle." Seine Kollegen äußerten sich ähnlich. Auch mit Umarmungen und Selfie-Handyfotos wurde die Völkerfreundschaft immer wieder beschworen.

Raumfahrer und Raumfahrtmanager wollen verhindern, dass die politischen Verwerfungen auf der Erde das All erreichen. "Es gibt keine Spannungen im Führungsteam oder unter den Mitarbeitern des ISS-Programms", so hat es Nasa-Chef Charlie Bolden kürzlich im SPIEGEL-ONLINE-Interview ausgedrückt.

Gerst, Wiseman und Surajew wollen - und sollen - genau das zeigen. "Ich halte es prinzipiell nicht für gut, wenn die Raumfahrt Spielball nationaler Überlegungen ist", sagt auch DLR-Chef Johann-Dietrich Wörner nach dem Start. Wörner hatte Gerst unmittelbar bis zum Einstieg in die "Sojus" begleitet.

Stolz zeigt er dann auf seinem iPhone einen Film, der schon ziemlich nach Hollywood aussieht: Zu sehen ist, wie die Raumfahrer in ihren strahlend weißen Sokol-Raumanzügen auf einer buttergelben Einstiegsleiter an der Rakete stehen. Hinter ihnen wabern Sauerstoffwolken aus den Tanks, die Szenerie ist hell erleuchtet. Alle drei winken mit ihren behandschuhten Händen; Wörner ruft laut "Alles Gute, Alex" - und dann: "Tschüss, auf Wiedersehen."

Und Gerst, unmittelbar vor seinem ersten Raumflug, dreht sich cool noch einmal um und antwortet beim Einstieg mit fester Stimme: "Auf Wiedersehen." In 166 Tagen dürfte es soweit sein, wenn weiter alles glattgeht. Dann soll die Besatzung wieder in der kasachischen Steppe landen.



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insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
joG 29.05.2014
1. Bemannte Raumfahrt ist prima, wenn....
....es privat betrieben wird. Mag sein, dass in den 1960er eine Rechtfertigung für öffentliche Männer auf dem mond bestand, aber es zeigt sich immer wieder, dass man weitaus preiswerter an die Forschungsergebnisse kommt. Und es ist nicht Sache der Regierung Jubelpropaganda zu machen mit dem Geld der Steuerzahler.
eglseer 29.05.2014
2. Countdown
Natürlich gab es auch bei diesem Start einen Countdown. Zumindest war die rückwärts laufende Uhr im russischen Kontrollzentrum diesem verblüffend ähnlich ;-)
BettyB. 29.05.2014
3. Sprache...
Ist dieser "Astronaut" gar kein Astronauten, sondern vielmehr ein Kosmonaut?
pragmatico 29.05.2014
4. Leistung oder Schub ?
Ein Raketenmotor erzeugt doch einen Schub, und keine Leistung ?!? Insofern ist die Angabe der vermeintlichen Leistung in PS nicht korrekt. Es müsste dann eher Pfund oder kN heissen. ..
09er 29.05.2014
5. Gemeinsame Ziele
Wenn Menschen ein gemeinsames Ziel haben, ist plötzlich die Zugehörigkeit zu politischen Systemen total unwichtig. Wir haben alle gemeinsam nur diesen einen Planeten auf dem wir uns arrangieren müssen.
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